ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2015Deutsches Gesundheitssystem: Gut, leicht zugänglich, aber teuer

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Deutsches Gesundheitssystem: Gut, leicht zugänglich, aber teuer

Osterloh, Falk

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Die Unterschiede zwischen den einzelnen Gesundheitssystemen sind überraschend groß. Das zeigt der neue OECD-Vergleich. In vielen Bereichen steht Deutschland gut da. Aber nicht in allen.

Zu viele Krankenhausbetten stehen in deutschen Kliniken. Diese Meinung der Bundesregie- rung teilt auch die OECD. Foto: picture alliance
Zu viele Krankenhausbetten stehen in deutschen Kliniken. Diese Meinung der Bundesregie- rung teilt auch die OECD. Foto: picture alliance

Die Qualität der Patientenversorgung in Deutschland ist gut. So sieht es die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem aktuellen Bericht „Gesundheit auf einen Blick“, in dem sie Gesundheitsdaten aus den OECD-Ländern miteinander verglichen hat. Zum Beispiel sei die Überlebensrate nach einem Schlaganfall in Deutschland hoch, erklärte der stellvertretende Generalsekretär der OECD, Stefan Kapferer, Anfang November bei der Vorstellung des Berichts in Berlin.

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Zudem seien die Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Deutschland stark zurückgegangen. „Mit Sorge sehen wir jedoch den anhaltenden Anstieg von Adipositas“, so der frühere Staatssekretär im Gesundheitswesen. In vielen europäischen Ländern wie Norwegen, Italien, der Schweiz oder den Niederlanden gebe es deutlich weniger Adipöse.

Zu wenig Hausärzte

Wie auch die Bundesregierung bezeichnete Kapferer die Anzahl der Krankenhausbetten in Deutschland als zu hoch. Zwar sei ihre Zahl schon reduziert worden, „aber langsamer als man das unter Kostengesichtspunkten für sinnvoll halten würde“. In dem OECD-Bericht liegt Deutschland bei der Anzahl der Krankenhausbetten auf dem vierten Rang mit 8,3 Betten pro 1 000 Menschen. Vor Deutschland liegen Japan (13,3 Betten), Korea (11 Betten) und Russland (9,1 Betten). Die wenigsten Krankenhausbetten stehen innerhalb Europas in Schweden (2,6 Betten pro 1 000 Menschen), der Türkei (2,7 Betten) und Großbritannien (2,8 Betten).

Als problematisch sieht die OECD den stetigen Rückgang des Anteils von Hausärzten an der gesamten Arztzahl: Dieser sei in den vergangenen Jahren von mehr als 50 Prozent auf etwas über 40 Prozent gesunken, sagte Kapferer. Die Primärversorgung müsse daher in Deutschland gestärkt werden. Auch seien Ärzte in Deutschland vergleichsweise alt. Während im OECD-Durchschnitt 33 Prozent aller Ärzte über 55 Jahre alt sind, sind es in Deutschland 42 Prozent. Übertroffen wird Deutschland nur von Belgien (43 Prozent), Estland (44 Prozent), Frankreich (45 Prozent), Italien und Israel (je 49 Prozent).

Den Zugang zum deutschen Gesundheitssystem bezeichnete Kapferer als „traditionell sehr gut“. Es gebe kurze Wartezeiten, übersichtliche Eigenleistungen und ausgeprägte Wahlmöglichkeiten. Im internationalen Vergleich seien die Wartezeiten „sehr gering“. Die Wartezeitendebatte in Deutschland ist für ihn eine „Phantomdebatte“.

Überdurchschnittlich hoch sei in Deutschland die Inanspruchnahme des Systems, so Kapferer. Im OECD-Durchschnitt besuchte ein Patient 6,6 Ärzte im Jahr 2013. In Deutschland waren es 9,9. Vor Deutschland liegen unter anderem Japan (12,9 Arztbesuche), Tschechien (11,1) und Russland (10,5).

Auch die Gesundheitsausgaben sind in Deutschland hoch. Im Durchschnitt lagen sie im Jahr 2013 bei 4 819 Dollar pro Person. Im OECD-Durchschnitt waren es 3 453 Dollar. Vor Deutschland lagen nur Schweden (4 904 Dollar), die Niederlande (5 131 Dollar), Norwegen (5 862 Dollar), die Schweiz (6 325 Dollar) und die USA (8 713 Dollar).

Zu viele Raucher

Unter dem Durchschnitt liegt Deutschland bei dem Erfolg von Präventionsmaßnahmen. So gibt es hierzulande mehr Raucher, die täglich Zigaretten rauchen als in der OECD. „In Bereichen, die eine individuelle Entscheidung der Menschen betreffen, schneidet Deutschland bei den Präventionsanstrengungen schlecht ab, neben dem Rauchen auch beim Alkoholkonsum oder bei der Adipositas“, sagte Kapferer. „Da muss Deutschland noch mehr Anreize setzen.“

Falk Osterloh

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