ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2015Radikalisierung: Spirale der Gewalt

EDITORIAL

Radikalisierung: Spirale der Gewalt

Bühring, Petra

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Die Terroranschläge von Paris und auch alle anderen Morde der Terrormiliz IS im Nahen Osten schockieren die Welt. Die Spirale extremistischer Gewalt scheint sich immer schneller zu drehen. Was sind die Ursachen für Radikalisierungen, diesem Phänomen, bei dem Einzelpersonen oder Gruppen zu einer extremen Überzeugung gelangen, die auch extreme Gewalttaten nach sich ziehen kann? Unter das sich also ebenso Rechtsradikale wie die Pegida-Bewegung einordnen lassen. Wie entgleiten Menschen in den Extremismus?

Mit diesem Thema befassten sich Experten aus Medizin, Kirche und Politik bei einer Podiumsdiskussion auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) Ende November in Berlin. Der große Hörsaal war übervoll – das Bedürfnis nach Antworten, nach Erklärungen, die Psychiatrie und Psychotherapie liefern könnten, groß. Ein Versuch der Zusammenfassung:

Die Experten waren sich einig, dass es kein psychopathologisches Musterprofil eines Extremisten oder Terroristen gibt. Vielmehr verbergen sich dahinter vielschichtige individuelle und mehr noch soziale Prozesse. Entscheidend für Radikalisierung kann aber ein psychologisches Klima sein, in dem sich die Betreffenden befinden oder in dem sie aufgewachsen sind. Dieses wird geprägt durch das Gefühl, Opfer von Erniedrigung, Diskriminierung und Ungerechtigkeit zu sein sowie einem polarisierten Weltbild. Verbitterung scheint eine Rolle zu spielen, ein Zustand, der wie Angst sehr extrem werden und selbstzerstörerische aggressive Handlungen auslösen kann. Verbitterung betrifft den Einzelnen, Radikalisierung entsteht jedoch in Gruppen, somit müssen die Zusammenhänge komplexer sein. Darüber hinaus gelten Menschen mit autoritätsaffiner, paranoider Persönlichkeitsstruktur, vermindertem Selbstwertgefühl und einer Neigung zur Externalisierung als anfälliger.

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Sozialer Ausschluss oder auch nur imaginierter Ausschluss kann zu Radikalisierung führen. Wenn dann extremistische Organisationen Zugehörigkeit, Sinnstiftung und Selbstwirksamkeit versprechen, Lösungen für alle Probleme anbieten, wird der Nährboden bereitet. Menschen, die sich ausgeschlossen fühlen, wollen sich durch die Zugehörigkeit zu solchen Organisationen aufwerten – den eigenen Selbstwert über die Entwertung anderer herstellen. Die Kindheit und Jugend gilt als besonders vulnerable Zeit für die Ausbildung von Ideologien.

Was kann man tun? Die Experten kamen überein, dass Politik und Gesellschaft ganz allgemein Ausgrenzung vermeiden und die Integration unbedingt fördern muss. Durch präventive psychologische Interventionen müssen vor allem junge Menschen aus Risikogruppen am Einstieg in radikale Organisationen gehindert werden. Auch der Ausstieg aus solchen Organisationen sollte erleichtert werden, weil IS und rechte Gruppen gleichermaßen damit drohen, dass bei einem Ausstieg das Nichts komme. Initiativen wie Exit Deutschland, die sich seit langem um Menschen kümmern, die aus der rechten Szene aussteigen wollen, leisten hier gute Arbeit und sollten mehr unterstützt werden. Und schließlich müssen die Entstehungsprozesse von Radikalität und Extremismus verstärkt disziplinübergreifend erforscht werden.

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