ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2015Volkskrankheit Depression: Neuerungen in der Psychotherapie

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Volkskrankheit Depression: Neuerungen in der Psychotherapie

Bühring, Petra

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Die S3-Leitlinie und Nationale Versorgungsleitlinie „Unipolare Depression“ wurde umfassend überarbeitet und erweitert. Sie richtet sich an alle Berufsgruppen.

Drei Viertel derjenigen, die an einer schweren Depression leiden, erhalten keine leitliniengerechte Behandlung. Foto: Fotolia/hamburg/berlin
Drei Viertel derjenigen, die an einer schweren Depression leiden, erhalten keine leitliniengerechte Behandlung. Foto: Fotolia/hamburg/berlin

Depressionen zählen weltweit zu den häufigsten Volkskrankheiten. Bundesweit sind innerhalb eines Jahres rund 6,2 Millionen Menschen betroffen. „Trotz der großen Bedeutung der Erkrankung, auch im Hinblick auf Fehltage und Frühverrentungen, gibt es bei der Versorgung von Menschen mit Depressionen große Defizite“, sagte Dr. med. Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) bei der Vorstellung der revidierten S3-Leitlinie und gleichzeitigen Nationalen Versorgungsleitlinie (NVL) „Unipolare Depression“ Mitte November in Berlin.

„Die Behandlungsmöglichkeiten für Menschen mit Depressionen haben sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Und doch erhalten drei Viertel der Menschen, die an einer schweren Depression leiden, keine leitliniengerechte Behandlung; ein Fünftel erhält sogar gar keine Behandlung“, sagte Hauth.

Um diese Defizite in der Versorgung abzubauen und das Wissen über Ursachen, Diagnostik und Therapie von Depressionen zu verbessern, hat die DGPPN gemeinsam mit 30 Fachgesellschaften, Verbänden und Organisationen die S3-Leitlinie und NVL umfassend überarbeitet und erweitert. Sie formuliert auf über 250 Seiten mehr als 120 Schlüsselempfehlungen und ersetzt die alte Leitlinie, die 2009 erstmals veröffentlicht wurde.

Initiiert, koordiniert und finanziert wurde die Leitlinie von der DGPPN, die sie gemeinsam mit der Bundesärztekammer, Kassenärztlicher Bundesvereinigung, der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, der Bundespsychotherapeutenkammer und anderen herausgibt. Sie richtet sich an alle Berufsgruppen, die Patienten mit unipolarer Depression behandeln.

„Die Revision trägt wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen Rechnung“, sagte Prof. Dr. med. Frank Schneider, Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Universitätsklinik der RWTH, Aachen. So bilde die Leitlinie Neuerungen in der Pharmakotherapie und bei psychotherapeutischen Verfahren ab. „Sie geht speziell auf die Bedürfnisse älterer Patienten und auf die Behandlung bei somatischer und psychischer Komorbidität ein“, betonte er.

„Bei der Psychotherapie wurden neu die Systemische und Familientherapie aufgenommen sowie die Kognitive Therapie der sogenannten dritten Welle“, berichtete Prof. Dr. med. Dr. phil. Martin Härter, Institut und Poliklinik für Medizinische Psychologie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. „Bei akuten mittelschweren bis schweren Depressionen empfehlen wir immer eine Kombination von Psychotherapie und Pharmakotherapie“, betonte er. Ebenso neu sei die Aufnahme niederschwelliger psychosozialer Basisinterventionen, die Psychiater, Hausärzte und Psychotherapeuten noch vor spezifischen Behandlungen einsetzen können.

Weitere Schwerpunkte der neuen Leitlinie sind die Darstellung der wissenschaftlichen Belege und Empfehlungen zu körperlichem Training und Sport sowie zur Elektrokonvulsionstherapie. Darüber hinaus sind erstmals ein Kapitel zum Umgang mit Patienten mit Migrationshintergrund und zur Behandlung von Frauen in der Peripartalzeit integriert.

„In einem sehr aufwendigen Verfahren wurde Literatur systematisch gesichtet, kritisch geprüft und dann abgewogen, welche Behandlungen in welcher Situation mehr oder weniger erfolgversprechend sind“, sagte Corinna Schäfer vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin. Sie wies weiter darauf hin, dass Nationale Versorgungsleitlinien das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen und den Gemeinsamen Bundesausschuss beeinflussen bei der Erstellung von Disease Management Programmen. NVL legten zudem die Koordination der Behandlung fest.

Die Langfassung der revidierten S3-Leitlinie ist bereits im Netz verfügbar. Die Kurzfassung sowie die Patientenleitlinie werden in den nächsten Monaten fertig gestellt.

Petra Bühring

@Die Langfassung der S3-Leitlinie im Internet: http://d.aerzteblatt.de/TN68

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