ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2015Psychoanalyse und Gesellschaft: Die Flüchtlinge und wir – Leben in der „Flüchtigen Moderne“

THEMEN DER ZEIT

Psychoanalyse und Gesellschaft: Die Flüchtlinge und wir – Leben in der „Flüchtigen Moderne“

Stadler, Albrecht

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die wachsende Flüchtigkeit der sozialen Bezüge kann zu Ressentiments gegenüber Fremden führen. Flüchtlinge als Sündenböcke, anhand derer man sich des Schreckgespenstes einer aus den Fugen geratenen Welt in symbolisierter Weise entledigen kann. Ein Erklärungsversuch

„Geh weida“ heißt der Artikel in der Süddeutschen Zeitung, zu dem das Foto veröffentlicht wurde. Foto: AFP, CHRISTOF STACHE
„Geh weida“ heißt der Artikel in der Süddeutschen Zeitung, zu dem das Foto veröffentlicht wurde. Foto: AFP, CHRISTOF STACHE

Das Bild in der Zeitung zeigt großformatig und beherrschend einen kleinen niederbayerischen Ort, der sich auf einer leichten Anhöhe ausbreitet. Der Ort wirkt wie eine geschlossene Einheit, eingerahmt von Buschwerk und Bäumen, idyllisch aber morgens noch leblos. In großem Abstand zum Ort führt am Feldrain ein Weg, eine für landwirtschaftliche Zwecke genutzte Straße entlang, auf der ein Polizeimannschaftswagen vor einer Gruppe von etwa 30 bis 40 Menschen herfährt, deren Gesichter unter Mützen und Kapuzenpullis kaum sichtbar werden. Es handelt sich um eine Gruppe von Flüchtlingen. Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer verschiedenen Alters, einer geht gebeugt an einer behelfsmäßig aussehenden Krücke. Wohin der Weg führt, ist nicht sichtbar, er führt wohl an der oben im Bild zu sehenden geschlossenen Ortschaft vorbei. Wir wissen nicht, wohin, und die Flüchtlinge wissen das noch viel weniger.

Anzeige

„Ich konnte nicht anders“

Ist das Bild ein Ausdruck für die Verschlossenheit unserer Gesellschaft? Das Dorf liegt unverwandt und das Bild beherrschend da: Es sieht nicht so aus, als würde es sich öffnen können für die Fremden. Der Artikel (1) berichtet von den Flüchtlingen, die bei Passau über die deutsche Grenze kommen und zumeist zu Fuß zum Erstaufnahmezelt unterwegs sind. Der Artikel berichtet auch von einem Mann, der nicht mit Namen genannt sein will, vor dessen Haus sich Hunderte von Flüchtlingen sammelten, weil die nächste Erstaufnahmemöglichkeit, eine leere Lkw-Halle im nächsten Ort, schon überfüllt war. Sie, die Flüchtlinge, wussten offenbar nicht, was sie tun sollten. Es war früh am Morgen, und sie standen im Regen. Der Mann hat sie in sein Haus geholt, nicht alle, aber Frauen und Kinder, 60 bis 70 Personen. Der Mann wird zitiert: „Ich konnte nicht anders“. In seiner Stube, die vor langer Zeit mal eine Wirtshausstube war, hat er Dinge für die Flüchtlinge spontan bereitgestellt. Ein Kind fällt ihm auf, das Mädchen weint andauernd nach seinem Papa. Nach einiger Zeit holt er den ausfindig gemachten Vater des Kindes von draußen aus dem Regen herein. Der Vater nimmt seine Tochter, sie hört auf zu weinen. Mit brechender Stimme berichtet der Mann, der nicht genannt werden will, dass der Vater ihm irgendwie verständlich gemacht habe, dass die Mutter des Mädchens auf der Flucht gestorben sei. Im Dorfwirtshaus ist der Mann von den „Stammtischlern“ gefragt worden, warum er das getan habe. Er erzählt, er habe zurückgefragt, was denn zu tun sei, wenn vor dem Haus die Kinder im Regen frieren würden. Die Antworten, die er bekommen habe, seien nicht geeignet, so sagt der Mann, abgedruckt zu werden.

Der 1925 geborene Sozialphilosoph Zygmunt Bauman, ein Pole aus einer jüdischen Familie, ist ein Vordenker der Postmoderne, dessen Leben Zeugnis ablegt über Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert. Bauman befasst sich mit dem Übergang von der Moderne in die Post-Moderne (2). Der Begriff Postmoderne hat in seinen Augen viel Verwirrung gestiftet, deshalb spricht er jetzt lieber von der Flüssigen beziehungsweise Flüchtigen Moderne (Liquid Modernity), die er in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorfindet. Im Gegensatz zur Festen Moderne werden in der Flüchtigen Moderne Sicherheiten zugunsten größerer Freiheiten aufgegeben: die Freiheit von Bindung und Verbindlichkeit, die Freiheit, das Leben zu gestalten, und die zu unbegrenztem Konsum. Wir gewinnen an Freiheit, und der Verlust an Sicherheit zeigt sich in der Angst, in der, so Bauman, „Flüssigen Angst“ (Liquid Fear), so ein Titel eines späteren Buches (3). Wir leben in Zeiten und in einer Kultur der Angst und der Panik. Alle möglichen Katastrophen bedrohen uns jederzeit, seien es Naturkatastrophen oder terroristische Bedrohungen, seien es Viren und Bakterien, die grenzenlos wirken. Jeder kann, und so wird es uns medial vermittelt, jederzeit drankommen, jederzeit können wir die Nächsten sein, die von der Katastrophe ereilt werden. Wir nennen es die Angst und wir meinen die Unsicherheit unserer flüchtigen Gegenwart und unserer verflüssigten Kultur, derer wir nicht habhaft werden.

Kompensatorische Bindungen

Sich auflösende Bindungen und Verbindlichkeiten in Beziehungen führen zu Bindungen an andere und verschiedene Dinge und Inhalte. Wir schaffen uns Ersatzbindungen, Kundenbindung ist ein wesentliches Ziel der sich globalisierenden Wirtschaft; wir binden uns an Marken, die uns Identität versprechen, wir binden uns massenhaft an Fußballvereine und suchen Leitkulturen, die unsere Unsicherheit kompensieren können. Diese kompensatorischen Bindungen werden zuweilen mit fundamentalistischem Furor verteidigt. Der Konsumismus scheint menschliche Bindungen zu ersetzen. Neuere Studien berichten von dramatisch ansteigenden Kaufsüchten. Jedoch, die gekauften Dinge werden nicht gebraucht. Der Kick besteht in der unmittelbaren Befriedigung. Diese wiederum wird als fiktives Zeichen einer unendlichen Verfügbarkeit gesehen. Sven Hillencamp weist in seinem Buch – „Das Ende der Liebe – Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit“ (4) – auf diese Phänomene hin.

Zygmunt Bauman zeigt, dass diese Entwicklungen weder gut noch schlecht sind. Sie sind seiner Ansicht nach immer von Natur aus ambivalent. Die Ambivalenz bringt Gewinne und Verluste mit sich. Metaphorisch vergleicht er kulturelle und gesellschaftliche Entwicklungen mit einem Pendel, das zwischen Unsicherheit und Freiheit, zwischen Sicherheit und Unfreiheit, langsam hin und her schwingt.

Die wachsende Flüchtigkeit der sozialen Bezüge, die zunehmenden Brüche in den menschlichen Bindungen – daran können wir in Psychotherapie und Beratung nicht vorbeisehen –, das führt, so Bauman, zu Ressentiments gegenüber Fremden. Diese Fremden stellen lebendige und greifbare Verkörperungen der befürchteten Flüchtigkeit der Welt dar. Die Fremden bieten sich als die Sündenböcke an, anhand derer man sich des Schreckgespenstes einer aus den Fugen geratenen Welt in symbolisierter Weise entledigen kann. Die Fremden, die an erster Stelle Ablehnung und Hass hervorrufen, sind jetzt die Flüchtlinge, die Asylbewerber und die mittellosen Migranten aus den ärmsten und am meisten bedrohten Regionen dieser Welt. Sie sind uns ein Zeichen dafür, dass unsere Sicherheit und unser wohlhabender Lebensstil nicht gesichert, dass Ruhe und Frieden stets bedroht sind. Kriege, Massaker, neu entstehende Armeen, die sich aus Kindern und Jugendlichen ohne Lebensperspektive rekrutieren, sind die Folgen einer Globalisierung, der wir Vorschub geleistet haben, durch die zugleich unsere Lebensweisen bedroht sind; in erster Linie jedoch sind die Verlierer der Globalisierung betroffen, was sich in einer „Massenproduktion“ von Flüchtlingen ausdrückt.

Geschlossene Gesellschaften

Als Ausgestoßene und Rechtlose sind sie die Produkte einer Globalisierung, von der sie auf eine nie endend erscheinende Reise geschickt werden. Es gibt keinen Ort, wo sie sich endlich niederlassen können. Bauman lässt seine eigenen Lebenserfahrungen als polnischer Jude sprechen, wenn er von den Flüchtlingen als dem „menschlichen Abfall des globalen Grenzlandes“ spricht, von den „absoluten Außenseitern, die an jedem Ort der Welt fehl am Platz sind“. „Wer einmal draußen ist, bleibt dort auf unbestimmte Zeit; es bedarf lediglich eines Sicherheitszaunes und einiger Wachttürme, damit des Flüchtlings Ortlosigkeit ewig dauert“ (5).

Angesichts der aktuellen Lage bekommt das Bild von den geschlossenen Gesellschaften eine beklemmende Aktualität. Am Münchener Hauptbahnhof ankommend, erleben wir eine Situation der Selektion, ein Begriff der in unserem Land eine schreckliche und belastete Geschichte hat. Die Sicherheitsorgane weisen die ankommenden Zugpassagiere nach In-Augenschein-Nahme an den Flüchtlingen vorbei. Diese, die Unzählbaren und noch nicht registrierten und erschöpften Menschen werden festgehalten. Sie hören unverständliche Anweisungen. Hier sind die Menschen nicht mehr gleich; die einen sind frei, zu gehen; dort hinter den Absperrgittern sind die anderen, die festgehalten werden. Beklommenheit macht sich breit. Ein kleines Plakat wird hochgehalten: „Kein Mensch ist illegal“.

Selektionsvorgänge

Bahnhöfe, Gleise, eine festgehaltene und zusammengedrängte Menge, lassen Bilder aufsteigen. In den Gesichtern steht Zuversicht und Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft, in anderen Gesichtern steht die Angst geschrieben und die Hoffnungslosigkeit. Werden die Flüchtlinge den Schrecken, denen sie entflohen sind, werden sie den inneren Bildern entkommen können? Es ist sehr bewegend zu sehen, wie viele Menschen in München bereit sind, Hilfe zu leisten; manch einer wird abgewiesen, weil da schon zu viele sind, die helfen wollen. Organisationstalente sind gefordert. Es herrscht eine große Freundlichkeit, erschöpfte Polizisten wirken, wie viele andere auch, ratlos. Geschlossene Gesellschaften – bei aller gezeigten Offenheit – bleiben doch verschlossen.

Hier ist der Bahnhof mit den Selektionsvorgängen, dort ist zur gleichen Zeit eine Veranstaltung der Münchener Kammerspiele, die sich in einem schon lange vor der Ankunft von Flüchtlingen am Münchener Hauptbahnhof geplanten Kunstprojekt, initiiert vom neuen Intendanten Matthias Lilienthal, mit der Münchener Wohnungsnot auseinandersetzt. In dieser reichen Stadt, auf den Luxusmeilen, vor der Oper und sonst wo, finden sich grob zusammengezimmerte Unterkünfte, die als „Shabbyshabby (schäbige) Appartments“ für eine Nacht billig angemietet werden können. Im Angesicht der aktuellen Entwicklungen taucht die Frage auf, ob man diese jetzt nicht den Flüchtlingen öffnen müsste. Es gibt viele Begründungen, warum das nicht geht, aber es zeigt auch die Paradoxien, mit denen wir leben und denen wir ausgesetzt sind. Wir wissen, dass es viele Menschen in München gibt, die sich Wohnraum dort nicht mehr leisten können, die Stadt wird auch zur geschlossenen Gesellschaft derjenigen, die es sich leisten können. Und jetzt die Flüchtlinge.

Navid Kermani hat in seiner bewegenden Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und in einem seiner letzten Bücher gezeigt, auf welch abgrundtief schrecklichen Verhältnisse er in den Ländern getroffen ist, aus denen die Flüchtlinge unter ungeheuren Strapazen kommen. Angesichts dieses Schreckens werde das „Menschenrecht zur Menschenpflicht“. Diese Wendung schreibt er dem Kapitän eines Frontex-Schiffes zu, das dafür zuständig ist, Menschen daran zu hindern, dass sie in Booten übers Mittelmeer nach Europa kommen. Dieser Kapitän trifft auf ein Holzboot, in dem 60 bis 70 eingepferchte Menschen versuchen, das Mittelmeer zu überqueren. Der Kapitän hat auf die Erfüllung seiner Aufgabe verzichtet, ist seiner Menschenpflicht gefolgt und hat die Menschen aus dem Boot vor dem Untergang gerettet.

Einer der großen Heimatlosen des 20. Jahrhunderts, T.S. Eliot, schreibt sehnsuchtsvoll: „Home is, where one starts from“. Eliot, der mit seinem epischen Gedicht
„Wasteland“ (6) die Suche nach Halt in der Fremde besingt, spricht damit womöglich das sehr deutsche Wort Heimat an. Heimat bezieht sich auf Kindheit und es geht um die Herkunft – das Herkommen – Home is, where one starts from. Wohin geht es denn von hier?

In dem 2012 erschienenem Band „Die Deutsche Seele“ (7) von Thea Dorn und Richard Wagner wird die Seele anhand von sogenannten typisch deutschen Stichworten gesucht. Das reicht vom Stichwort „Abendbrot“ bis zu „Zerrissenheit“, trifft auf dem Weg das Stichwort „Gemütlichkeit“ und die „Wanderlust“ und macht unterwegs Halt bei der „Heimat“, einem Wort, das nicht übersetzbar ist, von dem die Autoren am Schluss des Essays sagen: „Heimat ist eines der schönsten Wörter deutscher Sprache.“ „Heimat“, so Wagner, „ist dort, wo man etwas zum ersten Mal erlebt hat, etwas, das sich so stark einprägt, dass alles andere, alles spätere einer Wiederholung gleichkommt. Das Gefühl aber, das man bei der Erinnerung an dieses erste Mal hat, nennt man Heimweh.“

Abwehr von Ängsten

Es erscheint mir bedeutsam, dass wir Psychotherapeuten uns diese übergeordneten Zusammenhänge bewusst machen, um die auf allen Seiten vorhandenen, oft unterschwelligen, aber auch offenen Ängste und Angstentwicklungen ein wenig besser einordnen zu können. Entwertungsmechanismen, die wir auf den verschiedenen Seiten des gesellschaftlichen Spektrums erleben, dienen im Allgemeinen der Abwehr dieser Ängste. Wir sind konfrontiert mit der Unsicherheit und Flüchtigkeit unserer Lebensbedingungen, Grenzen lösen sich auf, neue Grenzen entstehen, Mauern werden eingerissen, Stacheldraht – „Einfriedungen“ werden errichtet. Es ist erlaubt, Ängste zu haben, und es ist erforderlich, Ängste ernst zu nehmen. Es ist jedoch zuweilen auch erforderlich, sich zu empören.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    PP 2015; 13(12): 560–2

Anschrift des Verfassers: Albrecht Stadler, Psychologischer Psychotherapeut, Henrik-Ibsen-Straße 4, 80638 München

Der Beitrag basiert auf einem Vortrag, den der Autor bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Individualpsychologie gehalten hat, die vom 29. Oktober bis 1. November in Köln stattfand.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote