ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2015Karen Horney: Weg der Selbstverwirklichung

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Karen Horney: Weg der Selbstverwirklichung

Goddemeier, Christof

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Sigmund Freud sprach noch 1933 vom „Rätsel der Weiblichkeit“, über das die Männer zu allen Zeiten gegrübelt hätten. Doch zu dieser Zeit gab es längst Analytikerinnen, die mehr taten, als zu grübeln. Die Neopsychoanalytikerin Karen Horney (1885–1952) war eine von ihnen. Mit Helene Deutsch gilt sie als wesentliche Vertreterin einer Psychologie der Weiblichkeit.

Das Buch entstand aus der Dissertation der Autorin Babette Kozlik-Voigt. Sie richtet ihren Blick auf die Person und das Werk Horneys und versteht Horneys Werk als Weg der Selbstverwirklichung unter den Bedingungen einer patriarchal organisierten Gesellschaft. Wenn Freud die anhaltende Selbstanalyse als wesentlichen Antrieb bezeichnete, gilt das ebenso für Karen Horney. Bereits mit 13 Jahren führt sie Tagebuch, beschreibt sich selbst als „oft recht traurig und verzagt (. . .) Denn es steht schlimm zu Hause, und Mutter, mein alles, ist so krank und unglücklich. Oh, wie gern möchte ich ihr helfen und sie erheitern.“ Die 17-Jährige notiert: „Selbstzergliederung als Weg zu sich selbst? Ich sollte eigentlich nichts lesen . . . nur mich selbst. Denn nur eine Hälfte meines Wesens lebt, die andere beobachtet, kritisiert, ironisiert.“

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Zwischen 1922 und 1935 veröffentlicht Horney 19 Aufsätze zur weiblichen Psychologie und zum Verhältnis der Geschlechter. Das „Dogma von der Minderwertigkeit der Frau“ entlarvt sie als Produkt „männlicher Tendenz“, Freuds „Penisneidtheorie“ hält sie eine Theorie des „Gebär(mutter)neids“ entgegen. Ab 1932 lebt Horney in den USA. In „Der neurotische Mensch unserer Zeit“ stellt sie erstmals ihre von der orthodoxen Psychoanalyse abweichende Theorie der Neurose vor. „Neue Wege in der Psychoanalyse“ kritisiert sämtliche Annahmen Freuds und betont die Rolle der Kultur bei der Entstehung neurotischer Konflikte. Hier führt Horney das Konzept eines „spontanen, individuellen Selbst“ ein. Andernorts beschreibt sie es als „mögliches Selbst“, als Summe „uns innewohnender Möglichkeiten“. Der Kindheit misst Horney für die psychische Entwicklung eine wesentliche Bedeutung bei, doch den Schwerpunkt legt sie auf die Gegenwart. Ihrer Ansicht nach sind Charakteranomalien nicht auf Triebschicksale zurückzuführen, wie Freud meinte, sondern Versuche, erzieherische und kulturelle Einflüsse zu verarbeiten. Symptomatisch äußern sie sich vor allem in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Karen Horney schrieb gut lesbar, und Kozlik-Voigt steht ihr in nichts nach. Mit „bewundernd-staunendem“ (Kozlik-Voigt) und kritischem Blick ergänzen sich biografische und werkanalytische Betrachtungsweise. So ist die Lektüre erhellend und ein Vergnügen zugleich. Christof Goddemeier

Babette Kozlik-Voigt: Karen Horney. Auf der Suche nach dem verlorenen Selbst. VTA Verlag für Tiefenpsychologie und Anthropologie, Bad Rappenau 2015, 293 Seiten, gebunden, 29,50 Euro.

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