ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2015Wolfgang Neumann: Geduldiges Warten, zuversichtliches Vertrauen

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Wolfgang Neumann: Geduldiges Warten, zuversichtliches Vertrauen

Baumann, Udo

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„Ab heute musst du deinen Kopf gebrauchen“, sind die in einem Krankenhaus zu vernehmenden beherzten Worte einer Mutter an ihren 16-jährigen Sohn, der einige Jahre später ein Studium der Psychologie aufnehmen und viele Jahre als einflussreicher Psychotherapeut, Supervisor und Schriftsteller arbeiten wird. Was ist passiert an jenem für Wolfgang folgenschweren Tag, dem 10. Mai 1960? Eine Ferienfreizeit auf Norderney, der mit einem tragischen Unfall endet und in die Erkenntnis mündet, „ab jetzt und heute ein schwerbehinderter Mensch zu sein“.

Wie eine solche Lebenskrise psychisch verarbeitet werden und wie man den Alltag als Querschnittsgelähmter bewältigen kann, ohne darin unterzugehen, davon schreibt Wolfgang Neumann in der Autobiografie, zu der ihn der Verlag der Gesellschaft für personenzentrierte Psychotherapie und Beratung eingeladen hat. Aber auch davon, wie diese Erfahrung seine Lebenshaltung und psychotherapeutische Arbeit prägt, die sich durch Humor und eine radikale Ressourcenorientierung auszeichnet: Wie anders sollte man unlösbare Lebensprobleme bewältigen, als diese akzeptieren zu lernen und sich auf seine Stärken zu konzentrieren?

Wenn man Neumann an seinem Computer langsam und beharrlich einzelne Buchstaben für ein neues Buch eintippen sieht, weiß man, dass seine Gedanken akrobatische Sprünge machen und geduldig auf die Mechanik der Finger warten. Diese Fähigkeit des geduldigen Wartens und das zuversichtliche Vertrauen in die eigenen Ressourcen sind das Ergebnis eines langen persönlichen Entwicklungsprozesses, der auch in seine psychotherapeutische Arbeit einfließt. Diese ist den humanistischen, verhaltenstherapeutischen und systemischen Ansätzen verpflichtet. Seine durch eigene Erfahrung geprägte therapeutische Haltung bietet dem Klienten einen geschützten Raum, in dem persönliches Wachstum möglich ist, ganz im Sinn des Begründers der klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie Carl Ransom Rogers, der nach Neumanns eigenen Angaben sein „geistiger Ziehvater“ ist.

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Eine Autobiografie beinhaltet nicht nur eine persönliche Lebensgeschichte, sondern ein Stück weit auch Zeitgeschichte. In der Arbeit breitet sich diese nicht wie in einem klassischen Geschichtsbuch streng chronologisch, sondern eher episoden- und szenenhaft aus. So ähnelt die Autobiografie einem Buch von „Geschichten, die das Leben schreibt“. Diese sind ob ihrer Authentizität sowie literarischen Qualität berührend. Sie rühren an archetypische Lebensthemen wie kindliche Unbefangenheit und Neugier, Reifungsprozesse des Jugendlichen zum Erwachsenen, Krisen und deren hart erarbeitete Bewältigung, Liebe und Partnerschaft, Geben und Annehmen von Hilfe sowie die kritische Auseinandersetzung mit der Umwelt auf den Weg in die persönliche, moralische und berufliche Identitätsfindung. Es treten Zeitgenossen auf, die das intellektuelle Leben von Wolfgang Neumann beeinflussen, wie beispielsweise Erich Fried oder Margarete Mitscherlich.

Vieles lernt man oder entdeckt man wieder beim Lesen von Biografien, nicht nur über das Leben des Autors, sondern auch über das eigene. Neumann lässt an seinen Lebenserfahrungen teilhaben. Seine berührenden Geschichten sind darüber hinaus gewürzt mit einer ordentlichen Portion Humor, was das Lesen im besten Sinn einfach (und) vergnüglich macht. Udo Baumann

Wolfgang Neumann: Ab heute musst du deinen Kopf gebrauchen. Ein Lebensweg. GwG, Köln 2015, 170 Seiten, kartoniert, 19,90 Euro.

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