ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2015Freiheitsverständnis: Zeit und Körperlichkeit

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Freiheitsverständnis: Zeit und Körperlichkeit

Bauer, Eva

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Das Ringen um ein angemessenes Verständnis von Freiheit im Spannungsfeld zwischen unverfügbarer Vorherbestimmung und menschlicher Autonomie ist wohl so alt wie das menschliche Denken selbst. In den vergangenen Jahrzehnten haben die Neurowissenschaften der Diskussion weitere Nahrung gegeben. Umso spannender liest sich daher eine Stellungnahme eines Arztes und Philosophen, der sich dem Thema aus dieser Doppelperspektive zuwendet. Prof. Dr. med. Ludger Tebartz van Elst, leitender Oberarzt der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsklinik Freiburg, nähert sich seinem eigenen Freiheitsverständnis zunächst durch eine genaue Begriffsklärung und in Abgrenzung zum klassischen Lagerdenken zwischen freiheitskritischen Deterministen und freiheitsbewahrenden Indeterministen. Er beginnt seine Analyse mit dem alltagsgebräuchlichen Verständnis von Freiheit in verschiedenen soziokulturellen Kontexten.

Von hier aus kommt der Autor in einer phänomenologischen Handlungsanalyse zum Zentrum seiner Untersuchung. Dabei verwendet er zwei Leitaspekte, aus denen er sein Freiheitsverständnis ableitet: Zeit und Körperlichkeit. Freiheit ist demnach ein kognitiver Prozess, in dem alle Dimensionen der Zeit einbezogen sind, die individuell von jedem Subjekt anders verarbeitet, ausgefüllt und erlebt werden. Das bedeutet, ein freiheitlicher Akt entsteht überhaupt erst im konkreten Kontext eines lebendigen Subjekts mit all seinen biografischen Erfahrungen und Prägungen, seiner aktuellen Lebenssituation und seinen Zukunftsprojektionen.

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Der Autor sieht den individuellen, zeitlich aufgespannten Raum, in dem sich freies Handeln vollzieht, in der Körperlichkeit eines jeden Menschen begründet, die sich in Form neuronaler Netzwerkabläufe experimentell durchaus abbilden lässt. Mit dem gewonnenen Freiheitsverständnis überwindet Tebartz van Elst einen Leib-Seele-Dualismus, indem er mentale Vorgänge sowohl ontologisch als auch biologisch in der Körperlichkeit eines Lebewesens verankert. Zudem erschließt er ein dimensionales Konzept, in dem Freiheit nicht kategorial entweder vorhanden oder nicht existent ist, sondern je nach Lebensvollzug, aber auch je nach körperlicher Disposition mehr oder weniger realisiert wird. Damit wird Freiheit zur Aufgabe eines jeden Individuums, aber auch der Gesellschaft, die es prägt.

Zugleich kann der Psychiater Tebartz van Elst hier seine klinischen Erfahrungen mit dem Verlust dieser Autonomie integrieren und einen Ausblick auf die konkreten Implikationen des entwickelten Freiheitsbegriffs geben. Die zeitliche Strukturiertheit freiheitlichen Handelns gehe demnach im Spektrum psychischer Erkrankungen verloren. Die Komplexität freier Entscheidungen löse sich damit auf in immer wiederkehrende Stereotypien der mentalen Verarbeitung des Denkens, Wahrnehmens und Handelns.

Die fundamentale Bedeutung dieser Psychopathologie für das (eingeschränkte) Freiheitserleben psychisch Kranker erläutert der Autor schließlich anhand einer notwendigen normativen Strukturierung freiheitlicher Räume. Die äußere, natürliche Welt der Dinge und Handlungsmöglichkeiten benötigt als Gegenpol eine Innerlichkeit, die im reflexiven Bezug auf die weltlichen Ereignisse erst ein freies Verhalten dazu ermöglicht. Ohne ein solches bewusstes Korrektiv würden sich die unbegrenzten Handlungsoptionen in Zufall und Beliebigkeit verlieren. Eva Bauer

Ludger Tebartz van Elst: Freiheit. Kohlhammer, Stuttgart 2015, 172 Seiten, kartoniert, 29,99 Euro.

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