ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2015Grosseltern-Enkel-Beziehung: Positive und negative Beeinflussung

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Grosseltern-Enkel-Beziehung: Positive und negative Beeinflussung

Fangauf, Ulrike

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Es gibt Soziologen, die davon ausgehen, dass die meisten Menschen im Alter toleranter, umgänglicher und gelassener werden, so dass man sich aufgrund der Überalterung der Bevölkerung bald sogar auf „beruhigte, kontemplative, friedliche und nachhaltige Gesellschaften“ einstellen kann. In der Psychotherapie stößt man bei der Suche nach hilfreichen Ressourcen für die Patienten oft auf warmherzige, patente, optimistische Großmütter und Großväter, die Liebe, Zeit, interessante Fähigkeiten und Geschichten zu bieten hatten. Diese Erinnerungen können freigelegt und für die Gegenwart fruchtbar gemacht werden. Findet man dagegen hartherzige, nicht einfühlsame, strenge Großelternintrojekte, dann gilt es, deren Einfluss möglichst zu entkräften. Großeltern beeinflussen die Entwicklung – positiv oder negativ.

In wunderbar eindrücklichen Beschreibungen stellt die Jungianerin Isabelle Meier Fallbeispiele aus ihrer Praxis vor, in denen die wiederbelebten und bearbeiteten Erinnerungen an die Großeltern wesentlich zur Linderung psychischer Störungen beitrugen oder in denen der Teufelskreis der intergenerationellen Weitergabe von Traumata durchbrochen und Familiengeheimnisse gelüftet werden konnten. Dazwischen beschreibt die Autorin die gesellschaftliche Bedeutung der Großeltern-Enkelkind-Beziehung, stellt entwicklungspsychologische Überlegungen an und untersucht Beziehungsmuster zwischen jungen Heranwachsenden und alten Frauen und Männern in Märchen, Mythen und Sagen, etwa Artus und Merlin, Heidi und Alm-Öhi, Goldmarie und Frau Holle, gestiefelter Kater und böser Zauberer.

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Ein wenig unverbunden wirken daneben die Kapitel mit den anspruchsvollen wissenschaftlichen Exkursen, die annähernd die Hälfte des Buches einnehmen. Intersubjektivität, Komplexe, Imagination und Archetypen sind die Spezialgebiete der Autorin, und diese werden nicht nur in Bezug auf das Thema des Buches erklärt, sondern weit umfassender. Wer schon immer einmal etwas tiefer in die Theorie der analytischen Psychologie nach Jung eintauchen wollte, wird hier gut versorgt.

Das Cover mit der altmodischen Schrift und dem Märchenbild auf dunkelbraunem Untergrund führt erst einmal auf eine falsche Fährte. Das Buch ist in Theorie und Praxis aktuell und auch für Nicht-Jungianer gut verständlich. Ulrike Fangauf

Isabelle Meier: Großeltern – Große Eltern. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2015, 184 Seiten, kartoniert, 19,90 Euro.

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