ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2015Germanwings-Absturz: Depressive werden kaum stärker stigmatisiert

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Germanwings-Absturz: Depressive werden kaum stärker stigmatisiert

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Am 24. März stürzte ein Flugzeug der Fluggesellschaft Germanwings in den französischen Alpen ab. Es gab 150 Todesopfer, niemand überlebte. Die anschließenden Ermittlungen legten die Vermutung nahe, dass der Copilot den Absturz absichtlich herbeigeführt hatte. Er litt vermutlich unter Depressionen und war am Tag des Absturzes krankgeschrieben. Die Berichterstattung der Medien konzentrierte sich stark auf die mögliche psychische Erkrankung des Copiloten. Es wurde teilweise in reißerischer Manier der Frage nachgegangen, ob und wie gefährlich psychisch erkrankte Menschen für die Allgemeinheit sind. Depressive kamen dabei erwartungsgemäß besonders schlecht weg („tickende Zeitbomben“).

Psychisch kranke Menschen sind in unserer Gesellschaft stigmatisiert. Ob der Schock über die Flugkatastrophe und die Schuldzuweisungen durch die Medien die vorhandenen Stigmatisierungstendenzen noch weiter verstärkt haben, interessierte Sozial- und Gesundheitswissenschaftler um Prof. Dr. Olaf von dem Knesebeck vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Sie hatten im April 2014 eine Umfrage durchgeführt, bei der sie unter anderem nach der Einstellung gegenüber Depressiven gefragt hatten. Diese Umfrage wiederholten sie im April 2015, vier Wochen nach der Germanwings-Tragödie. An den repräsentativen Telefonumfragen nahmen insgesamt 1 251 Erwachsene aus München teil. Sie hörten zunächst eine Fallvignette, in der eine depressive Person beschrieben wurde, und machten dann Angaben zu ihren Einstellungen und Gefühlen gegenüber einer solchen Person. Zwischen den beiden Befragungszeitpunkten war in einigen Fällen eine Verschlechterung eingetreten. So waren die Befragten 2015 eher als 2014 der Meinung, dass Depressive unberechenbar und gefährlich seien. Sie waren außerdem fassungsloser und ärgerlicher, aber auch ängstlicher und unsicherer. 2015 waren außerdem weniger Personen als 2014 bereit, einen Depressiven als Mieter oder als Betreuer für ihre Kinder zu akzeptieren. Dies zeigt nach Meinung der Autoren, dass einige stigmatisierende Einstellungen gegenüber depressiven Menschen nach dem Flugzeugabsturz zugenommen haben. „Allerdings waren solche Veränderungen nur in bestimmten Bereichen zu beobachten – insgesamt hat sich die Tendenz zur Stigmatisierung Depressiver jedoch kaum verändert“, sagen die Autoren.

Sie schließen daraus, dass negative Stereotype gegenüber Depressiven stets in der Gesellschaft vorhanden und kaum veränderbar sind, auch nicht durch eine Flugzeugkatastrophe, an der ein mutmaßlich Depressiver Schuld hatte. Den Einfluss der Massenmedien auf die Stigmatisierung Depressiver halten sie daher für begrenzt, was wiederum die geringen Einstellungsänderungen erklärt, die gefunden wurden.

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Die Autoren verweisen darauf, dass öffentliche Stigmatisierung die Selbst-Stigmatisierung und Suizidtendenzen bei psychisch Erkrankten erhöhen, den Zustand psychisch kranker Menschen verschlechtern und sie daran hindern kann, sich fachgerechte Hilfe zu suchen. ms

von dem Knesebeck O, Mnich E, Angermeyer M, Kofahl C, Makowski A: Changes in depression stigma after the Germanwings crash – Findings from German population surveys. Journal of Affective Disorders 2015; 186: 261–5.

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