ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2015Deutsche Pop-Art: „I like Fortschritt“

KUNST + PSYCHE

Deutsche Pop-Art: „I like Fortschritt“

Kraft, Hartmut

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Nach dem Zweiten Weltkrieg dominierte international in der Kunst die „Weltsprache des Informel“: „Wir rebellierten gegen den Versuch, die alte Ordnung wieder zu etablieren, die sich als unfähig erwiesen hatte, die Menschheit gegen den braunen Terror zu schützen. Als Maler protestierten wir in der Sprache der Malerei: gegen die Komposition, gegen die Zeichnung, gegen die Figur, gegen das Abbild, gegen das Gewohnte und Tradierte.“ Mit diesen Worten umriss der Maler Winfred Gaul sein Anliegen und das seiner Künstlergeneration. Auch wenn die öffentliche Würdigung in den 50er Jahren noch spärlich war, so zeigte diese ungegenständliche Kunst nach gut einem Jahrzehnt Wiederholungen, Stereotypien, Beliebigkeiten, kurzum: Abnutzungserscheinungen. Unter dem Einfluss der amerikanischen Pop-Art wandten sich junge Künstler wie Sigmar Polke, Gerhard Richter oder Winfred Gaul einer neuen Gegenständlichkeit zu. Bilder aus Zeitschriften, Produktwerbung und Alltagsgegenstände wurden zu bildwürdigen Themen. Die Suche nach künstlerischem Neuland sowie Aufenthalte in Rom und New York 1962 führten bei Gaul zu einer Ablösung der informellen Malerei. Gemälde mit Collagen von Werbe- und Zeitungsfotos zeigen deutlich den Einfluss amerikanischer Künstler, der aber schon bald zugunsten einer eigenen Bildsprache weiterentwickelt wurde. Nun entstanden für rund ein Jahrzehnt großformatige Gemälde, die wie Signale oder Verkehrszeichen wirken. Ein frühes Beispiel dieser Werkgruppe ist das hier vorgestellte Bild. Wie in einem Vergrößerungsglas erscheint ein banales Motiv: Der Hals einer violetten Farbtube, aus dem eine grüne Farbmasse auf einen gelben Untergrund quillt. Allein schon Farbkombinationen wie Violett/Gelb oder Grün/Orange waren typisch „poppig“ und fanden sich bald in der Mode, auf Möbeln, Tapeten und sogar auf Häuserfassaden. Während in den folgenden Jahren homogene Farbflächen dominieren, weist dieses Bild noch einen individuellen Pinselduktus auf. Die Flächen sind zwar bereits im wahrsten Sinne „abgezirkelt“, bleiben aber gegenüber späteren Bildern noch unscharf begrenzt. Es ist ein Bild des Übergangs zu späteren Hard-edge-Bildern und Verkehrszeichen.

Das Auffälligste an diesem Bild aber ist sein Titel „I like Fortschritt“. Deutlicher lässt sich die Herkunft dieser neuen Bildsprache aus dem Amerikanischen nicht ausdrücken. Aber wie bei anderen Künstlern einer typisch deutschen Variante der internationalen Pop-Art werden andere Themen und Sichtweisen integriert, die wirklich einen künstlerischen „Fortschritt“ bedeuten: Eine dadaistische Grundströmung, Ironie, kritische Distanz zum Konsumverhalten sowie eine Reflexion der noch gar nicht so lange zurückliegenden Diktatur und Zerstörung. Bei Winfred Gaul wurden aus den genormten, vorgegebenen Signalen und Verkehrszeichen ganz und gar individuelle Bilder. Das ist sein persönliches, antiautoritäres Statement gegen Massenkultur und letztlich – nach der informellen Revolte – erneut eine Antwort auf die genormten politischen und künstlerischen Vorgaben des Nationalsozialismus.

Prof. Dr. med. Hartmut Kraft

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Biografie Winfred Gaul

Geboren 1928 in Düsseldorf. 1949–1950 Studium Kunstgeschichte und Germanistik an der Universität Köln. 1950–1953 Staatliche Akademie der Künste in Stuttgart bei Willi Baumeister und Manfred Henninger. Mitglied der „Gruppe 53“, einem Zusammenschluss vornehmlich informell arbeitender Künstler. 1959 Teilnahme an der Documenta 2 in Kassel. 1958 Preis des Kulturkreises im Bundesverband der deutschen Industrie. 1962 für vier Monate in New York. 1963 Veröffentlichung des „Quibb-Manifestes“ zusammen mit H. P. Alvermann als eine Abgrenzung gegen die amerikanische Pop-Art. 1964 Villa-Romana-Preis, Florenz. 1977 Teilnahme an der Documenta 6 in Kassel. 1994 Lovis-Corinth-Preis. Gestorben 2003 in Düsseldorf.

1.
Gaul W: Picasso und die Beatles. Lamspringe: Verlag bei Quensen 1987.
2.
Romain L: Winfred Gaul. Der Maler. München: Hirmer 1999.
3.
Weinhardt M, Hollein M (Hrsg.): German Pop. Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König 2014.
1.Gaul W: Picasso und die Beatles. Lamspringe: Verlag bei Quensen 1987.
2.Romain L: Winfred Gaul. Der Maler. München: Hirmer 1999.
3.Weinhardt M, Hollein M (Hrsg.): German Pop. Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König 2014.

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