ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2015Leitlinien: Nicht alltagstauglich?

MEDIZINREPORT

Leitlinien: Nicht alltagstauglich?

Dtsch Arztebl 2015; 112(50): A-2147 / B-1766 / C-1712

Hibbeler, Birgit

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Leitlinien sollen eigentlich Ärzten in ihrem Alltag helfen. Doch das ist nicht immer der Fall. Mitunter sind sie lang, unübersichtlich und schlecht lesbar.

Leitlinien sind für die ärztliche Arbeit eine Hilfe und können eine gute Orientierung sein. Sie unterstützen den Arzt dabei, evidenzbasiert vorzugehen, also bei seinen Patienten die nach aktuellem Kenntnisstand bestmögliche Therapie anzuwenden. Leitlinien sind ein Empfehlungskorridor. Der gut informierte Arzt kann in begründeten Fällen von ihnen abweichen.

„Take-Home-Message“ zur schnellen Orientierung fehlt

Soweit die Theorie. In der Praxis sind Leitlinien unterschiedlich. In manchen Fällen entpuppen sie sich als kaum alltagstauglich. So beklagte kürzlich ein Arzt in einem Leserbrief an das Deutsche Ärzteblatt (DÄ): „Für den Leser, der eine schnelle Orientierung braucht, ist die Leitlinie viel zu umfangreich.“ Er vermisse beispielsweise eine „Take-Home-Message“. Konkret bezieht sich die Kritik auf die neue Leitlinie zur Tonsillitis. Sie ist 115 Seiten lang. Eine Kurzfassung ist auf der Homepage der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) nicht abrufbar.

Die genannte Publikation ist nur ein Beispiel dafür, dass Leitlinien sich nicht immer an den Bedürfnissen von Ärzten orientieren. Man versetze sich in die Lage eines Hausarztes, der zu jedem relevanten Thema eine Leitlinie studieren soll, die schon fast den Umfang eines Kurzlehrbuches hat. Dass Ärzte den Inhalt von Leitlinien kennen, wird unterdessen vorausgesetzt. Bei juristischen Auseinandersetzungen kann ein unbegründetes Abweichen Konsequenzen haben.

Eine pauschale Kritik an der Arbeit von Leitliniengruppen ist aber nicht angebracht. Es gibt zahlreiche Beispiele für Anwenderfreundlichkeit. „Sehr viele Leitlinien haben eine Kurzversion“, betont Prof. Dr. med. Ina B. Kopp, Leiterin des AWMF-Instituts für Medizinisches Wissensmanagement. Sie verweist auf das AWMF-Regelwerk. Darin steht unter anderem, dass Kurzfassungen, klinische Algorithmen und Kitteltaschenversionen hilfreich sind. Auch die Publikation einer Kurzfassung im DÄ werde von der AWMF ausdrücklich begrüßt.

Für die Langfassung empfiehlt die AWMF, wichtige Informationen hervorzuheben – durch Fettdruck oder Kästen. „Wir raten dazu, zu überlegen: Wer sind die Anwender und wie kann man sie mitnehmen“, berichtet Kopp. Die Informationen sollen klar formuliert und ansprechend präsentiert sein. Allerdings handelt es sich um Empfehlungen. Verbindliche Regeln der AWMF gibt es nur zur Sicherung der methodischen Qualität. Für Nationale Versorgungsleitlinien und im Leitlinienprogramm Onkologie ist hingegen eine Kurzfassung und eine Patientenversion obligat.

Leitlinienautoren arbeiten ehrenamtlich in ihrer Freizeit

Kopp verweist darauf, dass Leitlinien ehrenamtlich von Mitgliedern der Fachgesellschaften erstellt werden. Im Vordergrund stehe dabei zunächst einmal, die Informationen wissenschaftlich korrekt zu erarbeiten. „Manchmal fehlt dann am Ende des Prozesses die Zeit, die Kraft und das Geld, weitere Fassungen zu erstellen“, erläutert sie. „Es ist immer die Frage: Was ist leistbar?“, sagt Kopp. Die Akzeptanz von Leitlinien sei gestiegen, doch die Unterstützung bei der Erstellung sei nach wie vor begrenzt.

Dr. med. Birgit Hibbeler

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