ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2015Gesundheit der Deutschen: Lohn der Anstrengung

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Gesundheit der Deutschen: Lohn der Anstrengung

Dtsch Arztebl 2015; 112(50): A-2113 / B-1741 / C-1687

Osterloh, Falk

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Falk Osterloh, Politische Redaktion
Falk Osterloh,
Politische Redaktion

Ziel aller Anstrengungen im Gesundheitssystem ist die Gesunderhaltung beziehungsweise die Gesundung der Menschen. Dafür werden enorme Summen bereitgestellt, dafür geben sehr viele Menschen jeden Tag ihr Bestes. Ob die Anstrengungen von Erfolg gekrönt sind, ließ das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) nun zum dritten Mal seit 1998 untersuchen. Auf mehr als 500 Seiten hat das Robert Koch-Institut (RKI) im Auftrag des BMG zusammengestellt, wie es um die Gesundheit der Deutschen steht. Das Ergebnis: Gut. Die Sterblichkeitsraten für die meisten Krebsarten sowie für die Indikationen Herzinfarkt, Schlaganfall und koronare Herzkrankheit sind in Deutschland gesunken. Und „drei Viertel der Deutschen schätzen ihre Gesundheit als gut oder sehr gut ein. In der Tendenz fühlen sie sich seit dem ersten Bericht aus dem Jahr 1998 immer gesünder“, erklärte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) bei der Präsentation des dritten Berichts „Gesundheit in Deutschland“ Anfang Dezember.

Neben diesen guten Nachrichten gibt es jedoch auch schlechte. „Besorgniserregend ist die zunehmende Verbreitung von Diabetes mellitus“, sagte Gröhe. „Etwa 6,7 Millionen Menschen leiden in Deutschland über alle Altersgruppen hinweg an dieser Krankheit.“ Gründe dafür seien unter anderem der demografische Wandel und die wachsende Zahl übergewichtiger Menschen, aber auch die verbesserte Diagnostik, erklärte der Präsident des RKI, Prof. Dr. med. vet. Lothar H. Wieler. Da die Gründe für die steigende Inzidenz jedoch nicht vollständig geklärt seien, will das BMG ein Nationales Diabetes-Überwachungszentrum beim RKI einrichten.

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Wieler nannte darüber hinaus „zwei große Entwicklungen“ im Gesundheitsbereich: „Die Menschen werden immer älter. Dadurch nehmen auch die chronischen Erkrankungen zu. Und die Gesundheit ist ganz erheblich vom sozialen Status abhängig.“ So litten Frauen mit niedrigem sozialen Status dreimal so häufig an Diabetes als Frauen mit hohem sozialen Status. Und arme Männer stürben mehr als zehn Jahre früher als ihre wohlhabenderen Geschlechtsgenossen.

Die Deutschen versuchen stets, die Leistungsfähigkeit ihres Gesundheitssystems zu verbessern. Mit Erfolg, wie man sieht. Dass weniger Menschen an einer Krebserkrankung und an Herzinfarkten sterben, dass die Deutschen mit jeder Generation älter werden, ist eine direkte Folge der guten medizinischen Versorgung und der hohen Leistungsbereitschaft der Menschen, die im deutschen Gesundheitssystem arbeiten. Weitere Ziele sind implizit im Gesundheitsbericht des Bundes enthalten: zuoberst die Bekämpfung des Diabetes mellitus und die Gesunderhaltung von Bürgern mit niedrigem sozialen Status. Diese Ziele zu erreichen, wäre aller Mühen Wert, würde dies den Betroffenen doch viel Leid ersparen. Diese Ziele können aber nur erreicht werden, wenn die Betroffenen sie selbst erreichen wollen. Und nicht jeder Mensch kann oder möchte die gleichen Anstrengungen unternehmen, gesund zu leben.

Bei allen Anstrengungen, das System weiter zu verbessern, darf man darüber hinaus nicht vergessen, die Menschen zu unterstützen, die es überhaupt so gut machen: Ärzte, Pflegekräfte und alle anderen Gesundheitsberufe. Ein geeigneter Weg dafür wäre der Abbau von Reglementierungen, von Bürokratie und eine Rücknahme der ständigen Arbeitsverdichtung, die sie in den vergangenen Jahren erfahren haben. Denn auch das sind Parameter eines guten Gesundheitssystems.

Falk Osterloh
Politische Redaktion

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 17. Dezember 2015, 22:37

Hauptsache gesund?

Während die Ärzte-Zeitung (ÄZ) am 3.12.2015 titelt: "Zum Gesundheitsbericht des Bundes - So krank sind die Deutschen" [sic!] und differenziert: "Wie gesund Menschen hierzulande sind, hängt vor allem von ihrem sozialen Status ab. Der Bericht 'Gesundheit in Deutschland' zeigt außerdem, welche Krankheiten auf dem Vormarsch sind, was die häufigsten Todesursachen sind und wie hoch die Lebenserwartung der Bundesbürger ist."
http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/versorgungsforschung/default.aspx?sid=900434

Dagegen hieß es im Deutschen Ärzteblatt (DÄ): "Die Deutschen fühlen sich immer gesünder". Im Sinne einer 'Hofberichterstattung' fährt die DÄ-Redaktion fort - "Donnerstag, 3. Dezember 2015, Hermann Gröhe/dpa - Berlin – Die Sterblichkeitsraten für die meisten Krebsarten sowie für die Indikationen Herzinfarkt, Schlaganfall und koronare Herzkrankheit sind in Deutschland gesunken. Das geht aus dem dritten Bericht 'Gesundheit in Deutschland' hervor, den das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und das Robert Koch-Institut (RKI) heute in Berlin vorgestellt haben. 'Drei Viertel der Deutschen schätzen ihre Gesundheit als gut oder sehr gut ein. In der Tendenz fühlen sie sich seit dem ersten Bericht aus dem Jahr 1998 immer gesünder. Das gilt insbesondere auch für höhere Altersgruppen'. Auch gebe es kaum noch Unterschiede zwischen den alten und den neuen Bundesländern. Im Vergleich zu den Gesundheitsberichten aus den Jahren 1998 und 2006 sei die Lebenserwartung in Ost und West heute nahezu gleich hoch ".

Wie sich die Menschen in Deutschland gesundheitlich einschätzen, ist die eine Seite. Denn auch eine Eintagsfliege empfindet sich nach 23 Stunden noch als ziemlich fit. Aber wie unsere Patienten sich krank fühlen, wie wenig Initiative sie bei ihrer Krankheitsbewältigung zeigen, wie oft sie unnötig leiden, das steht auf einem anderen Blatt.

Was bei der "Gesundheits"-Begrifflichkeit und dem Fehlen einer "Krankheits"-Achtsamkeit unangemessen ist: Dass Millionen von akut und chronisch Kranken, körperlich und/oder geistig Behinderten, schwerst-Pflegebedürftigen, in ihrer interaktiv-kommunikativen und sinn-stiftenden Teilhabe an unserer Gesellschaft bio-psycho-sozial erheblich eingeschränkten Patientinnen und Patienten einfach ausgegrenzt und diskriminiert werden.

Sie haben durch exogene/endogene Krankheiten, Fehlverhalten, Erbleiden, Unfall oder Naturkatastrophen ihre Gesundheit unwiederbringlich verloren, bekommen oft nur wenig zielführendes Mitleid, Distanz oder Ablehnung zu spüren. Sie müssen sehen, wie sie mit ihren umfassenden Krankheits-Folgen klar kommen. Ein geschönter und das Wort Krankheit meidender "Gesundheitsbericht" des Bundes-Gesundheits-Ministers bedeutet, dass unsere Kranken eigentlich keine Lobby haben sollen bzw. als Wählerinnen und Wähler politisch auch nicht angemessen wahr genommen werden.

Lediglich uns Ärztinnen und Ärzten bzw. a l l e n im Gesundheits- und Sozialwesen Tätigen wird die primär gesamtgesellschaftliche Aufgabe zugewiesen, uns umfassend um die Belange von Kranken, Schwachen, Alten, Dementen und Hilfebedürftigen zu kümmern. Während Bundes- und Landesregierungen sich alljährlich mit einer eigentlich krankheitsverleugnenden "Gesundheits"-Berichterstattung schmücken?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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