ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2015Calcium als Frakturprophylaxe: Viel hilft nicht viel

MEDIZINREPORT

Calcium als Frakturprophylaxe: Viel hilft nicht viel

Hibbeler, Birgit

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Zwei im British Medical Journal publizierte Studien legen nahe: Eine gesteigerte Calciumzufuhr hat kaum Einfluss auf die Knochendichte und verhindert keine Frakturen. Experten plädieren aber für einen differenzierte Umgang mit den Daten.

Calcium gilt als wichtiger Bestandteil in der Prophylaxe von Osteoporose und Frakturen. Doch zwei aktuelle Studien im British Medical Journal (BMJ) stellen nun den positiven Effekt infrage. Eine Steigerung der Calciumzufuhr mit der Nahrung habe nur einen geringen Einfluss auf die Knochendichte (BMJ 2015; 351: h4183) und verhindere keine Frakturen (BMJ 2015, 351: h4580). Auch den Nutzen von Calciumsupplementen zweifeln die Autoren an. Die Evidenz in Bezug auf die schützende Wirkung vor Frakturen sei schwach und inkonsistent.

Ausgewogene Ernährung liefert genügend Calcium

Die Vorstellung, dass man älteren Menschen und ihren Knochen mit der Gabe von Calcium automatisch etwas Gutes tut, ist unzutreffend. Im Gegenteil: Mitunter schadet man ihnen sogar, indem sich zum Beispiel das Risiko erhöht, ein Nierensteinleiden zu entwickeln. Der Autor eines Editorials im BMJ zum Thema verweist zudem auf ein erhöhtes Risiko kardiovaskulärer Ereignisse (BMJ 2015; 351: h4825). Er kommt zu dem Schluss: 700 bis 800 mg Calcium pro Tag sind für Erwachsene ausreichend. Aufgenommen werden könne diese Menge problemlos mit einer normalen, ausgewogenen Ernährung. Dass es weiterhin Empfehlungen für eine höhere Calciumzufuhr gebe, führt er auf den Einfluss der Industrie zurück, die entsprechende Präparate herstellt. Die Studien seien ein starkes Signal, dass eine Calciumsupplementierung ältere Menschen nicht generell vor Frakturen schütze – ob nun mit oder ohne Vitamin D.

Prof. Dr. med. Johannes Pfeilschifter hat die Leitlinie zum Thema Osteoporose des Dachverbandes Osteologie (DVO) koordiniert. Der Internist und Endokrinologe plädiert für eine differenzierte Betrachtung der vorgelegten Studien. Aus seiner Sicht sind die meisten in die systematischen Reviews und Metaanalysen eingeschlossenen Publikationen nicht neu und wurden schon mehrfach analysiert. Je nachdem welche Kriterien man an die Auswertung anlege, komme man zu unterschiedlichen Schlüssen. „Aus meiner Sicht hat sich die Evidenz nicht so geändert, dass man die Leitlinie jetzt akut aktualisieren müsste“, betont er.

Unstrittig sei nach wie vor, dass Personen mit schwerem Calciummangel, der oft mit einem Vitamin- D-Mangel einhergehe, von einer gesteigerten Zufuhr in Bezug auf Frakturen profitieren, sagt Pfeilschifter. Das seien häufig Personen, die mitunter schon am Rande einer Osteomalazie seien.

Leitlinie des Dachverbandes Osteologie weiterhin gültig

Viel schwieriger sei die Frage, wie man vorgehen solle, wenn kein gravierender Mangel bestehe. Eine exakte Grenzziehung sei hier anhand der vorliegenden Daten nicht möglich. „Welche tägliche Menge Calcium für den Knochen optimal ist, lässt sich nach wie vor nicht eindeutig beantworten“, sagt Pfeilschifter. Weitere Studien seien notwendig. Das gelte auch für die Vitamin-D-Gabe. Die DVO-Leitlinie empfiehlt, im Rahmen der Primärprophylaxe von Frakturen eine Gesamtzufuhr von etwa 1 000 mg Calcium pro Tag (Kasten).

Pfeilschifter weist darauf hin, dass sich die Diskussion allein auf Personen ohne Besonderheiten im Calciumstoffwechsel beziehe. Das wären zum Beispiel Nierensteine, eine Hyperkalziurie, ein primärer Hyperparathyreoidismus, ein Hypoparathyreoidismus, ein Zustand nach Magenentfernung oder aktive granulomatöse Erkrankungen. Bei diesen Patienten seien pauschale Empfehlungen nicht anwendbar, sondern es müsse individuell entschieden werden.

Auch bei Osteoporosepatienten, die bereits eine spezifische medikamentöse Therapie erhalten, müsse man den Calciumspiegel im Auge behalten. Das gelte besonders bei intravenös verabreichten Bisphosphonaten und bei Denosumab, also Präparaten, bei denen es zu einer Hypokalzämie kommen kann. „Es wäre ein falsches Signal, wenn diese Patienten den Eindruck hätten, sie müssten sich um ihre Calciumzufuhr keine Gedanken machen“, betont Pfeilschifter.

Aber woher weiß man überhaupt, wie viel Calcium ein Patient zu sich nimmt? In jedem Fall sollte der Konsum von Molkereiprodukten abgefragt werden, empfiehlt Pfeilschifter. Pauschal könne man sagen: Ein Glas Milch enthalte rund 300 mg Calcium, ebenso eine Scheibe Käse oder ein zwei kleine Joghurts. Das solle man nicht auf die Goldwaage legen, aber eine solche Abfrage gebe schon einmal eine praktikable Orientierung. Außerdem lohne sich ein Blick auf die Mineralwasserflasche. „Vielen Patienten ist nicht bewusst, wie viel Calcium sie bereits mit dem Mineralwasser zu sich nehmen. Manchmal sind in einem Liter 600 Milligramm“, berichtet er.

Die DVO-Leitlinie empfiehlt als Osteoporoseprophylaxe neben einer ausreichenden Zufuhr von Calcium eine Gabe von Vitamin D – allerdings nur bei hohem Sturz- und Frakturrisiko und geringer Sonnenlichtexposition (Kasten). Leider legen sich die Leitlinienautoren nicht eindeutig in Bezug auf die Frage fest, was sie nun eigentlich unter einem „hohen“ Risiko verstehen.

Körperliche Aktivität als Frakturprophylaxe

Eine pauschale Gabe von Calcium und Vitamin D allein aufgrund eines höheren Lebensalters ist nicht sinnvoll. Das galt zwar auch schon vor der BMJ-Publikation, doch vielleicht ist diese Tatsache nun erneut ins Bewusstsein von Ärzten und Patienten gerückt worden. Eine wichtige Rolle in der Frakturprophylaxe spielt vor allem eine Steigerung von Muskelkraft und Koordination. Außerdem gehören bei älteren Patienten Medikamente auf den Prüfstand, die das Sturz- und Frakturrisiko erhöhen.

Dr. med. Birgit Hibbeler

@DVO-Leitlinie:
http://d.aerzteblatt.de/YX32

Prophylaxe der Osteoporose

Zur Prophylaxe der Osteoporose empfiehlt der Dachverband Osteologie (DVO) in seiner Leitlinie:

  • Calcium: 1 000 mg täglich mit der Nahrung; Calcium-Supplemente nur, wenn Zufuhr mit der Nahrung zu gering.
  • Vitamin D: bei hohem Sturz- und/oder Frakturrisiko und geringer Sonnenlichtexposition 800 bis 1 000 IE Vitamin D3 täglich oral.

Diese Empfehlung gilt für postmenopausale Frauen und Männer ab 60.

Eine spezifische medikamentöse Osteoporosetherapie (zum Beispiel mit Bisphosphonaten) ist nur nach vorheriger Diagnostik und unter bestimmten Voraussetzungen indiziert. Die Leitlinie nennt als Kriterium unter anderem ein Zehn-Jahres-Frakturrisiko für Wirbelkörperfrakturen und proximale Femurfrakturen von mehr als 30 Prozent. Das Risiko errechnet sich aus Alter, Geschlecht und Knochendichte. Es ist aus einer Tabelle in der DVO-Leitlinie zu entnehmen.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote