POLITIK

Telemedizin: Evaluation ist entscheidend

Dtsch Arztebl 2015; 112(50): A-2130 / B-1754 / C-1700

Krüger-Brand, Heike E.

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Für die Entscheidung darüber, ob telemedizinische Anwendungen in die Regelversorgung übernommen werden können, ist eine differenzierte Nutzenbewertung wichtig.

Foto: Fotolia/psdesign1
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Ob der Innovationsfonds tatsächlich geeignet ist, die Projektförderung nach altem Muster zu durchbrechen und eine nachhaltige Versorgung in der Fläche etwa unter Zuhilfenahme von Telemedizin zu initiieren? Eine eindeutige Anwort auf diese Frage blieben die Experten beim 6. Nationalen Fachkongress Telemedizin Anfang November in Berlin schuldig.

Viele Fragen zum Innovationsfonds noch offen

Der im GKV-Versorgungsstärkungsgesetz verankerte Innovationsfonds ist auf Prozessinnovationen, wie zum Beispiel sektorenübergreifende Versorgungsmodelle, Arznei­mittel­therapie­sicherheit und Telemedizin, ausgerichtet und soll die Regelversorgung verbessern. Vier Jahre lang sollen ab 2016 jährlich bis zu 225 Millionen Euro in Versorgungsprojekte sowie 75 Millionen Euro in die Versorgungsforschung fließen. Die Hoffnung ist groß, dass ein erklecklicher Teil der Summe auch für Telemedizinprojekte abfällt. Dr. phil. Karsten Neumann, IGES-Institut, dämpfte jedoch diesbezügliche Erwartungen. Noch seien zahlreiche Fragen zur Ausgestaltung der Förderinitiative offen, allen voran der Zeitplan. So soll noch im Dezember die erste Förderbekanntmachung herauskommen, da man schon 2016 mit der Projektförderung beginnen will. Dafür müssten die komplexen Vorhaben aber eigentlich schon mitten in den Vorbereitungen sein.

Unklar sei zudem immer noch, was genau förderungswürdige Leistungen seien und welche Rolle E-Health dabei spielen solle, sagte Neumann. So sieht das Gesetz beispielsweise vor, dass nur Leistungen, die über die herkömmliche Krankenversorgung hinausgehen, gefördert werden sollen. Auch ist ausdrücklich keine Produktinnovationsentwicklung gewünscht. Erschwerend kommt Neumann zufolge hinzu, dass es sich um ein „extrem bürokratisches Verfahren“ handelt, das über eine Vielzahl von Instanzen läuft.

Vor diesen Hintergrund empfahl der Experte potenziellen Antragstellern, für ihr Vorhaben messbare Verbesserungsziele der Versorgung zu definieren und klar herauszuarbeiten, welcher Nutzen geschaffen wird. „Das Evaluationskonzept muss von Anfang an mitgedacht werden“, betonte Neumann. Gefordert sei außerdem im Hinblick auf die statistische Auswertbarkeit eine ausreichende Projektgröße. Schließlich sollte mit Blick auf die Nachhaltigkeit des Förderprojekts auch der finanzielle Nutzen berücksichtigt werden. „Die Wirtschaftlichkeit des Projekts muss gegeben sein“, erklärte der IGES-Experte.

Der Wirksamkeitsnachweis spielt auch aus Sicht von Rainer Beckers, ZTG Zentrum für Telemedizin und Telematik, eine zentrale Rolle für die Überführung telemedizinischer Anwendungen in die Regelversorgung. Doch es sind möglicherweise nicht immer randomisierte, kontrollierte Studien (RCT) hierfür erforderlich, zumal diese im realen Versorgungsgeschehen oft nicht machbar sind.

Beckers plädierte dafür, bei der Evaluationsmethodik nach medizinischer Evidenz und dem möglichen Risiko zu differenzieren. Ihm zufolge sollten nur telemedizinische Anwendungen mit höchstem Risiko in RCTs evaluiert werden. So genüge beispielsweise auch ein Vorher-Nachher-Vergleich, wenn die Evidenz für das Konzept bereits international belegt sei und das medizinische und das ökonomische Risiko gering seien, meinte Beckers.

Internationale Studien nicht vorschnell negieren

Als Vorgehensweise empfahl er, zunächst in einem Clearingprozess die internationale Studienlage einzubeziehen und nicht vorschnell die Übertragbarkeit zu negieren. Daran müsse sich eine differenzierte Evaluationsmethodik anschließen, bei der es auf das richtige Maß ankomme. „Daraus ergibt sich die Frage der Zuständigkeit.“ Der G-BA sei für neue, hochinnovative Verfahren zuständig, die, weil Erfahrungen damit fehlten, mit möglichen medizinischen Risiken behaftet seien, erläuterte Beckers. „Der große Rest kann vom Bewertungsausschuss relativ pragmatisch entschieden werden.“

Katrin Arnold und Madlen Scheibe vom Zentrum für evidenzbasierte Gesundheitsversorgung am Universitätsklinikum Dresden stellten Evaluationsgrundsätze für Telemedizin vor, die als Ergebnisse eines systematischen Review- und Konsensverfahrens im Projekt „CCS Telehealth Ostsachsen“ entwickelt wurden. Das Projekt, in dem eine offene, flexibel erweiterbare Telemedizinplattform aufgebaut wurde, ist mit den Anwendungen Telestroke, Telecoaching und Telepathologie seit dem 1. Oktober 2015 in Betrieb.

Evaluation lässt derzeit noch zu wünschen übrig

Die Evaluation von Telemedizin sei derzeit noch defizitär wegen der vergleichsweise heterogenen methodischen Qualität, erläuterte Arnold. Auch werde ein Großteil der Evaluationsergebnisse nicht oder nur unvollständig veröffentlicht. Im Rahmen des Projekts fand ein systematischer Review zu methodisch hochwertigen Evaluationskonzepten für Telemedizinanwendungen statt, aus denen Vorschläge für Evaluationsgrundsätze abgeleitet und mit einem interdisziplinären Expertenpanel abgestimmt wurden. „Das mehrstufige Vorgehen orientierte sich damit an der höchsten Entwicklungsstufe medizinischer Leitlinien“, betonte Arnold.

Die Evaluationsgrundsätze sind für die Anbieter von Diensten, die über die CCS-Telehealth-Plattform laufen, verpflichtend, um die Plattform zu nutzen. Sie sind jedoch so allgemein formuliert, dass sie für die Evaluation jeder Form von Telemedizinanwendungen geeignet sind. „Das Aufgreifen durch andere Initiativen und Projekte ist ausdrücklich erwünscht“, betonten die Referentinnen.

Heike E. Krüger-Brand

@Evaluationsgrundsätze für Telemedizin:
http://d.aerzteblatt.de/XG46

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