ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2015Von schräg unten: Privat zusatzversichert

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Privat zusatzversichert

Böhmeke, Thomas

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Wenn man heutzutage in einer Praxis mit dem Wunsch nach einem Termin anruft, so wird man häufig gefragt, wie man denn versichert sei. Schon keimen sepsisgleich die Vorurteile: Privat Versicherte bekommen sofort einen Termin und den roten Teppich ausgerollt, gesetzlich Krankenversicherte aber nur die rote Karte und dürfen in einem halben Jahr noch mal anrufen. Hinterhältige Zweiklassenmedizin, bodenlose Schweinerei, das ist der schlagende Beweis! So geriert der Erstkontakt, der eigentlich der Auftakt zu einer gelungenen Krankheitsbewältigung sein sollte, zu einem zweifelhaften Sumpf, in dem Vorurteile gedeihen wie Bakterienrasen bei oben genannter Sepsis.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, es ist daher höchste Zeit, dass an exponierter Stelle, also auf der allerletzten Seite des Deutschen Ärzteblattes, dieser vielfach gepflegten Vorverurteilung entschieden entgegengetreten wird. Denn wir sind alle, ganz wie es sich unsere Schutzbefohlenen wünschen, natürlich ganzheitlich unterwegs, und die Abfrage des Versichertenstatus gehört – eigentlich überflüssig zu erwähnen – zur erweiterten Erfassung der Patientenpsyche einfach dazu.

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Gesetzlich Krankenversicherte genießen den Schutz durch den Hausarzt, der wirkungsvoll weiß, wie er sie durch die Klippen unseres Gesundheitssystems steuern muss, also den Koronarkranken zum Kardiologen schickt, den Psychotiker zum Psychiater, den Amputationsgefährdeten zum Angiologen. Diese Patienten sind es gewohnt, dass man ohne Umschweife zum Punkt, also zur optimalen Therapie kommt, und so möchten sie auch behandelt werden.

Privatpatienten hingegen neigen dazu, direkt einen Facharzt aufzusuchen, gehen also als Koronarkranke zur Knochendichtemessung, als Depressive zur Durchleuchtung, als Magenkranke zum MRT. Daher sind die diagnostischen Irrwege bei Privatpatienten häufig so verschlungen wie terminales Ileum und im Nachhinein so schwierig zu entschlüsseln wie die Handschrift eines Arztes.

Etwas anders verhält es sich bei gesetzlich Krankenversicherten, die über eine stationäre Zusatzversicherung verfügen. Diese geben mir immer wieder zu verstehen, dass sie sich mit den mangelhaften Leistungen im ambulanten Bereich nicht einverstanden erklären können. Genauso ungern, wie sie sich mit anderen Schutzbefohlenen an der Anmeldung drängeln, hätten sie es gerne, dass sie mindestens so vorzüglich behandelt werden wie im stationären Rahmen. Quasi als Schwertträger gegen die Unzulänglichkeiten des GKV-Systems, fordern sie von mir sowohl ausufernde als auch unmögliche Leistungen, selbstverständlich zum Kassenkurs.

Oje, das stößt sicher jemandem übel auf, ich werde bestimmt einen Leserbrief um die Ohren kriegen, ich sollte aufhören mit diesen Hirngespinsten, das würde doch hinten und vorne nicht stimmen . . . Das Telefon schrillt durch meine Gedankengänge, ein langjährig erfahrener Hausarzt ist in der Leitung. „Herr Böhmeke, ich habe da einen 50-jährigen Diabetiker, er klagt über Angina pectoris, wann kann er zu Ihnen kommen?“ Not kennt kein Gebot, schicken Sie ihn sofort vorbei. „Er ist gesetzlich versichert, und ich sehe ihn mindestens einmal im Quartal zum DMP, beim letzten Mal war er noch beschwerdefrei. Wissen Sie, meine GKV-Patienten sind weitaus besser versorgt als meine Privaten, denen muss ich hinterher jagen, dass sie zu den Kontrollen kommen, wenn sie chronisch krank sind! Und die Zusatzversicherten, die wollen immer nur teure Originalpräparate, die von der Kasse nicht bezahlt werden!“ Sie vergolden meinen Tag! „Warum das denn?“ Meine Glosse ist fertig, und um empörte Leserbriefe mache ich mir auch keine Sorgen mehr!

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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