THEMEN DER ZEIT

Darknet-Handel: Die Apotheken der digitalen Unterwelt

Dtsch Arztebl 2015; 112(51-52): A-2186 / B-1796 / C-1742

Mey, Stefan

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Im Darknet werden nicht nur alle Arten von Drogen gehandelt, sondern auch Medikamente. Die dienen teilweise der Selbstmedikation verzweifelter Patienten, meinen zumindest die Händler. Ein Einblick in das Geschäft der „illegalen Apotheken“.

Foto: iStockphoto
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Das Internet lässt sich mit einem riesigen, hellen Haus vergleichen. Die größten Zimmer sind bekannt, ebenso die dunklen Ecken – zumindest glauben die Bewohner das. Dann merken sie plötzlich, dass es noch ein großes Kellergewölbe gibt. Wer einmal dort war, berichtet mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu davon. Es ist eine Welt, von der viele vermutlich lange noch nicht einmal wussten. So in etwa ist es mit dem Darknet, der digitalen Unterwelt.

Unauffindbar für die Suche

Das Darknet steht für all die Webseiten, die von Suchmaschinen nicht gefunden werden und die sich mit technologischen Mitteln vor neugierigen Blicken verstecken. Vor allem staatliche Ermittler sollen ferngehalten werden. Alles, was sich Menschen an Fortschrittlichem, Banalem und Abstoßendem ausdenken können, ist hier vertreten. Es ist ein Schutzraum für Dissidenten und Whistleblower. Doch das Darknet wird auch von Pädophilen missbraucht, die dort Bilder tauschen.

Und es gibt Dutzende hochpro-fessionelle Webshops für illegale Güter. Auf diesen „Kryptomärkten“, wie sie in der Szenesprache heißen, werden vor allem Drogen gekauft und verkauft, ansonsten noch gehackte Kreditkartendaten, Waffen und Falschgeld. Auch Medikamente werden dort gehandelt.

Alphabay, zurzeit der größte dieser illegalen Webshops, listet um die 50 000 Produktangebote verschiedener Händler auf. Etwa die Hälfte davon fällt in die Gruppe „Drugs and Chemicals“. Dazu wiederum gehören zwei Unterkategorien mit Medikamenten: „Prescription“, das heißt verschreibungspflichtige Medikamente (2 103 Angebote), und „Benzos“ (2 068 Angebote). Etwa 800 der Angebote werden auch nach Deutschland geliefert. Offeriert wird beispielsweise die Potenzpille Cialis und das indische Viagra-Generikum Kamagra, Präparate mit dem Opioid Oxycodon und verschiedene Benzodiazepine.

Andere Marktplätze heißen Abraxas, East India Company oder Middle Earth Marketplace und funktionieren ähnlich. Wie von Amazon oder Ebay bekannt, können Käufer Nutzerbewertungen zu Händlern und Produkten schreiben. Schwarze Schafe, die trotz Bezahlung nicht liefern oder mangelhafte Qualität verkaufen, werden so öffentlich gebrandmarkt.

Und wie im normalen E-Commerce besteht das Ökosystem der Kryptomärkte aus mindestens drei Parteien: den Marktplätzen, den Händlern und den Käufern. Einige Händler haben sich ausschließlich auf Medikamente spezialisiert, für andere sind sie nur Teil eines größeren Produktportfolios, das vor allem aus Drogen besteht.

Kleine und große Fische

Mit Darknet-Händlern zu sprechen, ist nicht einfach. Zu groß ist ihr Misstrauen, das Gegenüber könnte vielleicht ein Ermittler oder ein Konkurrent sein, der sie ausspionieren will. Zwei deutsche Händler haben sich dann aber doch dazu bereit erklärt. Um anonym zu bleiben, haben sie darauf bestanden, dass ihre Händlernamen nicht genannt werden, ebenso wenig wie die Marktplätze, auf denen sie aktiv sind. Einer wollte sich darüber hinaus auch nicht direkt zitieren lassen. Im Folgenden heißen die beiden einfach Händler 1 und Händler 2.

Den Umfang des Medikamentenmarktes im Darknet schätzen sie unterschiedlich ein. Händler 1 hält zumindest die deutschen Szene für überschaubar: „Es ist davon auszugehen, dass eine halbwegs gut platzierte Apotheke den Umsatz eines Darknet-Händlers um ein Vielfaches übertrifft, zumal die überwiegende Zahl der angebotenen Medikamenten, von ausländischen Anbietern stammt.“ Bei den gehandelten Medikamenten gibt es klare Bestseller, erzählt er: „Am besten laufen entspannende beziehungsweise angstlösende Medikamente, starke Schmerzmittel, Neuro-Enhancer und die berühmten Potenzpillen.“

Auf die gesamte Branche bezogen, gebe es schon einen sehr großen Kundenstamm, meint hingegen Händler 2. Neben vielen kleinen Händlern seien auch einige sehr große am Markt. Er selbst würde sich eher zu den kleinen Fischen zählen. Der Bedarf an Medikamenten aus dem Darknet übersteige seine eigenen Möglichkeiten. Er selbst liefert meist an Stammkundschaft. In der Hälfte der Fälle gehe es beim Kauf von Medikamenten im Darknet klar um Missbrauch, also die Nutzung jenseits ihrer Indikation. Bei der anderen Hälfte aber handele es sich um Selbstmedikation, schätzt er.

Ein Grund, warum Leute sich auf eigene Faust mit Medikamenten versorgen, sei die Scham, mit Fremden über persönliche Probleme zu reden, meint Händler 1. Außerdem spielen als negativ empfundene Erfahrungen mit Ärzten eine Rolle: „fehlendes Vertrauen in die Ärzte, weil wirksame Medikamente nicht selten einfach abgesetzt werden, die Dosierung im Laufe der Zeit nicht angepasst wird oder die verschriebenen Medikamente einfach nicht die gewünschte Wirkung erzielen“. Er habe auch den Verdacht, dass die Verschreibungspraxis hierzulande teilweise besonders restriktiv sei. Ihm falle etwa auf, dass Schmerzmittel fast nur nach Deutschland verschickt werden. Insgesamt sei es deswegen wenig verwunderlich, wenn Leute über das Darknet ihr „Schicksal selbst in die Hand nehmen“.

Beispiel für einen Kryptomarkt im Darknet: Auf der Plattform Abraxas sind auch verschreibungspflichtige Medikamente käuflich zu erwerben.
Beispiel für einen Kryptomarkt im Darknet: Auf der Plattform Abraxas sind auch verschreibungspflichtige Medikamente käuflich zu erwerben.

Selbst auferlegte Regeln

Zur moralischen Seite ihres Geschäfts befragt, greift Händler 1 auf die klassisch-liberale Argumentation zurück, dass freie Menschen freie Entscheidungen treffen: „Aus moralischer Sicht ist zu sagen, dass jeder Kunde selbst die Möglichkeit hat, zu entscheiden, ob und was er ausprobiert und wie lange beziehungsweise wie oft er das Medikament anwendet.“ Und das, fügt er hinzu, sei nicht immer möglich, wenn man nur auf die ärztliche Verschreibung angewiesen ist.

Auch der andere Händler setzt auf Eigenverantwortung. Er räumt aber ein, durchaus zu wissen, dass dieser Darknet-Handel moralisch verwerflich ist. Dennoch sei ihm die Frage der Moral insgesamt sehr wichtig. Dass er zu den kleineren Fischen im Geschäft zähle, liege unter anderem daran, dass er sich selbst Standards auferlegt hat. Beispielsweise verkaufe er üblicherweise nur Mengen, die einer regulären Verschreibung von 15 bis 20 Tagen entsprechen würden. Er liefere nur an Erwachsene. Hat er den Verdacht, dass es sich bei Neukunden um Jugendliche handeln könnte, versuche er nachzubohren. Und er stehe mit einigen Konsumenten in Kontakt. Zwei Käufer hätten beispielsweise auf sein Anraten hin die Dosis reduziert und sich in stationäre Therapien begeben.

Nicht auf seiner Angebotsliste stehen unter anderem Barbiturate und einige Substanzen aus der Intensivmedizin, etwa Propofol. Die Benzodiazepine, die er verkauft, versehe er mit Lebensmittelfarbe und einem starken Geschmackbeisatz, um einer Verwendung als K.o.-Tropfen entgegenzuwirken. Zudem verkaufe er nur Produkte, die regulär pharmazeutisch hergestellt werden.

Die Gefahr, das falsche oder ein gestrecktes Produkt zu bekommen, sei im Darknet aufgrund des Systems von Nutzerbewertungen deutlich niedriger als bei anderen illegalen Vertriebswegen. Auch Händler 1 hält die Produktqualität für hoch und meint sogar provokativ: „Die Qualität der im Darknet angebotenen Medikamente ist durchaus auf dem Niveau der in deutschen Apotheken vertriebenen Produkte.“ Neben deutschen Originalmedikamenten würden fast ausschließlich Generika indischer Hersteller gehandelt, die seiner Meinung nach den Originalen meistens qualitativ in nichts nachstehen und um einiges günstiger seien. Man müsste dann nur darauf achten, dass es sich um namhafte Generika-Hersteller handele.

Apotheker warnen

Das alles klingt nach einem plumpen Marketing-Getöse, ist aber nicht ganz abwegig, auch wenn gerade indische Generika immer wieder in der Kritik stehen. Die Konkurrenz der Händler auf den Marktplätzen ist groß. Nutzerbewertungen bieten eine wichtige Orientierung für potenzielle Käufer. Wer seinen Käufern wirkungslose oder gar gefährlich zusammengepanschte Substanzen liefert, wird wenig später kaum mehr etwas verkaufen können.

Das Argument, dass die Produktqualität durch Nutzerbewertungen im Darknet gewährleistet wird, will Dr. Reiner Kern, Pressesprecher der Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände (ABDA), nicht anerkennen. Die „laienhafte Qualitätsbeurteilung“ funktioniere bei Medikamenten nur bedingt: „Wenn ein vermeintliches Mittel gegen Erektionsstörungen aus dem Internet keinen Wirkstoff enthält, merkt der Käufer das bei ausbleibender Wirkung noch. Was aber ist, wenn bei einem gefälschten Arzneimittel ein Wirkstoff gefährlich überdosiert ist oder Verunreinigungen mit toxischen Stoffen gegeben sind?“ Aus gutem Grund gebe es in Deutschland die Apotheken- beziehungsweise die ärztliche Verschreibungspflicht: „Eine Arzneimitteltherapie ist ein Hochrisikoprozess. Der muss begleitet werden, das Medikament muss indiziert sein, es muss auf Neben- und Wechselwirkungen geachtet werden. Das ist nicht möglich, wenn man legale Vertriebs- und Verschreibungswege verlässt. Wir können Verbraucher nur davor warnen, das zu tun.“ Da es bei Krankheiten legale Wege gebe, an Medikamente zu kommen, deute der Kauf im Darknet ohnehin auf eine Missbrauchsabsicht hin. Ein Beispiel seien Medikamente, die für Doping eingesetzt werden können.

Auch auf öffentlich zugänglichen Webseiten würden von Nicht-Apothekern immer wieder rezeptpflichtige Medikamente angeboten, erzählt er. Oft passiere das in kleinem Rahmen: Jemand hat noch eine nicht verbrauchte Packung eines Medikaments und will sie auf einer Online-Verkaufsplattform zu Geld machen. Sobald sein Verband davon erfahre, wende man sich an die Plattformbetreiber, meist erfolgreich. Über die Reichweite und die Dimension des Medikamentenhandels im Darknet ist der ABDA wenig bekannt. Er sei für Apotheken aber nicht ökonomisch relevant. Im Übrigen seien das Aufspüren und Verfolgen von illegalen Vertriebswegen Aufgabe der Ermittlungsbehörden.

Schwierige Ermittlungen

Die Ermittler allerdings haben kein leichtes Spiel. Die meisten Bereiche des Darknets lassen sich nur mit Hilfe der frei verfügbaren Verschleierungssoftware Tor betreten. Hinzu kommt, dass auf den illegalen Kryptomärkten Zahlungen nur in der anonymen Hackerwährung Bitcoin möglich sind. Auch der Versand der Medikamente scheint kein größeres Problem darzustellen – sie werden einfach geruchssicher verpackt.

Immer wieder gelingt es Ermittlern dennoch, Betreiber von Kryptomärkten und einzelne Händler auffliegen zu lassen. Im Jahre 2013 gelang dies bei der bis dato größten Plattform Silk Road – als ein Ergebnis aufwendiger internationaler Ermittlungen. Das jedoch löste eine Flut an Neugründungen aus. Als größter deutscher Ermittlungscoup wurde im März 2015 ein 20-jähriger Leipziger festgenommen, der von der elterlichen Wohnung aus in einem Jahr knapp eine Tonne Drogen verschickt hatte. Diese Erfolgsgeschichten sind allerdings rar.

Die Arbeit der Polizei wird trotzdem durchaus ernst genommen: „Der Druck der Strafverfolgungsbehörden ist nicht zu unterschätzen, wie sich am Beispiel Silk Road oder diverser Darknet-Drogenhändler zeigt“, meint Händler 1. Der andere sieht es entspannter: Die Technologien und die Verfahren, die er nutze, würden seine Anonymität sehr gut schützen. Und insgesamt sehe er sich nicht als sonderlich gefährdet in Anbetracht der Tatsache, dass große Händler seit Jahren relativ ungestört und in großem Stil Ecstasy, Heroin oder Kokain handeln.

Das Darknet, der unerforschte Keller des Internets, ist vor allem eines: sehr dunkel. Und alle „Bewohner“ sorgen dafür, dass das auch so bleibt. Welche Dimensionen der Handel mit Medikamenten hat, lässt sich deswegen kaum sagen. Sicher ist nur, dass sich dort ein ganz neuer Vertriebsweg für Medikamente herausgebildet hat. Er ist hoch komplex und verfügt über eigene Regulierungsmechanismen. Auf paradoxe Art ist er sehr professionell. Und er hat nur noch wenig mit den schlecht gemachten Webseiten von einst zu tun, die ahnungslosen Kunden gefälschte Viagra anbieten.

Stefan Mey

Infobox

Darknet

Das „normal zugängliche“ Internet wird von Suchmaschinen erfasst und von marktüblichen Browsern wie Firefox angezeigt. Beim Darknet ist das nicht der Fall. Es schirmt sich technologisch ab. Dafür gibt es verschiedene Lösungen, am verbreitetsten ist die Tor-Software. Hier kommunizieren Dissidenten geschützt miteinander, es werden anonyme Blogs betrieben, und hier tauschen in gesicherten Foren Pädophile Bilder. Das Darknet ist zugleich eine illegale Einkaufsmeile mit Kryptomärkten, die verschiedene illegale Güter anbieten.

Tor

Auf der Seite www.torproject.org lässt sich eine kostenfreie Software herunterladen. Der Browser Tor, der sich dann installiert, leitet Anfragen nach Webseiten über weltweit verteilte, zufällig ausgewählte Knoten. Der Effekt: Die IP-Adresse eines Internetnutzers wird unsichtbar. Tor ermöglicht es, im normalen Netz unerkannt zu surfen. Zudem existiert unter der inoffiziellen Darknet-Internetendung .onion ein eigenes Ökosystem an Webseiten, die nur per Tor-Browser sichtbar sind. Dieser Bereich ist meist gemeint, wenn vom Darknet gesprochen wird.

Bitcoins

Auf Kryptomärkten lässt sich nur mit Bitcoins zahlen. Die anonyme Hackerwährung basiert auf einer komplizierten, dezentralen Buchhaltung. Am Bitcoin-Netzwerk beteiligte Rechner überprüfen Überweisungen auf ihre Plausibilität und protokollieren sie in einer öffentlichen Datenbank. Das soll Betrug verhindern. Bitcoins lassen sich auf speziellen Börsen mit klassischen Währungen kaufen. Bei entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen lässt sich von Ermittlern nicht nachvollziehen, wer hinter den einzelnen Bitcoin-Konten steht. Wert eines Bitcoins: zurzeit etwa 350 Euro.

Kryptomärkte

Im Darknet hat sich eine Vielzahl an konkurrierenden illegalen Marktplätzen entwickelt, so etwa Alphabay, Abraxas, Middle Earth Marketplace und Nucleus Market. Den meisten Umsatz machen Händler dort mit illegalen Drogen. Verkauft werden auch Werkzeuge für Cybercrime-Attacken, Falschgeld, Waffen und Medikamente, vor allem Schmerzmittel und Potenzpillen. Die Szene ist ständig in Bewegung. Immer wieder werden Kryptomärkte beschlagnahmt. Manchmal verabschieden sich betrügerische Marktplatzbetreiber mit den Bitcoins aller Nutzer.

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