ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2015Medizinische Versorgung in Syrien: Ärzte im Bombenhagel

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Medizinische Versorgung in Syrien: Ärzte im Bombenhagel

Fleck, K.

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Unter schwierigsten Bedingungen versuchen wenige verbliebene Ärzte inmitten von Krieg und Terror, Patienten zu behandeln und Leben zu retten. Ein deutsch-syrisches Projekt

Medizinische Versorgung im syrischen Bürgerkrieg: In den von Regimegegnern gehaltenen Regionen sind gerade Krankenhäuser, deren Personal und Patienten das Ziel von Bomben- und Raketenangriffen. Zwei unter solchen Bedingungen arbeitende Ärzte berichteten unlängst auf einer Veranstaltung der Initiative „Deutsch-Syrische Ärzte für humanitäre Hilfe e.V.“ in Berlin von ihrem Alltag in Syrien.

„Nachdem unser Krankenhaus immer wieder angegriffen wurde, haben wir es zum Schutz unserer Patienten und unserer Mitarbeiter unter die Erde verlegt“, sagt der Chirurg Dr. Abdul-Aziz aus Aleppo. Er ist in der von oppositionellen Kräften kontrollierten Osthälfte der geteilten Stadt tätig. Liegen Behandlungsräume dort über der Erdoberfläche, werden die Fenster zum Teil mit Sandsäcken verbarrikadiert, die vor Schrapnellgeschossen – mit Metallkugeln gefüllten Artilleriegranaten – schützen sollen. Selbst Krankenwagen dienen den Angreifern als Ziele und werden von ihnen zerstört.

Nur wenige Ärzte noch vor Ort

Die Arbeit in den Not-Krankenhäusern muss mit einem absoluten Minimum an Personal erfolgen. Die meisten Ärzte sind bereits geflohen. „Für die hier lebenden etwa 300 000 Menschen stehen maximal noch 35 Mediziner zur Verfügung, von diesen kenne ich jeden Einzelnen“, sagt Abdul-Aziz. Wenn geschultes Assistenzpersonal nicht vorhanden ist, wird es zum Teil durch Laienhelfer ersetzt. Die Versorgung mit Medikamenten und medizinischem Gerät erfolgt mit Unterstützung ausländischer Hilfsorganisationen über die nahe gelegene Grenze zur Türkei. Nicht trotz, sondern gerade wegen der katastrophalen Situation will Abdul-Aziz Aleppo nicht verlassen: „Wir sehen das Leid der Menschen, aber wir sehen ebenso den Nutzen unserer Arbeit.“ Deshalb engagiert er sich auch für den Aufbau einer medizinischen Fakultät in einer neuen, derzeit für den Osten Aleppos geplanten Universität. Ein Versuch, trotz Bürgerkrieg über die Grenzen der Stadt hinaus Ärzte auszubilden und einer noch dramatischeren Verschlechterung der Patientenversorgung entgegenzuwirken.

Bereits seit dem Beginn der Protestbewegung gegen das Assad-Regime vor mehr als vier Jahren müssen Ärzte in Syrien Angst haben, wenn sie Regimegegner behandeln. „Einige dieser Ärzte, Krankenschwestern und Krankenpfleger wurden zur Abschreckung gezielt getötet“, berichtet Dr. Munzer Al-Khalil, Leiter des Idlib City Medical Council, der die medizinische Versorgung in der im Nordwesten Syriens gelegenen Stadt Idlib organisiert. Die dortige Provinz ist mittlerweile weitgehend unter Rebellenkontrolle. Jedoch schon 2011 entstanden in Idlib private medizinische Einrichtungen, um Patienten behandeln zu können, die in staatlichen Krankenhäusern sonst verhaftet worden wären. Mittlerweile werden unter anderem auch große Impfaktionen durchgeführt: Diese haben Al-Khalil zufolge an Bedeutung gewonnen, weil der Krieg Infektionskrankheiten wie Polio zurückgebracht habe, die vorher in Syrien keine Rolle mehr gespielt hätten.

„Das Hauptproblem ist jedoch auch bei uns, dass regelmäßig gezielt medizinische Einrichtungen bombardiert werden“, so Al-Khalil. Im letzten Jahr seien 20 Krankenhäuser, einige von ihnen bis zu 20-Mal getroffen worden, unter den Todesopfern seien 70 Mediziner gewesen. Das zweite große Problem sei die Auswanderung der Ärzte, aber auch der Medizinstudenten, die ihre Ausbildung nicht fortsetzen können. Es wird versucht, dem entgegenzuwirken. Dank finanzieller Unterstützung aus dem Ausland gibt es schon jetzt spezielle Weiterbildungskurse für medizinisches Personal.

Leben zu retten und Leiden zu lindern, das ist auch das wichtigste Ziel des Vereins Deutsch-Syrische Ärzte für humanitäre Hilfe (DSÄ, www.ds-aerzte.de). Vor etwas mehr als zwei Jahren von in Deutschland tätigen Ärzten syrischer Herkunft gegründet, unterstützt der Verein nicht nur Hilfsprojekte in Syrien selbst, sondern auch in den Nachbarländern Libanon und Jordanien, in die große Teile der syrischen Bevölkerung geflüchtet sind. „Wir engagieren uns dabei auf einer rein humanitären, medizinischen Ebene und nicht politisch“, sagt Dr. Mahmoud Sultan, DSÄ-Vorstandsmitglied und in Berlin niedergelassener Internist. In Syrien werde dabei vor allem Menschen in Gegenden geholfen, die von Belagerung, Beschuss und Bombardierung durch das Regime betroffen sind.

Verein hilft bei Notversorgung

Seine Arbeit finanziert der Verein in erster Linie aus Spenden, im Jahr 2014 kamen so knapp 240 000 Euro zusammen. Dieses Geld dient zum Beispiel dazu, Verletzte nach Amputationen mit Prothesen und Rehabilitation zu helfen, regelmäßig Krankenhäuser und Notlazarette finanziell zu unterstützen oder Arzneimittellieferungen zu ermöglichen. „Medikamentenmangel“, so der Berliner Internist, „ist ein riesiges Problem. Schätzungsweise bis zu einer Million Menschen in Syrien mit Diabetes, Herzleiden, Krebs oder anderen chronischen Krankheiten mussten schon sterben, weil kriegsbedingt die Medikamente für sie fehlten.“

Zerstört nach Luftangriff am 5. November 2015. Krankenhaus in der Region von Aleppo. Fotos: picture alliance
Zerstört nach Luftangriff am 5. November 2015. Krankenhaus in der Region von Aleppo. Fotos: picture alliance

Katastrophale Lage

Für die ganz besonders unter dem Bürgerkrieg leidende Stadt Aleppo organisierte der Verein im September den Transport von 7,5 Tonnen Babynahrung. Das reiche drei Monate lang für die dortigen etwa 5 000 Säuglinge, im Dezember soll die nächste Lieferung erfolgen. Ebenfalls im September wurden von deutschen Kliniken gespendete medizinische Geräte im Wert von rund 50 000 Euro nach Aleppo gebracht, es folgte die Lieferung jeweils eines Krankenwagens dorthin und in die Region Idlib. „Solche Unterstützung ist noch wichtiger geworden“, sagt Mahmoud Sultan, „nachdem sich andere internationale Hilfsorganisationen aus Sicherheitsgründen zunehmend zurückgezogen haben.“ Dabei können Hilfsgüter-Transporte über die Türkei nach Syrien auch aus bürokratischen Gründen schwierig und langwierig sein. So passierte es, dass Einzelproben aus einer Notfallkoffer-Lieferung, die bereits die türkisch-syrische Grenzregion erreicht hatte, vom türkischen Zoll erst zur Analyse nach Ankara geschickt wurden und diese Analyse dann vier Wochen in Anspruch nahm.

Die deutsch-syrische Ärzteinitiative DSÄ ist eine von acht nationalen Mitgliedsorganisationen der UOSSM (Union des Organisations de Secours et Soins Médicaux / International Union of Medical Care and Relief Organizations), die von Europa, den USA und Kanada aus Hilfsprojekte für Menschen in Syrien unterstützt. „Der syrische Konflikt hat die größte humanitäre Katastrophe unserer Gegenwart verursacht und dazu geführt, dass es in diesem Land kein funktionierendes Gesundheitssystem mehr gibt“, sagt UOSSM-Präsident Dr. Ghanem Tayara, ein in Großbritannien tätiger Allgemeinarzt. Nach Angaben der UN-Organisation OCHA (Office for the Coordination of Humanitarian Affairs) benötigen mehr als zwölf Millionen Syrer – also rund zwei Drittel der noch im Land lebenden Menschen – humanitäre Unterstützung, davon sind 5,6 Millionen Kinder. „Wir engagieren uns dabei nicht nur dafür, physisches sondern auch seelisches Leid zu lindern. Manche Menschen haben durch den Krieg alles einschließlich ihrer Angehörigen verloren“, erklärt Tayara. Die Hilfsorganisation hat in Syrien, in der Türkei und im Libanon Zentren für psychologische und psychiatrische Unterstützung eingerichtet und bietet zusammen mit der Yale University sogar einen telepsychiatrischen Dienst via Internet an, um syrischen Bürgerkriegsopfern zu helfen.

Dr. med. K. Fleck

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