ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2016Schulphobie und Trennungsangst: Wenn die Schule zum gefährlichen Ort wird

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Schulphobie und Trennungsangst: Wenn die Schule zum gefährlichen Ort wird

PP 15, Ausgabe Januar 2016, Seite 17

Hopf, Hans

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Foto: Fotolia/grafikplusfoto
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Manche Kinder bleiben wochen- oder monatelang der Schule fern. Fast immer liegt einer Schulphobie im Kindesalter Trennungsangst zugrunde. Dieses Vermeidungsverhalten zieht große soziale Schäden nach sich und muss zügig behandelt werden

Mit einer Prävalenzziffer von zehn Prozent sind Angststörungen die häufigsten psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen (1). Einen hohen Anteil hat dabei die Schulvermeidung, auch Schulverweigerung oder Schulabsentismus genannt. Mit diesen Bezeichnungen werden allerdings die Ursachen nicht deutlich. Darum wird in der psychoanalytischen Therapie unterschieden zwischen Schulangst, Schule schwänzen und Schulphobie.

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Bei Schulangst wird die Angst durch eine bedrohliche Situation in der Schule ausgelöst. Es ist eine ganz reale Angst, etwa vor Beschämung, Verletzung, Strafe oder Mobbing. Aber auch hier können Überschneidungen mit innerseelischen Konflikten eines Kindes existieren.

Ängste bei Jugendlichen

Wohl die heftigste Form von Schulverweigerung und Vermeidungsverhalten ist das Herumstreunen und die Schule „schwänzen“. Rein äußerlich scheint bei den Streunern keine Angst erkennbar zu sein. Aber auch bei ihnen ist die wesentliche Triebfeder eine Form von Angst – vor Anstrengung, Mühe und Leistung.

Fast immer liegt einer Schulphobie im Kindesalter Trennungsangst zugrunde. Im Jugendalter zeigen sich vor allem soziale Ängste, die Schulvermeidung nach sich ziehen. Zugrunde liegen hier Scham- und Schuldängste, Versagensängste auch Ängste vor Liebesverlust, was eine eher narzisstisch-depressive Struktur erkennen lässt.

Unter Trennungsangst wird sowohl eine für ein bestimmtes Alter typische Entwicklungsphase, wie etwa die Achtmonatsangst, als auch ein abweichendes Verhalten eines Kindes ab dem Vorschulalter verstanden. Wann Trennungsangst eines Kindes als Angststörung eingestuft werden muss, ist wie bei allen neurotischen Symptomen fließend. Es hängt ab vom Schweregrad, dem Leidensdruck auf Patient und Familie sowie der Altersstufe des Kindes. Scheitern die Entwicklungsaufgaben Bindung, Trennung und Autonomieentwicklung, so bleibt die frühe Trennungsangst erhalten. Eine Angststörung entsteht dann, so wie im folgenden Fallbeispiel:

Die Mutter meldet die sechseinhalbjährige Bettina zur Therapie an, weil diese seit sieben Monaten – ihrem Eintritt in die Grundschule – auffällige Anhänglichkeit zeige und nicht mehr ohne ihre Mutter bleiben möchte. Ihre Essensgewohnheiten haben sich verändert; Bettina möchte nur noch weiche Nahrung wie Joghurt, Milchschnitten oder am liebsten Brei. Vor einiger Zeit hat sie sich gewünscht, wieder aus ihrer Flasche trinken zu dürfen. Nachts hat Bettina oft Angst und kann nur schwer einschlafen. In der vergangenen Zeit hatte sie vermehrt über Bauchweh und Kopfschmerzen geklagt, wofür jedoch keine körperlichen Ursachen gefunden wurden. Der Vater hat die Familie vor drei Jahren verlassen. Bettina verweigert den Kontakt zu ihm, aber auch zur gesamten Verwandtschaft. Vor Männern fürchtet sie sich und sie versteckt sich hinter der Mutter. An dieser Vignette können die wichtigsten Merkmale von krankheitswertigen Trennungsängsten erkannt werden:

  • Angst vor der Trennung,
  • Rückzug aus den Außenwelten,
  • somatoforme Begleitsymptome wie Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen.

Ein wichtiges Merkmal sind aber auch regressive Tendenzen mit Vermeidungsverhalten, etwa Schlafen im Bett der Mutter, Fläschchen, Einnässen et cetera. Die Körpersymptome sind – wie auch bei der Schulphobie – letztendlich Angstäquivalente, also körperliche Korrelate von Angst und nicht symbolisierte Affekte – der Körper ist zur Angststätte geworden. Körpersymptome haben aber auch die Funktion, Trennungen vermeiden zu helfen, im Sinne eines primären und sekundären Krankheitsgewinns. Der primäre Krankheitsgewinn wäre die Wiederherstellung der Nähe zur Mutter, der sekundäre Krankheitsgewinn läge in allen sich hieraus ergebenden sozialen Folgen. Mittels Krankheit kann auf diese Weise Selbstwerdung und Autonomie mit allen zugehörigen Ängsten vermieden werden. Über sein Kranksein bekommt ein Kind andererseits auch mehr Zuwendung, so dass es an seiner Krankheit festhalten will. Trennungsängste unterscheiden sich letztendlich kaum von Schulphobien. Bei diesen ist die Schulvermeidung lediglich in das Zentrum des Störungsbildes gerückt. In allen Schwellensituationen, Kindergarten, Einschulung, Wechsel auf eine andere Schule und vor allem mit Beginn der Pubertät können Trennungsängste immer wieder aufleben.

Väter sollten von Anfang an am Therapieprozess teilnehmen, auch getrennt lebende. Kinder mit einer Schulphobie sind meist eng an ihre Mütter gebunden. Das Beziehungsdreieck Mutter, Vater, Kind ist ungleich, eine triadische Entwicklung ist zumeist gescheitert. Foto: picture alliance
Väter sollten von Anfang an am Therapieprozess teilnehmen, auch getrennt lebende. Kinder mit einer Schulphobie sind meist eng an ihre Mütter gebunden. Das Beziehungsdreieck Mutter, Vater, Kind ist ungleich, eine triadische Entwicklung ist zumeist gescheitert. Foto: picture alliance

Schon bei einfachen Trennungsängsten kommt es auch zur Angst vor der Schule. Sie kann aber zum dominierenden Sündenbock werden, wenn die Angst vor den außerfamiliären Bereichen an die Hauptstelle tritt: Dann nennen wir eine solche Trennungsangst auch Schulphobie. Kinder mit einer Schulphobie haben Angst, die Schule zu besuchen, obwohl kein objektiver Grund dafür zu erkennen ist. Sie bleiben nicht selten wochen-, sogar monatelang der Schule fern, wenn keine wirksame Behandlung erfolgt. Die Schulphobie wird, wie alle Trennungsängste, oft von körperlichen Beschwerden wie Übelkeit, Appetitstörungen, Bauch- und Kopfschmerzen begleitet. Diese können – wie bei Trennungsängsten – gelegentlich auch vorgeschoben werden, um den Schulbesuch zu vermeiden.

Eine Phobie ist eine „Furchterkrankung“. Das Störungsbild heißt deshalb Schulphobie, weil die Trennungsangst auf die Schule verschoben wird. Tatsächlich wird die Schuld für die Schulvermeidung gelegentlich nicht in der Familiendynamik, sondern in der Schule gesucht. Mit der Verschiebung wird aus der inneren Gefahr eine äußere, die jedoch vermieden werden kann. Denn wenn ein Kind den Schulbesuch meidet, kann es relativ angstfrei und ohne Leidensdruck bleiben. Aber dieses Vermeidungsverhalten zieht große soziale Schäden nach sich. Die wichtigste Rahmenbedingung bei der Planung einer Psychotherapie ist daher, dass das Kind die Schule besuchen soll, ehe mit einer Behandlung begonnen wird. Die Alternative muss ansonsten eine stationäre Behandlung in einer Klinik sein.

Aggressive Hemmung

Kinder mit einer Schulphobie sind meist eng an ihre Mütter gebunden. Das Beziehungsdreieck Mutter, Vater, Kind ist ungleich, eine triadische Entwicklung ist zumeist gescheitert. So gut wie alle Kinder leiden an einer aggressiven Hemmung, darum ist auch ihre Autonomieentwicklung gescheitert, denn Loslösung braucht aggressive Ich-Durchsetzung. Erforderlich ist daher von Anfang an eine vertrauensvolle Mitarbeit der Eltern. Diese müssen oft lernen, Ängste und von jetzt an auch noch die Aggressionen ihres Kindes auszuhalten.

In fast allen Untersuchungen zur Prävalenz kommen Schulphobien bei Jungen und bei Mädchen etwa gleich häufig vor. Sowohl der Junge als auch das Mädchen klammern und haben Angst vor den Außenwelten, aggressive Hemmungen sind entstanden, Autonomieentwicklung wird unterdrückt. Dennoch gibt es bei Schulphobien auch Unterschiede. Jungen sind gelegentlich erotischer Partner ihrer Mütter und genießen deren grenzenlose Bewunderung. In der Außenwelt, also auch in der Schule, fürchten sie darum, ihren „Nimbus“ zu verlieren und bloßgestellt und erniedrigt zu werden.

Besucht ein Kind die Schule nicht, kann es sich zu Hause behaglich einrichten und in kindliche Welten zurückfallen. Dann verschwinden zwar vordergründig die Ängste und erzeugen keinen Leidensdruck, aber sie können auch nicht bearbeitet werden.

Schulbesuch vor der Therapie

Ein solches Vermeidungsverhalten darf schon darum nicht entstehen, weil es zum Dauerzustand werden kann. Eine zentrale Rahmenbedingung ist daher, wie bereits erwähnt, dass das Kind die Schule besuchen muss, ehe mit einer psychotherapeutischen Behandlung begonnen wird. Die Konfrontation mit dieser Forderung führt in der Regel zur ersten Erschütterung der Familiendynamik. Oft zeigen sich die Mütter empört, die Väter nicht selten hilflos. Die Kinder mit einer Schulphobie reagieren auf diese Anforderung mit Verzweiflung, unbändiger Wut und Rückzug. Da in den meisten Angstfamilien aggressive Affekte gemieden werden, können sich die Eltern gegenüber ihren verweigernden Kindern nur schwer durchsetzen, und nicht selten scheitert bereits die Behandlung, ehe sie überhaupt begonnen wurde. Damit wird auch deutlich, wie wichtig es ist, dass Väter von Anfang an am Therapieprozess teilnehmen, durchaus auch getrennt lebende, die selbstverständlich auch allein zu Gesprächen kommen können. Die folgenden Versuche haben geholfen, dass Kinder die Schule wieder besuchen:

  • Ein eisernes „Du gehst in die Schule“ beider Eltern!
  • Eine Freundin, ein Freund holen das Kind morgens ab.
  • So bald wie möglich wird Kontakt mit der Schule aufgenommen. Mit dem Lehrer wird vereinbart, dass das Kind anfänglich nur wenige Stunden, mit der Zeit immer häufiger, am Unterricht teilnimmt.
  • Der Vater nimmt sich Urlaub und begleitet sein Kind in die Schule. Für viele Kinder ist es fast unglaublich, dass der sonst so viel beschäftigte Vater sich diese Zeit nimmt.

Manifeste Schulphobien müssen unbedingt so schnell wie möglich psychotherapeutisch behandelt werden. Nicht behandelte Schulvermeidung kann im Erwachsenenalter in Arbeitsvermeidung und in ein generalisiertes Vermeidungsverhalten übergehen.

Anschrift des Verfassers:
Dr. rer. biol. hum. Hans Hopf,
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut,
Seebachweg 14, 74395 Mundelsheim

1.
Esser G (Hrsg.): Lehrbuch der Klinischen Psychologie und Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen, Stuttgart: Thieme Verlag 2011; 4. Auflage.
2.
Hopf H: Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel 2014a; 3. Auflage.
3.
Hopf H: Schulangst und Schulphobie. Wege zum Verständnis und zur Bewältigung. Hilfen für Eltern und Lehrer. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel 2014b.
4.
Reissner V, Jost D, Krahn U, et al.: Therapie von Schulvermeidern mit psychiatrischen Erkrankungen. Dtsch Arztebl 2015; 112 (39): 655–62.
1.Esser G (Hrsg.): Lehrbuch der Klinischen Psychologie und Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen, Stuttgart: Thieme Verlag 2011; 4. Auflage.
2.Hopf H: Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel 2014a; 3. Auflage.
3.Hopf H: Schulangst und Schulphobie. Wege zum Verständnis und zur Bewältigung. Hilfen für Eltern und Lehrer. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel 2014b.
4.Reissner V, Jost D, Krahn U, et al.: Therapie von Schulvermeidern mit psychiatrischen Erkrankungen. Dtsch Arztebl 2015; 112 (39): 655–62.

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