ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2016Krankenhausreform: Traurige Lektüre
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Das DÄ 50/2015 widmet die Titelgeschichte und drei Artikel der Krankenhausreform und Qualitätssicherung. Es ist eine traurige Lektüre, die wenig Hoffnung zulässt. 25 Jahre nach der Wiedervereinigung ist im deutschen Gesundheitswesen das Subsidiaritätsprinzip tot. Um die Qualität zu sichern, wird eine neue Institution berufen, die Qualitätsmerkmale auszuarbeiten und zu analysieren hat. Und all das auf Grundlage der Abrechnungsdaten. Sämtliche Arbeiten, die beweisen, dass Abrechnungsdaten in Bezug auf die klinische Realität selten das Niveau eines Münzwurfes erreichen, werden einfach als nicht existent angenommen. In der normalen Welt würde niemand auf die Idee kommen, Schlussfolgerungen und Rankings einer Restaurantqualität auf Grundlage der Kassenbons aufzustellen, im Gesundheitswesen scheint es die neue Religion zu sein.

Vor fast 50 Jahren, 1966, teilte Donabedian die medizinische Qualität in Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität ein. Bei der häufigsten Todesursache der deutschen Gesellschaft, den Kreislaufkrankheiten, kann tatsächlich aus den administrativen Daten (Anzahl und Erreichbarkeit der Herzkatheterplätze, Interventionsoptionen etc.) ein erster Ansatz für die Strukturqualität gesehen werden, und es können sich tatsächlich Anhaltspunkte für die Qualität der Versorgung ergeben. Aber sonst? Mit bösartigen Tumoren als der zweithäufigsten Todesursache und dem kolorektalen Karzinom an Platz zwei innerhalb dieser Gruppe bei beiden Geschlechtern? Wieso ist es in Deutschland nicht möglich, bei circa 70 000 Neuerkrankungen pro Jahr die Lebensqualität dieser Patienten zu erfassen? Wie lange wollen wir uns noch die jährlich veröffentlichten Ansammlungen von Prozeduren-Nummern, Zweibettzimmern und Fernsehapparaten als „strukturierte Qualitätsberichte“ akzeptieren? Warum ist es einfacher, künstliche Faktoren und Indikatoren mit immensem Aufwand berechnen zu lassen, als mit den Patienten und Chirurgen zu reden? Seit 2000 existiert in Deutschland ein in dieser Form weltweit einzigartiges, sich selbst tragendes, freiwilliges Qualitätsprogramm.

Chirurgen für Chirurgen analysieren freiwillig eigene klinische Daten, eigene Operationstechniken und Ergebnisse – die klinische Realität, nicht die Welt der Abrechnungsprogramme. Es ist offensichtlich einfacher, in Deutschland Geld und Ressourcen für eine neue administrative Institution zu finden, als bestehende, um das Überleben kämpfenden Kliniker zu unterstützen und ihre Erfahrungen zu nutzen. Die chirurgische Qualitätssicherung ist zwar anspruchsvoll, aber mit den inzwischen etablierten und erprobten Instrumenten realistisch. Auch bestehen erprobte und nicht sehr aufwendige Instrumente, um dienstleisterunabhängig die Ergebnisqualität als Zufriedenheit und Lebensqualität des Patienten zu erfassen. Eins ist sicher – die administrativen Daten sind nicht annähernd ausreichend, um das Thema abzubilden, geschweige denn zu beeinflussen.

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Priv.-Doz. Dr. med. Pawel Mroczkowski,
39104 Magdeburg

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