ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2016Körperbilder: Max Pechstein (1881–1955) – Farborgien à la Gauguin

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Max Pechstein (1881–1955) – Farborgien à la Gauguin

Dtsch Arztebl 2016; 113(3): [96]

Schuchart, Sabine

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Völlig eins mit der Natur schmiegt sich der üppige Frauenkörper in die in bläuliches Morgenlicht getauchte Landschaft. Die schwarzen Konturen ihres nackten Leibes scheinen der Linie des blauen Bachs hinter ihr zu folgen, Pflanzen und Bäume umgeben sie wie eine schützende Hülle. Eingebettet in die Natur und als „körperliches Symbol der Natur“, so der Pechstein-Biograf Max Osborn, repräsentierte sie die Sehnsucht des Künstlers nach einer von zivilisatorischen Zwängen befreiten natürlichen Körperlichkeit. Diese Vision teilte Max Pechstein mit seinen Kollegen von der Künstlerbewegung „Die Brücke“, der er sechs Jahre angehörte: Mit Kirchner und Heckel schuf er an den Moritzburger Seen bei Dresden hunderte Bilder zu Akt und Landschaft. Diese Verbindung galt den Expressionisten, wie sie später genannt wurden, als ideale Voraussetzung für die Spontanität und Lebendigkeit ihres Ausdrucks.

Max Pechstein: „Früher Morgen“, 1911, Öl auf Leinwand, 75 × 100 cm: In einer Mischung aus weltlicher Sinnlichkeit und naturverbundener Weiblichkeit liegt eine exotische Frauenfigur nackt auf einer idyllischen Waldlichtung. Die Szene erinnert an die Südseeschönheiten Paul Gauguins, den Pechstein bewunderte. Den deutschen Künstler zog es zwar auch in die Ferne, aber sein „Früher Morgen“ entstand bei einer seiner Sommerreisen nach Nidden an der Kurischen Nehrung und zeigt seine erste Frau Charlotte. © 2015 Pechstein Hamburg/Tökendorf. Foto: Thomas Weiss, Ravensburg
Max Pechstein: „Früher Morgen“, 1911, Öl auf Leinwand, 75 × 100 cm: In einer Mischung aus weltlicher Sinnlichkeit und naturverbundener Weiblichkeit liegt eine exotische Frauenfigur nackt auf einer idyllischen Waldlichtung. Die Szene erinnert an die Südseeschönheiten Paul Gauguins, den Pechstein bewunderte. Den deutschen Künstler zog es zwar auch in die Ferne, aber sein „Früher Morgen“ entstand bei einer seiner Sommerreisen nach Nidden an der Kurischen Nehrung und zeigt seine erste Frau Charlotte. © 2015 Pechstein Hamburg/Tökendorf. Foto: Thomas Weiss, Ravensburg

Doch abgesehen von diesem gemeinsamen Nenner nahm Pechstein in der „Brücke“ in mancherlei Hinsicht eine Sonderstellung ein, was 1912 zu seinem Ausschluss beitrug. Als einziger akademisch ausgebildeter „Brücke“-Künstler konnte der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene Arbeitersohn aus Zwickau nicht für sich in Anspruch nehmen, seine Frauenakte völlig spontan und ohne handwerkliches Know-how zu malen. Im Gegensatz zu dem damals von der deutschen Lebensreformbewegung idealisierten androgyn-athletischen Frauentyp hielt er es zudem eher mit den breithüftigen Schönheiten des Franzosen Henri Matisse und betonte in „Früher Morgen“ die vollen Lippen und Rundungen seiner Charlotte als Zeichen fruchtbarer Weiblichkeit.

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Unübersehbar sind auch die Gemeinsamkeiten etwa bezüglich Farbe, Licht und Exotik des Motivs mit Gauguin: Dessen Werk hatte er wie das weiterer Franzosen 1907 vor Ort in Paris studiert. Mit seinen „gauguintollen Farborgien“, so ein Kritiker, avancierte Pechstein in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg in Berlin in kurzer Zeit zum wirtschaftlich erfolgreichsten Expressionisten, wie sich der Kunstexperte Paul Westheim Anfang der 1930er Jahre erinnerte: „Alles stürzte sich auf Pechstein, Käufer, Kunsthändler, Damen der Gesellschaft. Jeder musste seinen Pechstein an der Wand haben.“ Sabine Schuchart

Ausstellung

„Max Pechstein. Körper Farbe Licht“
Kunstmuseum Ravensburg,
Kirchstr. 16,
Ravensburg,
Di.–So. 11–18,
Do. 11–19 Uhr;
www.kunstmuseum-ravensburg.de
bis 10. April 2016

„Max Pechstein. Körper Farbe Licht“, Katalog zur Ausstellung,
gebundene Ausgabe, 111 Seiten, Wienand 2015; 28 €

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