ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2016Zulassung zum Medizinstudium: In der Warteschleife

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Zulassung zum Medizinstudium: In der Warteschleife

Dtsch Arztebl 2016; 113(3): A-78 / B-70 / C-70

Stehle, Maya

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Für Menschen mit einem Durchschnittsabitur ist der Weg zum Medizinstudium voller Hürden. Viele Motivierte bleiben auf der Strecke.

Allgemeine Studienberatung steht auf dem Schild neben der Tür mit der Nummer 0.106. Ich klopfe und gehe hinein. Ein Schreibtisch, darauf ein riesiger Bildschirm, dahinter eine Frau die besonnen lächelt, ein Aktenschrank und eine besonders hässliche Topfpflanze. Ich erkläre ihr mein Anliegen. Als sie von meinem Studienwunsch Medizin hört, hebt sie ungläubig die Augenbrauen und schüttelt den Kopf. „Also mit dem Durchschnitt kommen Sie da nicht weit. Da können Sie höchstens mal bei einem Anwalt fragen, aber…“, bedeutend hebt sie die Hand und reibt Daumen und Zeigefinger aneinander, „… teuer“, flüstert sie. Anschließend kreuzen wir gemeinsam einen Berufswahltest auf dem PC an. Das Ergebnis: S.O.S.-Kinderdorf-Mutter. Das sei doch auch ein schöner Beruf, meint sie. Als ich gehe, bin ich sicher, dass sich die Studienberatung bei der Arbeitsagentur für mich nicht gelohnt hat.

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Nach der Schule habe ich mich gleich fürs Medizinstudium beworben, mit einem Durchschnitt von 2,6. Das geht online, zusätzlich auf postalischem Weg, ist demnach ungefähr genauso persönlich wie die Abiturnote aussagekräftig. Im Ablehnungsbescheid stand, dass die Wartezeit zwölf Semester betrage – also sechs Jahre. Direkt zugelassen seien nur Bewerber mit besseren Auswahlkriterien.

Unbeeindruckt davon begann ich ein Freiwilliges Soziales Jahr. Ich arbeitete im Krankenhaus, acht Stunden am Tag, 40 Stunden in der Woche und das in Schichten, außer Nachts. Für 300 Euro Verpflegungs- und Wohngeld monatlich. Damit kann man Leben, aber mehr auch nicht. Zum Sommersemester 2014 bewarb ich mich dann erneut auf einen Studienplatz, um zu sehen, ob sich etwas verändert hatte. Es blieb jedoch alles wie vorher, nur dass sich die Zahl der gesammelten Wartesemester um eines erhöht hatte. Meine 33 Bewerbungen um Teilnahme am Losverfahren blieben alle unbeantwortet.

Wenn man jung ist und ein klares Ziel vor Augen hat, sind sechs Jahre warten zu viel Zeit. Also entschied ich mich für einen Weg, auf den ich mich vorher nicht getraut hatte. Die Bewerbung für ein Medizinstudium bei der Bundeswehr. Nach fünf Monaten des Wartens kam ein kurz und knapp verfasster Brief, in dem stand, ich sei für die Offizierslaufbahn nicht geeignet. Aus meinem Lebenslauf und ein paar Ankreuzfragen lässt sich das bekanntlich gut erkennen. Also, wieder keine Prüfung, bei der ich mich beweisen konnte. Zu guter Letzt eine Bewerbung bei der neu gegründeten privaten Medizinhochschule Brandenburg Fontane. Weihnachten 2014 kam die Einladung zum Auswahlgespräch. Ausdrücklich betont wurde, dass es weniger um die schulischen Leistungen, also die Abiturnote, geht, sondern um Persönlichkeit. Voller Zuversicht ging ich dort hin – für 450 Bewerber gab es 48 Studienplätze. Der Ablehnungsbescheid kam vier Wochen später, ohne Begründung. Wie denn auch bei so vielen Ablehnungen. Hinterher wurde bekannt, dass 48 Prozent der angenommenen Bewerber einen Abiturdurchschnitt von 1,0 hatten.

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