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Genchirurgie: Der Preis des Fortschritts

Dtsch Arztebl 2016; 113(3): A-51

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Welcher Wissenschaftler träumt nicht davon, mit den Ergebnissen seiner Forschung eine Krankheit zu heilen oder gar auszurotten. Die Gentherapie gilt hier schon lange als Hoffnungsträger, hat aber immer wieder Rückschläge einstecken müssen. Zudem waren die Therapien sehr aufwendig und damit teuer. 2012 entdeckten dann die Biologinnen Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier den Mechanismus CRSPR/Cas9 (CRISPR). Damit lassen sich einzelne Gene im Genom herausschneiden und durch eine andere Version ersetzen. Die Möglichkeit, gezielt das menschliche Erbgut zu verändern, war geschaffen.

Dieses Gen-Editing ist einfach, kostengünstiger und effizient. Die Methode ist daher nicht mehr nur einer Handvoll Labore mit entsprechender finanzieller Ausstattung vorbehalten. Der Kreis derer, die die bislang unantastbare Grenze – gezielt das menschliche Erbgut zu manipulieren – überschreiten konnten, war schnell um ein Vielfaches gewachsen.

So war es nur eine Frage der Zeit, bis Wissenschaftler eben dies taten: Im April letzten Jahres versuchten chinesische Wissenschaftler mit Hilfe von CRISPR das Gen der Beta-Thalassämie aus menschlichen Zygoten auszuschalten. Es entzündete sich schnell eine ethische Debatte, die Forderung nach einem Moratorium wurde laut (DÄ 49/2015). Denn was die Forscher in Embryonen verändern, das bleibt. Für alle folgenden Generationen. Ende letzten Jahres verabschiedeten führende Genforscher in Washington eine Erklärung, in der sie die Keimbahntherapie vorerst ablehnen. Der klinische Einsatz solle allerdings in regelmäßigen Abständen überprüft werden. Sie betonten ebenfalls die ethischen Dimension der Methode, etwa bei dem Bestreben, menschliche Fähigkeiten „verbessern“ zu wollen. Stichwort Designer-Baby. Eine gesellschaftliche Diskussion ist dringend notwendig, denn erstmals können die Menschen selbst ihre Spezies dauerhaft verändern. Dessen Tragweite ist zurzeit kaum abschätzbar.

In Deutschland ist der Eingriff in die Keimbahn am Embryo verboten. Aber wäre sie in Nachbarländern erlaubt, wäre ein Medizintourismus, wie man ihn aus der Reproduktionsmedizin kennt, die logische Folge. Die internationale Gemeinschaft muss sich daher auf Regeln zur Keimbahntherapie einigen, damit die Genforscher weiter an der Technik arbeiten können, um deren Risiken zu analysieren. Denn sie bietet auch große Chancen. Zu stoppen ist diese Entwicklung nicht mehr. Nicht zuletzt, weil ein Milliardengeschäft winkt. Die Forschungsindustrie ist schon längst aktiv. Zwei US-amerikanische Universitäten streiten sich über das Patent für CRISPR, von dem sie sich als Lizenzgeber Milliarden erhoffen. Die Pharmaindustrie kooperiert mit Start-ups, die mit CRISPR forschen wollen. Hunderte Millionen Euro Risikokapital sind in Umlauf.

Die Debatte, wie viel Manipulation am menschlichen Erbgut die Gesellschaft tolerieren will, steht noch ganz am Anfang. Die Gefahr der sozialen Ungerechtigkeit, wenn die finanziellen Mittel der „Patienten“ den CRISPR-Einsatz bestimmen, ist dagegen ein bekanntes Phänomen. Wie viel eine medizinische Therapie kosten darf, wird schon lange diskutiert. Wenn erst eine genetische Einmalbehandlung eine lebenslange Therapie ersetzt, wird ein Unternehmen auch einen entsprechenden Preis verlangen. Das wirft die bekannten Fragen auf: Wer bestimmt den Preis und was will eine Gesellschaft sich leisten? Die Titelgeschichte in dieser Ausgabe (Seite 57) greift dieses Thema auch anhand des Trends der immer teurer werdenden Innovationen bei Arzneimitteln auf. Eine Therapie per Genchirurgie wird nicht unbedingt billiger werden.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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