ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2016Hochnormale Schilddrüsenwerte: Verdacht auf erhöhtes Risiko fürs Herz nicht bestätigt

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Hochnormale Schilddrüsenwerte: Verdacht auf erhöhtes Risiko fürs Herz nicht bestätigt

Dtsch Arztebl 2016; 113(3): A-83 / B-73 / C-73

Eckert, Nadine

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Frühere Studien deuten bei Hypothyreose auf ein erhöhtes Risiko für Koronare Herzkrankheit (KHK) sowie das daraus resultierende Sterberisiko hin. TSH-Werte im oberen Referenzbereich könnten ein Indiz für eine Hypothyreose im Frühstadium sein. In einer Kohortenanalyse wurde evaluiert, ob Unterschiede der Schilddrüsenfunktion im Referenzbereich mit unterschiedlichen KHK-Risiken verbunden sind. Die Studienteilnehmer stammten aus 14 Kohorten, sie waren zwischen Juli 1972 und April 2002 untersucht und dann 3,3–20,0 Jahre nachbeobachtet worden. Zur Baseline lagen die TSH-Werte bei 0,45–4,49 mIU/L (Referenzbereich), die 55 412 Teilnehmer hatten keine Schilddrüsen- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Im Follow-up (643 183 Personenjahre) starben 1 813 (3,3 %). Für 10 Kohorten standen Informationen zu tödlichen und nicht tödlichen KHK-Ereignissen zur Verfügung. 4 666 (9,5 %) von 48 875 Teilnehmern hatten ein erstes KHK-Ereignis im Follow-up (533 408 Personenjahre). Pro Anstieg des TSH-Wertes um 1 mIU/L lag die Hazard Ratio (HR) für KHK-Mortalität bei 0,97 (95-%-Konfidenzintervall [KI]: 0,90–1,04) und für ein erstes KHK-Ereignis bei 1,00 (95-%-KI: 0,97–1,03). Die HRs für KHK-Mortalität (0,94 [95-%-KI: 0,74–1,20]) und für KHK-Ereignisse (0,97 [95-%-KI: 0,83–1,13]) waren zwischen den Gruppen mit den höchsten (3,50–4,49 mIU/L) und den niedrigsten (0,45–1,49 mIU/L) TSH-Werten vergleichbar.

Fazit: „Die Ergebnisse sind beruhigend und sprechen dafür, dass die zum Teil heftigen Diskussionen darüber, wo vor allem der obere TSH-Referenzbereich liegen sollte, unnötig sind“, resümiert Prof. Dr. med. Dagmar Führer, die am Universitätsklinikum Essen die Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen leitet. Die vor über 10 Jahren propagierte Absenkung des oberen TSH-Referenzbereichs habe dazu geführt, dass bei TSH-Werten um 3 mIU/L eine latente Hypothyreose diagnostiziert und bei völlig gesunden Menschen eine Hormonsubstitution veranlasst wurde. „Wenn epidemiologische Studien zu einer konservativen Betrachtung des TSH-Referenzbereichs zurückkehren und in einer großen TSH-Spanne keine Assoziation mit kardiovaskulären Ereignissen festgestellt werden konnte, ist dies ein weiteres Argument, mit der Diagnose Schilddrüsenfunktionsstörung zurückhaltend zu sein. Die Autoren folgern, dass ihre Ergebnisse nicht für eine Absenkung des oberen TSH-Referenzbereichs sprechen. Es ist wünschenswert, dass diese Folgerung baldmöglichst Eingang in die klinische Praxis findet“, betont Führer. Nadine Eckert

Åsvold BO, et al.: Thyroid function within the normal range and risk of coronary heart disease. An Individual participant data analysis of 14 cohorts. JAMA Intern Med 2015; 175: 1037–47.

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