ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2016Diabetes mellitus: Das Bewusstsein muss sich ändern

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Diabetes mellitus: Das Bewusstsein muss sich ändern

Osterloh, Falk

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Die Zahl der Herzinfarkte und Schlaganfälle nimmt in Deutschland ab – an Diabetes hingegen erkranken immer mehr Menschen. Diabetologen erklären, wie die Gesellschaft reagieren müsste, um die Krankheit wieder einzudämmen.

Foto: picture alliance
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Stephan A. Schreiber spürt die Veränderung am eigenen Leib. „Ich arbeite heute deutlich mehr als früher“, sagt der 53-jährige Diabetologe. Früher hatte er eine Praxis in Quickborn, einem 20 000-Einwohner-Ort bei Hamburg. Vor einigen Jahren sprachen ihn hausärztliche Kollegen aus dem 50 Kilometer entfernten Itzehoe an, weil immer mehr Diabetespatienten zu ihnen kamen. Heute hat Schreiber auch eine Zweigpraxis in Itzehoe. Was er hingegen nicht mehr hat, sind „definierte Endzeiten“ seiner Arbeitstage.

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270 000 Neuerkrankungen

Schreiber ist einer der Ärzte, die die Entwicklung schon lange kennen, die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) vor kurzem als „besorgniserregend“ bezeichnet hat: die steigende Zahl der Menschen, die an Diabetes mellitus leiden. Anfang Dezember hat das Robert Koch-Institut (RKI) dazu in seinem dritten Bericht „Gesundheit in Deutschland“ die Ergebnisse verschiedener nationaler und regionaler Studien zusammengeführt.

Die Prävalenz des Diabetes liegt demnach für Erwachsene je nach Studie zwischen 7,2 und acht Prozent. Die Prävalenz eines unerkannten Diabetes schwankt zudem zwischen zwei und acht Prozent. Am häufigsten tritt die Erkrankung bei alten Menschen zwischen 70 und 79 Jahren auf, nämlich bei etwas über 20 Prozent der Bevölkerung dieses Alters. Die Inzidenz in der Altersgruppe der 55- bis 74-Jährigen wird auf 270 000 Neuerkrankungen pro Jahr geschätzt. Kinder und Jugendliche erkranken deutlich häufiger an einem Typ-1-Diabetes. In den letzten 20 Jahren ist die Zahl der Neuerkrankungen hier um jährlich vier Prozent gestiegen.

Weitere Erkenntnisse aus dem Gesundheitsbericht sind: Ein Drittel des Anstiegs der Neuerkrankungen kann auf die demografische Alterung zurückgeführt werden. Und: Frauen und Männer mit niedrigem Sozialstatus haben ein deutlich erhöhtes Risiko, an Diabetes mellitus zu erkranken. Die Kosten für die Behandlung von Menschen mit Diabetes mellitus belaufen sich auf 48 Milliarden Euro – so eine im Bericht zitierte Schätzung aus dem Jahr 2009. Aktueller sind Erkenntnisse zu den Folgeerkrankungen von Diabetespatienten. So bestand bei einem Drittel der Menschen, die im Jahr 2013 eine Dialyse erhielten, eine Diabeteserkrankung. Und die diabetische Retinopathie ist in Deutschland die zweithäufigste Ursache von Erblindung.

Zusätzliche Kosten entständen darüber hinaus durch Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung, schreibt das RKI. Dabei werde die Bedeutung des Diabetes in den amtlichen Statistiken vermutlich erheblich unterschätzt, weil eher Begleiterkrankungen oder Folgeschäden wie Herz-Kreislauf-Krankheiten oder Nierenerkrankungen als Begründung für Arbeitsunfähigkeit oder Berentung erfasst würden.

Gründe für den Anstieg der Patientenzahlen sind der demografische Wandel, die Zunahme von übergewichtigen Menschen, aber auch die verbesserte Diagnostik, erklärte der Präsident des RKI, Prof. Dr. med. vet. Lothar H. Wieler, bei der Präsentation des Gesundheitsberichts. Vollständig geklärt sei die Entwicklung jedoch noch nicht. Deshalb will das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium beim RKI ein Nationales Diabetes-Überwachungszentrum aufbauen. „Wir werden die Bekämpfung dieser Krankheit weiter verbessern und eine nationale Berichterstattung dazu begründen“, kündigte Gröhe an. Dafür seien im aktuellen Gesundheitshaushalt drei Millionen Euro vorgesehen.

„Die Gründung eines Überwachungszentrums ist eine gute Idee“, befindet der Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), Prof. Dr. med. Baptist Gallwitz, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Denn „wir wissen noch nicht genug über die Entstehung des Diabetes“. In Deutschland gebe es zwar bereits einige Diabetesregister. Diese seien aber sehr unterschiedlich aufgebaut. Eine Maßnahme des Zentrums müsse es daher sein, die Register zusammenzuführen.

„Die Zunahme des Diabetes ist die größte gesellschaftliche Herausforderung der nächsten Jahrzehnte.“ Stephan A. Schreiber, Foto: DDG
„Die Zunahme des Diabetes ist die größte gesellschaftliche Herausforderung der nächsten Jahrzehnte.“ Stephan A. Schreiber, Foto: DDG

Neue Lehrfächer in der Schule

Gallwitz betont, dass die Zahl der Diabetespatienten nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt seit Jahren ansteige. Neben der genetischen Prädisposition sei eine der Ursachen dafür, dass sich viele Menschen heute zu wenig bewegten und überkalorisch ernährten. „Viele der Typ-2-Diabetespatienten wären gewiss nicht erkrankt, wenn sie nicht übergewichtig wären“, so Gallwitz.

In die Praxis von Stephan A. Schreiber kamen seit Ende der 90er Jahre mehr und mehr Diabetespatienten – darunter zwei Gruppen, die es zuvor nicht gab: ältere Patienten zwischen 70 und 90 Jahren und die „in den Medien viel zitierten jüngeren, sehr übergewichtigen Patienten“, erzählt Schreiber. Beide Gruppen machen in seiner Praxis mittlerweile je etwa 15 Prozent der gesamten Patientenzahl aus.

Dass sich die Erkrankung ausbreitet, hat seine Ursache Schreiber zufolge auch am gestiegenen Druck in der Arbeitswelt und an den neuen Medien. „Beides hat dazu geführt, dass sich die Menschen weniger bewegen und schlechter ernähren“, sagt der Diabetologe. Um der Erkrankung Herr zu werden, müsse sich vor allem das Ernährungsbewusstsein der Menschen ändern. Viele würden die Lebensmittel, die sie im Supermarkt kaufen, überhaupt nicht hinsichtlich ihrer Zusammensetzung hinterfragen. „Die Menschen bräuchten Schulungskurse, bei denen ihnen richtiges Einkaufen vermittelt wird“, fordert er. Zudem seien „völlig neue Lehrfächer wie Ernährungslehre“ schon ab der Grundschule erforderlich sowie zuckerfreie Snacks an Schulen und mehr Bewegung während der Arbeitszeit, zum Beispiel indem der EDV-Drucker bewusst ein Stockwerk tiefer gestellt wird.

Die DDG hat vier Forderungen aufgestellt, um die Entwicklung umzukehren. „Die Kinder in den Kitas und Schulen müssen sich jeden Tag eine Stunde bewegen“, zählt Gallwitz auf. „Für die Verpflegung in Kitas und Schulen müssen Qualitätsstandards aufgestellt werden. Lebensmittelwerbung, die sich direkt an Kinder wendet, muss verboten werden. Und wir brauchen höhere Steuern auf industriell gefertigte Nahrungsmittel, die viel Fett und Zucker enthalten.“ Geschehe dies nicht, werde sich an der Situation nicht viel ändern.

„Luft nach oben“ gebe es auch bei der Versorgung der Patienten, meint Gallwitz. Die skandinavischen Länder hätten zum Beispiel Screening- und regionale Behandlungsprogramme eingeführt, mit denen Patienten besser versorgt werden könnten. Und Schreiber ärgert, dass nicht alle Patienten in Disease-Management-Programmen (DMP) geführt werden. Viele Hausärzte seien allerdings so mit Bürokratie überlastet, dass sie sich nicht auch noch DMPs aufhalsen wollten. Einen Mangel an Diabetologen in Deutschland sieht er hingegen nicht.

„Wir wissen noch nicht genug über die Entstehung des Diabetes“ Baptist Gallwitz, Foto: DDG
„Wir wissen noch nicht genug über die Entstehung des Diabetes“ Baptist Gallwitz, Foto: DDG

Boni und Fitness-Apps

„Dass sich der Diabetes so stark ausweitet, hat massive Auswirkungen auf das deutsche Gesundheitssystem“, betont Gallwitz. Seit der Jahrtausendwende habe die Diabeteshäufigkeit in Deutschland um 20 Prozent zugenommen. Und ein Ende sei nicht abzusehen. „Damit verbunden ist etwa in derselben Größenordnung ein weiterer Anstieg der Kosten“, sagt Gallwitz.

In seinem Praxisalltag erlebt es Schreiber häufig, dass die Patienten „noch keine wirkliche Diabetesschulung erhalten haben“. Insofern gehe es in den Schwerpunktpraxen vor allem darum, die Eigenverantwortung der Patienten zu schulen. „Gelingt das, ist die Prognose für junge und mittelalte Diabetespatienten gut“, sagt Schreiber. „Wenn die Patienten es aber nicht schaffen, ihren Lebenswandel zu ändern, haben sie eine sehr schlechte Prognose.“ Er hält es für sinnvoll, „wenn die Krankenkassen ihre Patienten für gesundheitsförderndes Verhalten belohnen, zum Beispiel durch Boni“. Auch sei der Einsatz neuer Technologien sinnvoll, die die Menschen spielerisch motivieren, sich mehr zu bewegen oder besser zu ernähren, zum Beispiel Fitness-Apps. Grundsätzlich müsse sich die Gesellschaft darüber klar werden, wie sie mit der Zunahme des Diabetes umgehen will. „Und es ist kein kleines Problem“, betont Schreiber. „Aus meiner Sicht ist es die größte gesellschaftliche Herausforderung der nächsten Jahrzehnte.“

Falk Osterloh

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