ArchivDeutsches Ärzteblatt22/1996Das Jahr Goyas: Der Maler der Aufklärung

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Das Jahr Goyas: Der Maler der Aufklärung

Derichsweiler, Cornelia

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LNSLNS Er war der Maler der Aufklärung: liberal, engagiert und ein scharfer Beobachter seiner Epoche. Doch litt Goya zeit seines Lebens an einem Widerspruch: als Maler war er auf den königlichen Hof angewiesen, und der war alles andere als aufgeklärt. Doch nur dort konnte er Karriere machen, und nur dort konnte er seine künstlerischen Fähigkeiten frei entfalten. Fast 40 Jahre arbeitete Goya als erster Hofmaler im absolutistisch regierten Madrid, zeichnete und porträtierte im Dienste der königlichen Familie: Selten sind Monarchen so gnadenlos karikiert worden. Doch den Hoheiten gefielen seine Werke, sie schätzten ihren Hofmaler und überhäuften ihn mit Auftragsarbeiten.


Kühner Stil
Goya gehörte zu den angesehensten und wohlhabendsten Personen Madrids. Er hätte zufrieden sein können. Doch da war der familiäre Kummer: von sechs Kindern war ihm nur ein einziges geblieben, das er hoffnungslos verhätschelte. Und da war auch die Herzogin von Alba, eine der attraktivsten Damen am könglichen Hofe, die er leidenschaftlich gern porträtierte und die so ganz anders war als seine brave Ehefrau "Pepa".
Schließlich wurde dem Meister auch das Korsett des Höflings zu eng. Immer kühner und freier entwickelte sich sein Stil, immer heftiger wurde die moralische Anlage. Seine "Caprichios", eine Sammlung von Radierungen, sind bissigste Gesellschaftssatire: Aristokraten mit Eselsköpfen, lüsterne Äbte, Kurtisanen und Kupplerinnen sind begehrte Motive. Zeitkritisch malte und radierte Goya Elend und Not während des Unabhängigkeitskrieges gegen Frankreich. Anders allerdings als seine französischen Kollegen glorifiziert er seine Helden nicht, sondern zeigt die spanischen Rebellen in ihrer verzweifelten Entschlossenheit und in ihrer Todesfurcht. Seine Serie "Die Schrecken des Krieges" ist weniger ein Protest gegen die französischen Aggressoren als vielmehr eine moralische Anklage gegen die Verrohung des Menschen im Krieg. 1814 mußte sich der Künstler sogar vor der Inquisition verantworten: Das Bild einer nackten "Maja" – so nannte man damals die Madrider Volksschönheiten – erregte Anstoß und wurde als "obszön" angeprangert.
Als 78jähriger noch ging Goya freiwillig nach Frankreich ins Exil. Dort entstanden die letzten Zeichnungen des inzwischen taub gewordenen Künstlers, visionäre Botschaften aus einer geschlossenen Welt. Alter und Wahnsinn sind die vorherrschenden Motive, die auch Goyas eigene Lage reflektieren. Zwar ist er jetzt nicht mehr an den Hof gebunden, doch die Freisetzung seiner künstlerischen Subjektivität findet keinen Widerhall, seine Kunst kein Publikum.
Am 30. März vor 250 Jahren wurde Francisco Goya geboren; Grund genug für das spanische Kulturministerium, 1996 zum "año Goya" zu erklären und den genialen Maler mit einem großangelegten Veranstaltungsprogramm zu feiern. Auftakt und Höhepunkt ist eine Sonderausstellung im Madrider Prado, die sämtliche Mei-sterwerke Goyas versammelt. Cornelia Derichsweiler

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