ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2016Ärztlicher Alltag: Wegkommen vom Getriebensein

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Ärztlicher Alltag: Wegkommen vom Getriebensein

Osterloh, Falk

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Ärzte sehen sich in ihrem Alltag vielen Zwängen gegenüber, auf die sie reagieren müssen. Haus- und Fachärzte berieten auf Einladung der Bundes­ärzte­kammer, wie es dennoch gelingen kann, selbstbestimmt zu handeln.

Alleine mit der Entscheidung: Jeden Tag müssen Ärzte eine Vielzahl an Entscheidungen treffen. Das ist nicht immer leicht. Foto: picture alliance
Alleine mit der Entscheidung: Jeden Tag müssen Ärzte eine Vielzahl an Entscheidungen treffen. Das ist nicht immer leicht. Foto: picture alliance

Muss man alles machen, was man kann?“ Diese Frage treibt viele Ärzte um. Im Alltag ist es jedoch schwierig, eine konkrete Antwort darauf zu finden. Deshalb stellte sie die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) Vertretern ärztlicher Fachgesellschaften auf der Veranstaltung „Akademien der Bundes­ärzte­kammer im Dialog“ Mitte Januar in Berlin. Die Teilnehmer waren sich einig, dass man diese Frage mit „Nein“ beantworten müsste. Dennoch falle die ärztliche Entscheidung im Alltag häufig anders aus. Warum ist das so?

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Der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), Prof. Dr. med. Gerd Hasenfuß, zählte die aus seiner Sicht vorliegenden Gründe auf: „Fehlanreize des Finanzierungssystems, die Erwartungshaltung der Patienten, fehlende Zeit für ein Patientengespräch, aber auch die Angst vor Behandlungsfehlern.“

Paradoxe Situation

„Die Wünsche des Patienten sind grundlegend, aber wir müssen auch den zum Teil übersteigerten Ansprüchen entgegentreten“, griff Dr. med. Max Kaplan einen der Punkte auf. Die enormen Leistungen der Medizin hätten Hoffnungen geweckt, die nicht immer und überall erfüllt werden könnten. „Und wir Ärzte sollten nicht versucht sein, diese übermäßigen Ansprüche durch nicht zwingend indizierte Behandlungen kompensieren zu wollen“, betonte der Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer. „Das wäre berufsethisch nicht zu vertreten und bei kontraindizierter Behandlung sogar rechtlich verwerflich.“

Viele Teilnehmer der Veranstaltung berichteten von ihren Erfahrungen aus dem Alltag. Häufig komme es vor, dass Patienten mit einem bestimmten Wunsch in die Praxis kämen, und es sei nicht immer einfach, diesem Wunsch nicht zu entsprechen, erzählte einer. Ein anderer forderte von den Ärzten mehr Mut, mit den vorliegenden Informationen eine Diagnose zu fällen. „Am Ende kann ich noch so viele Untersuchungen machen. Das wird nicht dazu führen, dass ich leichter und besser eine Entscheidung treffe“, betonte er.

Kaplan wies darauf hin, dass die Sorge mancher Ärzte vor haftungsrechtlichen Konsequenzen nicht unbegründet sei. „Wir sind heute in einer geradezu paradoxen Situation“, sagte er. „Durch die zunehmende Perfektionierung der Technik und die fortschreitende Spezialisierung der Medizin ist das Behandlungsrisiko für den Patienten ständig gesunken. Gleichzeitig hat sich jedoch das forensische Risiko für den Arzt erheblich erhöht, also die Gefahr, mit Schadenersatzansprüchen, Klagen, Strafanzeigen und staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren konfrontiert zu werden.“ Durch diese Verrechtlichung der Medizin bestehe die Gefahr, dass sich eine „Defensiv-Medizin“ entwickle, so dass die medizinische Indikation bei der Abwägung der zu treffenden Maßnahmen durch eine quasi medizin-juristische Indikation ersetzt werde. Dies könne wiederum zu einer Überdiagnostik führen.

„Man ist heute juristisch eher auf der richtigen Seite, wenn man zu viel macht, als wenn man zu wenig macht“, meinte auch der Präsident der Ärztekammer Berlin, Dr. med. Günther Jonitz. „Wir müssen wegkommen vom Getriebensein“, forderte er. Heute liefen die Ärzte vielfach den gegebenen Anreizen hinterher und reagierten auf Vorgaben der Krankenkassen. „Wir sollten lieber das Heft des Handelns wieder in die eigenen Hände nehmen“, sagte Jonitz.

Eine Möglichkeit dafür, hieß es im Plenum, sei eine Verbesserung der Kommunikation zwischen den Ärzten. Mancher Patient werde heute von unterschiedlichen Ärzten auf Medikamente gegen unterschiedliche Erkrankungen eingestellt – ohne, dass die Kollegen etwas davon erführen.

Reibungsverluste verhindern

In diesem Zusammenhang forderte BÄK-Präsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery eine Stärkung der Hausarztmedizin, „um dem Patienten mehr Orientierung in einer zunehmend spezialisierter werdenden Medizin zu ermöglichen“. Dies habe auch die Politik mittlerweile erkannt. Zu den Aufgaben des Hausarztes als Case Manager gehöre es, Reibungsverluste an den Schnittstellen zu anderen Disziplinen zu verhindern.

Auf der BÄK-Veranstaltung stellte Gerd Hasenfuß auch die Initiative „Klug entscheiden“ vor, die die DGIM in Deutschland vor kurzem ins Leben gerufen hat. Ziel der Initiative ist es, „die Indikationsqualität zu erhöhen“, erklärte Hasenfuß. Denn die Ergebnisqualität einer ärztlichen Behandlung könne nur dann gut sein, wenn auch die Diagnose stimme.

Im Rahmen der Initiative hat die DGIM eine Umfrage unter ihren Mitgliedern durchführen lassen. 4 200 Ärzte haben daran teilgenommen. 26 Prozent dieser Ärzte sind der Meinung, dass in ihrem Zuständigkeitsbereich täglich ein bis zehn Mal überflüssige Leistungen am Patienten vorgenommen werden; weitere 45 Prozent meinen, dies komme mehrmals in der Woche vor. 20 Prozent aller Befragten halten das für ein großes Problem.

Die Folgen dieser Überversorgung für das deutsche Gesundheitswesen sind der Umfrage zufolge eine Steigerung der Gesundheitsausgaben (93 Prozent der Befragten machten diese Angabe), eine potenzielle Verunsicherung der Patienten (67 Prozent), ein potenzieller Schaden für den Patienten (63 Prozent) sowie Folgen für das Image des Arztes (44 Prozent).

Gründe für die Überversorgung sehen die Ärzte in einer Sorge vor Behandlungsfehlern (79 Prozent), dem Druck der Patienten (63 Prozent), der Erzielung zusätzlicher Erlöse (49 Prozent) und einer Unkenntnis der Leitlinien (44 Prozent). Maßnahmen zur Reduzierung der Überversorgung könnten eine regelmäßige Fortbildung sein (71 Prozent) oder eine Publikation der Maßnahmen, die als überflüssig angesehen werden (48 Prozent).

Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin will den Ärzten mit ihrer Initiative „Klug entscheiden“ nun Entscheidungshilfen an die Hand geben, die insbesondere überflüssige ärztliche Maßnahmen benennen. Von der Initiative verspricht sie sich vor allem „eine Sensibilisierung dafür, nicht immer alles Machbare durchzuführen“. Die im Rahmen der Initiative erstellen Entscheidungshilfen werden künftig im „Deutschen Ärzteblatt“ veröffentlicht.

Zusammenfassend beantwortete Kaplan die Eingangsfrage „Muss man alles machen, was man kann?“ mit einer Gegenfrage: „Oder müssen wir nicht vielmehr das, was wir machen, noch besser machen?“ Erfordere nicht gerade die hohe Komplexität der Medizin und die zunehmende Fragmentierung der Disziplinen eine Rückbesinnung auf das Wesentliche, auf das Notwendige? Kaplan: „Nur in Kollegialität und Kooperation können wir die dazu notwendigen Standards setzen. Und nur in der Vernetzung können wir sie auch praktizieren.

Gemeinsame Strategien

Die Veranstaltung fand im Rahmen der Verschlankung der BÄK-Gremien statt, mit der der letztjährige Deutsche Ärztetag den BÄK-Vorstand beauftragt hatte. Ziel ist es, die 37 Gremien zu 24 zusammenzuführen. Unter anderem soll geprüft werden, die Akademien der Haus- und der Gebietsärzte in die neue Gremienstruktur zu überführen. „Teil dieses Konzeptes ist unsere heutige Veranstaltung, die wir zusammen mit den Vorständen der beiden Akademien vorbereitet haben“, erklärte Montgomery. Möglichst viele Gruppierungen sollen in die Entscheidungsfindung der Bundes­ärzte­kammer einbezogen werden, betonte der BÄK-Präsident und kündigte an, dass die Veranstaltung „Akademien der Bundes­ärzte­kammer im Dialog“ künftig einmal im Jahr stattfinden könnte. Dabei „können wir die Zukunft der medizinischen Versorgung im Sinne einer gebiets- und sektorenübergreifenden Versorgung beraten und gemeinsame Strategien entwickeln“, so Montgomery. Bei den Teilnehmern kam diese Idee gut an. Mehrfach lobten sie das Konzept, Haus- und Fachärzte zu einem gemeinsamen Gedankenaustausch zusammenzubringen.

Falk Osterloh

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