ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2016Radikalisierung: Desaströser Werdegang
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Als Facharzt und psychiatrischer Gutachter finde ich in den JVAs zunehmend junger Männer mit desaströsem sozialem Werdegang. Oft mit Migrationshintergrund, in urbanen Banlieus aufgewachsen, ohne jede familiäre Grenzsetzung, mit Schulabbruch, BtM- und anderen Delikten. Die Eltern – obgleich seit Jahren in Deutschland – sprechen häufig kaum Deutsch und sind sozial kaum integriert. Der letzte untersuchte Proband konnte weder das Alter seiner Mutter auch nur annähernd schätzen, noch wusste er den Beruf seines Vaters, was ein bezeichnendes Licht auf die häuslichen „Strukturen“ wirft. Trotz Abbruch der Sonderschule (er habe keine Lust auf Schule gehabt) ist seine Intelligenz im Normbereich. Psychopathologisch fanden sich dissoziale und labile („haltlose“) Persönlichkeitszüge sowie anamnestisch „natürlich“ polyvalenter Substanzkonsum. Nach Entlassung aus der JVA wird der Proband in sein „häusliches“ und kriminogenes Umfeld zurückkehren.

Wenn dieser nicht unintelligente aber haltlose, nach narzisstischer Erfüllung suchende Mensch unter den Einfluss haltgebender und vermeintlich sinnstiftender Gruppenidentität gerät, dann wird er möglicherweise zu allem bereit sein. Der radikale Islamismus ist hierbei nur ein – gut passendes – sich anbietendes Vehikel, theoretisch könnten es auch andere Ideologien sein.

Soziale und individuelle Faktoren gehen bei der Radikalisierung somit Hand in Hand. Zwar ist Herrn Bundesminister a. D. Baum zuzustimmen, dass man Attentäter nicht pauschal „psychiatrisieren“ solle, dennoch ist es meines Erachtens wichtig, sowohl den sozialen Nährboden als auch die jeweils individuellen psychologischen Voraussetzungen für Radikalisierung weiter zu ergründen, um eine Idee zu entwickeln, wie diesem Phänomen wirksam begegnet werden kann.

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Dr. med. Dirk Arenz, 53881 Euskirchen

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