ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2016Von schräg unten: Präzise

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Präzise

Dtsch Arztebl 2016; 113(4): [80]

Böhmeke, Thomas

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Es ist schon spät am Nachmittag, ein mir noch unbekannter Patient kommt in die Sprechstunde, ich begrüße ihn mit einem freundlichen „Guten Morgen“. Er beäugt mich kritisch. „Guten Morgen?! Sind Sie grade erst aufgestanden?“ Nein, beileibe nicht; das sage ich häufig, wenn die Sprechstunde länger dauert als der ganze Tag. Das ist meine Form der Autosuggestion, wenn ich „Guten Morgen“ sage, so habe ich doch das gute Gefühl, noch unzählige Stunden für die vielen noch anstehenden Aufgaben zur Verfügung zu haben. Beispielsweise mich ohne Zeitdruck, ohne Stress seinem Problem widmen zu können. „Hören Sie mal, das finde ich aber nicht gut! Ich dachte, ihr Kardiologen müsst immer präzise sein, und dann so was?!“ Ach ja, die liebe Präzision, geehrt sei sie.

Zeichnung: Ralf Brunner/Marina Bücker
Zeichnung: Ralf Brunner/Marina Bücker

Prinzipiell hat er ja völlig Recht, Herzensangelegenheiten verlangen in meinem kleinen Reich nach glasklarer Diagnostik und stringenter Therapie, also maximaler Präzision. Er möge mir jedoch nachsehen, dass ich mich im Laufe der Jahre an meine Patienten angeglichen und mir eine gewisse verbale Unschärfe angeeignet habe. „Das ist ja noch schöner! Jetzt sind wir Patienten dran schuld! Sie wollen mir einen Bären aufbinden!“ Nein, nein, überhaupt nicht. Es ist nur so, dass mir viele Patienten auf präzise Fragen etwas antworten, was überhaupt nicht stimmt, und es ist eine hohe Kunst, herauszufinden, was denn wirklich der Wahrheit entspricht. Sozusagen den Bären auswickeln, den man mir aufbindet, um zu des Pudels Kern zu kommen. „Also, das wird ja immer irrwitziger! Sie wollen mir weismachen, dass Ihre Patienten Sie verschaukeln wollen?“ Exakt.

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Stelle er sich doch mal einen Patienten mit hochgradigem Herzklappenfehler, sagen wir einer kritischen Aortenstenose, vor. Diese Patienten wissen sehr genau, dass bei Auftreten assoziierter Symptome der Weg zur Herzchirurgie leider kein weiter mehr ist. Daher ist es fast normal, dass ich von diesen Patienten versichert bekomme, dass es ihnen blendend geht, dass der Kreislauf Olympiareife hat. Auch wenn ich im Ultraschall sehe, wie die Herzfunktion leidet und sich Wasser in der Lunge staut, praktisch bis zum Halse steht. Oder den Koronarkranken, der sich vor der operativen Versorgung seiner Hauptstammstenose fürchtet und mir partout weismachen will, dass seine Herzbeschwerden ausschließlich vom Rücken kommen. Auch wenn das Belastungs-EKG schon bei 50 Watt aufgrund heftigster Ischämiereaktion abgebrochen werden muss. Sie glauben gar nicht, wie viel Rücken so ein Koronargeplagter haben kann. Aber es sind nicht nur drohende operative Interventionen, die durchgreifende Beschwerdefreiheit mit sich bringen.

Die Differenzialdiagnose des plötzlichen Wohlbefindens bei nachweislich Schwerkranken umfasst den kurzfristig anstehenden Urlaub, die Probezeit frisch eingestellter Arbeitnehmer und die therapierefraktäre Krankenhausphobie. Schwieriger ist die Differenzialdiagnose bei denjenigen, die böse auf mich sind, weil ich ihnen trotz heftigster Präkordialbeschwerden ein wunderschönes Herz attestiere. Hier gilt es, neben den herzfernen Übeln, wie verätzten Speiseröhren oder prolabierenden Bandscheiben, die Freuden am Füllhorn des Schwerbehindertengesetzes oder der verlängerten Urlaubsplanung ganz vorsichtig zu thematisieren.

Nun, ich hoffe, dass er mir jetzt nachsehen kann, dass auch ich, weil ganz nah dran an meinen Schutzbefohlenen, gelegentlich zu verbaler Unschärfe neige. Ansonsten bin ich ein Adept der Akribie, ein Pedant der Präzision. Wie ich immer zu sagen pflege: Vor dem Staatsanwalt und beim Arzt sollte immer der Wahrheit das Wort geredet werden. Aber Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen: Wir stehen auf Ihrer Seite.

„Jetzt verstehe ich, warum Sie am späten Nachmittag noch guten Morgen sagen! Meine Güte, in Ihrem Job muss man ja immer blitzwach sein!“

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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