ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2016Poliomyelitis-Impfungen in Indien und Pakistan: Die Angst vor dem „Gift der Amerikaner“

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Poliomyelitis-Impfungen in Indien und Pakistan: Die Angst vor dem „Gift der Amerikaner“

Dtsch Arztebl 2016; 113(4): A-128 / B-109 / C-109

Merten, Martina

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Indien hat es geschafft, seine muslimische Bevölkerung von der Harmlosigkeit einer Polio-Impfung zu überzeugen. Das Land gilt seit einem Jahr als polio-frei. Im Nachbarland Pakistan stecken sich dagegen immer noch Kinder an.

Impfen am Bahnhof: Die Impfteams in Indien suchen bewusst Transitpunkte wie Bahn- und Busbahnhöfe oder Marktplätze auf, um möglichst alle Kinder zu erreichen. Foto: Subir Roy
Impfen am Bahnhof: Die Impfteams in Indien suchen bewusst Transitpunkte wie Bahn- und Busbahnhöfe oder Marktplätze auf, um möglichst alle Kinder zu erreichen. Foto: Subir Roy

Maulana Khalid Rashid Firangi Mahli ist ein Held. So sehen es Tausende von Muslimen im indischen Staat Uttar Pradesh (UP). Und so sehen es auch viele Menschen, die für die Hilfsorganisation Rotary International arbeiten. Denn Mahli, Oberhaupt der islamischen Gemeinschaft in UPs Hauptstadt Lucknow, machte etwas, dass in den Augen der Muslime einer Offenbarung glich: Er impfte seinen eigenen Sohn 2006 vor laufenden Kameras gegen das Polio-Virus. Und das, obwohl ein Großteil der Muslime vor allem in UP hinter dem Impfstoff Böses vermutete. Der Impfstoff, so die Gerüchte, sei ein „Gift der Amerikaner“, das die Kinder impotent mache. Der symbolische Akt des Religionsoberhauptes, gepaart mit zahlreichen Aufklärungskampagnen, löste ein Umdenken aus, mit dem niemand gerechnet hätte, erzählt Mahli. Während 2007 noch 70 Prozent der Kinder, die sich mit dem Virus ansteckten, Muslime waren und nur 30 Prozent Hindus, kehrte sich dieses Verhältnis innerhalb weniger Jahre um. Bis die Zahl der Betroffenen im Jahr 2011 endlich auf null sank.

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1988 formierte sich die Global Eradication Initiative

Die Ablehnung der Impfungen gegen Polio innerhalb der muslimischen Bevölkerung zählte zu einer der größten Herausforderungen im jahrzehntelangen Kampf gegen das Virus, sagt Deepak Kapur, Vorsitzender des nationalen Polio Plus Ausschusses von Rotary in Indien. 1988 hatte seine Organisation, gemeinsam mit der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO), dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) und der Seuchenschutzbehörde der USA (CDC), der weiteren Ausbreitung des Virus den Kampf angesagt. Es war die Geburtsstunde der „Global Eradication Initiative“ (siehe Kasten). Zum damaligen Zeitpunkt erkrankten weltweit jedes Jahr 350 000 Kinder an der Kinderlähmung, davon allein 200 000 auf dem Subkontinent. In der Folge kam es zu Lähmungen und Todesfällen.

Die indische Regierung arbeitete gemeinsam mit der WHO und den anderen Partnern der globalen Ausrottungskampagne ein Impf-Kontrollprogramm aus, das über die Jahrzehnte an Präzision gewann. Einen Schwerpunkt des Programms legten die Akteure auf diejenigen Staaten in Indien, die aufgrund ihrer schwachen Gesundheitssysteme und des hohen Anteils an Armen in der Bevölkerung besonders von Polio betroffen waren: Dazu gehörten neben UP noch Bihar und West-Bengal. Die Akteure führten gemeinsam mit der indischen Regierung nationale und regionale Impftage ein. Erstmals fand ein solcher Tag auf Bundesebene 1995 statt. Sieben- bis achtmal pro Jahr finden darüber hinaus regionale Impftage in den indischen Bundesstaaten statt.

170 Millionen Kinder werden bei Impfaktionen erreicht

Die Maschinerie, die sich während dieser Impf-Kampagnen in Gang setzte, sucht ihresgleichen: Nach Angaben von Rotary und Unicef werden während der nationalen Impfaktionen mehr als 170 Millionen Kinder erreicht, rund 240 Millionen Häuser aufgesucht und rund 2,3 Millionen Ärzte eingesetzt. Etwa 155 000 Mitarbeiter der Kampagne sind als Supervisoren im Einsatz. An den regionalen Impftagen impfen die Helfer noch einmal rund 35 Millionen Kinder unter fünf Jahren. 64 000 Impfteams suchen fast 34 Millionen Häuser auf und fragen nach, ob die dort wohnenden Kinder bereits geimpft wurden. Darüber hinaus werden 100 000 Impfstände über das Bundesland hinweg aufgebaut, an denen jeweils bis zu vier Personen arbeiten – zwei Impfhelfer, eine Person, die dokumentiert und ein Sozialarbeiter, der sich in der jeweiligen Gegend auskennt.

Die muslimische Bevölkerung von der Sinnhaftigkeit der Impfungen zu überzeugen, war nach Angaben von Dr. Sunil Bahl, im Regionalbüro der WHO in Delhi für Impfprogramme in Südostasien zuständig, nicht die einzige Herausforderung: „Schwer war es auch, wirklich jedes Kind in Indien zu erreichen“, erläutert Bahl. In dem Land leben 4,2 Millionen Kinder auf der Straße ohne festen Wohnsitz, sind ständig unterwegs. Die WHO erarbeitete eine Spezialstrategie für solche Migranten und setzt seit 2005 während der regionalen Impftage 10 000 Teams an Transitpunkten ein – an Bahnhöfen, Bussen, Autobahnen, auf Marktplätzen, in Zügen.

Die Charbagh Railway Station in Lucknow ist ein solcher Transitpunkt. Tausende von Indern gehen hier täglich ein und aus, darunter zahlreiche Kinder. Sie sitzen, liegen, kauern auf dem großen, unübersichtlichen Gelände des Bahnhofes. Es scheint als seien viele von ihnen es gewohnt, von Impfhelfern angesprochen zu werden. Denn Widerstand gibt es nicht. Bereitwillig heben Mütter ihre Kleinkinder hoch. Bereitwillig lassen sich die Kinder den Tropfen des Impfstoffs in den Mund träufeln. Anschließend wird die Fingerkuppe mit einem schwarzen Stift markiert – als Zeichen dafür, dass das Kind geimpft worden ist. Diese Fingermarkierungen, erklärt WHO-Mitarbeiter Bahl, haben die Partner der Ausrottungsinitiative Ende der Neunzigerjahre eingeführt. Ebenso wie die Markierung der Häuser, die die Impfteams aufgesucht haben. 2014 erklärte die WHO Indien gemeinsam mit den anderen südostasiatischen Staaten offiziell als „poliofrei“. Kein neuer Fall wurde seitdem bekannt.

Im Nachbarland Pakistan ist der Kampf gegen das Virus allerdings noch nicht gewonnen. Dem Geschäftsmann und Rotarier Aziz Memon zufolge gab es im vergangenen Jahr 51 Polio-Erkrankungen – 2014 waren es noch 306 Fälle gewesen. Doch die Sicherheitslage in Pakistan ist labil (siehe „Anschlag auf Impfteam“). Bei Angriffen der Taliban starben in den letzten zwei Jahren 80 Impfhelfer. Doch 2018 soll die Welt endlich frei von Polio sein – das ist das Ziel der Global Eradication Initiative, auf das auch Pakistan hinarbeitet, wie Memon bekräftigt. Doch eines ist allen bewusst: Das Virus kann bei Unachtsamkeit immer zurückkehren.

Martina Merten

@Ein 5 Fragen an mit dem
Polioaktivist Aziz Memon im Internet:
www.aerzteblatt.de/n65410

Anschlag auf Impfteam

Am 13. Januar kamen bei einem Anschlag auf ein Zentrum für Impfungen gegen Poliomyelitis in der pakistanischen Stadt Quetta 15 Menschen ums Leben, wie die Nachrichtenagentur dpa meldete. Das Ge­sund­heits­mi­nis­terium stoppte daraufhin eine Impfkampagne, in deren Rahmen 2,4 Millionen Kinder unter fünf Jahren gegen das Polio-Virus geimpft werden sollten. Unter den Toten waren 13 Polizisten, die das Impfzentrum in Quetta bewachten. In den vergangenen Jahren wurden dutzende Krankenschwestern, Impfhelfer und Polizisten bei Angriffen durch Islamisten getötet. Diese halten die Impfungen für eine Verschwörung zur Sterilisierung von Muslimen.

Das Europa-/Afrika-Büro von Rotary International, die Teil der Global Polio Eradication Initiative sind, verurteilte den Angriff. Die Organisation kündigte die Freigabe von 35 Millionen US-Dollar an, um die Polioeradikation trotz der Anschläge weiter voranzutreiben. HK

Der Kampf gegen Polio

Noch 1988 erkrankten rund 350 000 Kinder pro Jahr an Polio, davon 200 000 in Indien. Im Jahr 2014 gab es weltweit noch 359 Polio-Fälle. Europa gilt seit 2002 offiziell als poliofrei. Endemisch ist die Viruserkrankung nur noch in Afghanistan und Pakistan. In Indien trat der letzte Fall von Polio im Januar 2011 auf. Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) erklärte das Land gemeinsam mit den anderen südostasiatischen Staaten im März 2014 für poliofrei.​

Zum Hintergrund: 1985 gingen die WHO, die Hilfsorganisation Rotary, die US-amerikanischen Centers for Disease Control und Unicef eine Partnerschaft ein mit dem Ziel, Polio weltweit auszurotten. 1988 fiel der Startschuss für die Global Polio Eradication Initiative durch die Weltgesundheitsversammlung. Rotary war mit 1,4 Milliarden US-Dollar der größte private Geldgeber der Initiative. Die Geberländer trugen neun Milliarden US-Dollar für Impfungen bei. Nach Angaben von Rotary sind für die Ausrottung von Polio von 2013 bis 2018 weitere 5,5 Milliarden Dollar notwendig. mm?

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