ArchivDeutsches Ärzteblatt21/1999Androgenetische Alopezie: Finasterid bietet kausale Therapie

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Androgenetische Alopezie: Finasterid bietet kausale Therapie

Dtsch Arztebl 1999; 96(21): A-1431 / B-1124 / C-1007

Nickolaus, Barbara

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LNSLNS Seit Januar ist unter dem Handelsnamen Propecia® der Wirkstoff Finasterid im Handel, der die androgenetische Alopezie bei Männern zwischen 18 und 41 Jahren stoppt. Daß den männlichen Sexualhormonen eine besondere Rolle bei der Haarbildung zukommt, verdeutlicht die Tatsache, daß kastrierte Männer keine Glatze ausbilden können. Im Verlauf der modernen Haarforschung, die von Anbeginn mit topischen und systemischen Anwendungen männlicher und weiblicher Sexualhormone experimentierte, verdichteten sich die Hinweise, daß in Dihydrotestosteron (DHT) die Hauptursache der Alopezie zu sehen ist. Dieses Sexualhormon kannt mit dem Enzym 5-a-Reduktase Typ II gehemmt werden. Die beiden Isoenzyme 5-a- Reduktase Typ I und Typ II, die hochselektiv an verschiedenen Geweben wirksam werden, führen zur Umwandlung des Testosteron in Dihydrotestosteron. Während Typ I Bartwuchs und Peniswachstum beeinflußt, ist Typ II für Haarausfall und benigne Prostatahyperplasie verantwortlich. Der Typ II wird nach Untersuchungen der Marburger Hautklinik am unteren Bereich der Papille des Haarfollikels, also im Zentrum der Steuerung des Haarphasenzyklus, besonders aktiv und blockiert vermutlich das auslösende Signal zum vorzeitigen Haarausfall. Finasterid, ein 4-Azasteroid, das die 5-a-Reduktase Typ II hemmt und die periphere Umwandlung von Testosteron in DHT blockiert, greift also in den Haarphasenzyklus ein. Das Haarfollikel durchläuft dabei eine zwei- bis sechsjährige Wachstumsphase, eine dreiwöchige Haarausfallphase, eine dreimonatige Ruhephase, danach beginnt der Zyklus im gleichen Haarfollikel erneut. Leidet ein Mann unter genetischer Alopezie, so ist die Wachstumsphase individuell verkürzt, und es kommt zur zunehmenden Verkümmerung der Haarfollikel.
Die spezifische Hemmung der 5-a-Reduktase Typ II erfolgt mit täglich 1 mg Finasterid. Die Substanz wird in fünffach höherer Dosierung seit über zehn Jahren gegen die benigne Prostatahyperplasie angewandt. Klinische Studien zeigten, daß der Haarausfall gestoppt wird und es vielfach zu einer begrenzten Zunahme der Haarzahl kommt. Wegen des langen natürlichen Haarzyklus beginnt die Wirkung nach zirka sechs Monaten und wird nach zwölf Monaten sichtbar.
Optisch dichter
Rund 83 Prozent der in drei Studien behandelten über 1 800 Männer zwischen 18 und 41 Jahren mit leichtem bis mittelschwerem Haarausfall im Vertex- und im frontalen/mittleren Bereich profitierten von dem Präparat. Im münzgroßen Testareal der Kopfhaut befanden sich nach einem Jahr durchschnittlich zehn Prozent Haare mehr als zu Beginn der Behandlung; das Haar wirkte optisch dichter.
Auf der Testfläche von 5,1 cm2 kam es nach zwölf Monaten zu einem Anstieg der ursprünglichen Haarzahl um 107 Haare und nach 24 Monate um 138 Haare. Nach 24 Monaten zeigten nur 17 Prozent der mit Propecia® behandelten, aber 72 Prozent der plazebobehandelten Männer einen fortschreitenden Haarausfall. Propecia® (MSD Sharp &. Dohme GmbH) verleiht den Anwendern also nicht wieder eine voluminöse Haarpracht, wohl aber insgesamt ein attraktiveres Erscheinungsbild.
Das Präparat darf nicht von Frauen eingenommen werden, da im Fall einer Schwangerschaft Fehlbildungen der äußeren Geschlechtsorgane bei männlichen Feten möglich sind. Die Rate unerwünschter Nebenwirkungen wie verminderte Libido, Potenzprobleme oder Abnahme der Menge an Samenflüssigkeit war mit zwei bis 3,8 Prozent gegenüber Plazebo-Anwendern erhöht. Der Preis des neuen Präparats beträgt zirka 1 300 DM pro Jahr. Krankenkassen übernehmen diese Kosten nicht.
Skeptisch äußerte sich Prof. Constantin Orfanos (Universitätsklinik Benjamin Franklin, Berlin); ihm erscheint die Frage nach möglichen Spätfolgen nach Langzeitgabe nicht hinreichend geklärt. "Die Meßlatte für die ethische Verantwortung des Herstellers, gerade bei einem Lifestyle-Medikament für an sich Gesunde, sollte besonders hoch angelegt sein." Dr. Barbara Nickolaus
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