ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2016Selbstmanagement: Einfach mal Nein sagen

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Selbstmanagement: Einfach mal Nein sagen

Dtsch Arztebl 2016; 113(5): [2]

Kutscher, Patric P.

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Es gehören Mut, Courage und Durchsetzungsfähigkeit dazu, etwas abzulehnen. Allerdings: Die Patienten dürfen darunter auf keinen Fall leiden. Trotzdem ist es zuweilen richtig, zuallererst an sich zu denken.

Foto: Fotolia/daniel0750
Foto: Fotolia/daniel0750

Dr. Martin Herkenhoff, Kinderarzt im bayerischen Germering, meint: „Wenn Ärzte feststellen, dass sie Zeit verlieren und sich nur Nachteile durch ihr Ja einhandeln, scheint es zielführend, den Hang zum Jasagertum zu bekämpfen.“ Wer der Meinung ist, allzu oft Ja in Situationen zu sagen, in denen eher Nein angebracht wäre, sollte folgende Strategien anwenden.

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Strategie 1:

Ursachenforschung betreiben

Die Gründe für die Unfähigkeit zum Neinsagen sind vielfältig. Wer eine Zusatzaufgabe übertragen bekommt, fühlt sich in der Überzeugung bestätigt, unentbehrlich zu sein und übernimmt die Aufgabe, obwohl er keine Zeit dafür hat. Allerdings: So droht die Gefahr, ausgenutzt zu werden, zumal wenn es sich um einen gutmütigen Zeitgenossen handelt. Dessen Entgegenkommen nutzen Vorgesetzte und Kollegen, um sich selbst zu entlasten.

Andere Ärzte wiederum trauen sich nicht, Nein zu sagen, weil sie befürchten, andere vor den Kopf zu stoßen, zu enttäuschen oder Nachteile in Kauf nehmen zu müssen: „Wenn ich das gegenüber dem Chefarzt jetzt ablehne – wer weiß, welche Nachteile mir dadurch blühen.“

Strategie 2:

Einstellungen ersetzen

Oft sind es Einstellungen, Überzeugungen und Glaubenssätze wie „Ich muss es jedem recht machen“ oder „Ich will perfekt sein und darf daher nicht den Eindruck erwecken, etwas nicht schaffen zu können“, die zum Ja zwingen. Hilfreich ist es, diese hemmenden Einstellungen durch förderliche Überzeugungen zu ersetzen.

Dies ist meist ein langwieriger Weg. Ein Beispiel: Angenommen, ein Arzt ist der Überzeugung, es jedem recht machen zu müssen. Der Arzt sollte diese Überzeugung im Lichte des Hauptzwecks seiner Arbeit reflektieren, nämlich dem Patienten zu helfen und zu dienen. Damit verfügt er über einen neuen Bewertungsmaßstab: Das Ja- oder Neinsagen stellt er ab sofort in Relation zu der Frage, welche Antwort und Reaktion dem Patienten dient. Das bedeutet: Der Arzt befindet sich auf dem besten Weg, die Überlegung, es jedem recht machen zu wollen, durch das Fokussieren auf seinen fundamentalen Lebenszweck zu ersetzen. Er fragt sich: „Wenn ich diese Zusatzaufgabe übernehme: Entstehen dann Nachteile für meine Patienten, die ich betreue? Habe ich weniger Zeit für sie?“

Strategie 3:

Selbstsicherheit gewinnen

Jasager sind oft sehr gutmütig, ihnen fehlt die Selbstsicherheit, die eigenen Belange, Wünsche und Erwartungen in den Vordergrund zu stellen. Die Beschäftigung mit der eigenen Persönlichkeit und Mentalität hilft, sich seiner selbst sicherer zu werden und die Courage zu finden, Nein zu sagen. „Dabei geht es nicht um das Neinsagen um seiner selbst willen“, sagt Herkenhoff. „Das wäre ebenso kontraproduktiv wie das vorschnelle Ja. Aber es ist richtig, wenn der Arzt sich zumindest kurz Zeit für die Beantwortung der Frage nimmt, ob er zum Beispiel eine Zusatzaufgabe übernehmen sollte oder nicht. Das kann er dem Gesprächspartner kommunizieren, indem er ihn bittet, er möge sich etwas gedulden. Und dann wägt der Arzt ab und trifft eine Entscheidung.“ Auf diese Weise signalisiert er zugleich, dass er sich nicht ausnutzen lässt und sowohl sein Ja zu der Zusatzaufgabe als auch seine Ablehnung der fundierten Reflexion entspringt und keine unüberlegte Entscheidung ist.

Strategie 4:

Begründung mitliefern

Zudem sollte der Arzt sein Ja und sein Nein immer begründen und letzteres notfalls auch verteidigen und zwar bestimmt, jedoch höflich und herzlich. „Dem Gesprächspartner muss klar sein, dass es sich bei dem Arzt weder um einen notorischen Jasager noch um einen Neinsager aus Prinzip handelt“, führt Herkenhoff aus. „Das Nein darf aber auch nicht dazu führen, dass der Arzt den Gesprächspartner unnötig verärgert. Mit einer fundierten Begründung der Ablehnung kann er dies verhindern.“ Es gilt der alte Grundsatz, stets auf der Sachebene zu verbleiben und keinesfalls die Beziehungsebene zu betreten. Wenn der Arzt sicher ist, er sei von einem Kollegen mit dem Hintergedanken angesprochen worden, man könne seine Hilfsbereitschaft leicht ausnutzen, sollte er das Anliegen zwar deutlich ablehnen. Er darf den Kollegen dabei aber nicht angreifen. Er sollte ihm vielmehr verdeutlichen, warum er dieses Mal nicht zur Verfügung steht. Das heißt: Zielführender und konstruktiver ist es, sachliche Argumente anzuführen und diese im unmissverständlich-freundlichen Ton vorzutragen.

Strategie 5:

Durchsetzungskraft aufbauen

Gewiss hilft Durchsetzungsstärke dabei, ein Nein selbstsicher und unumstößlich zu äußern. Dabei ist zu bedenken: Der Grat zwischen aggressiver und damit abschreckender Vorgehensweise und vornehm-bescheidener Zurückhaltung, die zur Beliebtheit führt, die jedoch ausgenutzt wird, ist schmal. Das Problem: Persönlichkeitsmerkmale können schnell ins Gegenteil umschlagen: Loyalität und die Tendenz zum Jasagen werden zu Unterordnung und Unterwerfung, Vertrauen zu Vertrauensseligkeit, Ich-Stärke und die Tendenz zum Neinsagen zur Uneinsichtigkeit.

Darum sei nochmals daran erinnert, wie klug es ist, jeglichen Automatismus zu vermeiden und weder sofort Ja noch direkt Nein zu sagen. „Hat der Arzt sich jedoch erst einmal entschieden, muss er dieser Entscheidung konsequentes Handeln folgen lassen und diese durchsetzen“, empfiehlt Herkenhoff und fügt hinzu: „Je nach Situation und Gesprächspartner sollte der Arzt zusätzlich überlegen, ob er zwar Nein sagt, aber dem Gesprächspartner andere Lösungsmöglichkeiten aufzeigt.“

Wie sieht das praktisch aus? Falls der Arzt aus Zeitgründen Nein sagen muss, schlägt er vor, etwa eine Zusatzaufgabe zu einem späteren Zeitpunkt zu übernehmen: „Vielleicht kann bis dahin eine Kollegin oder ein Kollege aushelfen.“ Oder der Arzt findet eine ganz andere Problemlösung und beschreibt, wie ein Zeitengpass ohne seine Unterstützung umgangen werden kann. So wird aus einer eher kategorischen Absage ein konstruktives Nein, das dem Gesprächspartner weiterhilft.

Patric P. Kutscher

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