ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2016Evidenzbasierte Medizin: Die korrekte Definition
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Wer sich zu einem Thema – noch dazu im DÄ – äußert, ist berufen, sich mit den grundlegenden Definitionen seines Themas zu beschäftigen. Dies ist in dem erwähnten Artikel bedauerlicherweise nicht der Fall.

Evidenzbasierte Medizin ist nicht die Lehre von der doppelblindrandomisierten Studie, sondern „der gewissenhafte, ausdrückliche und angemessene Gebrauch der gegenwärtig besten vorhandenen Daten aus der Gesundheitsforschung, um bei Behandlung und Versorgung von konkreten Patienten Entscheidungen zu treffen. EbM beinhaltet die Integration individueller klinischer Expertise mit der bestmöglichen Evidenz aus klinischer Forschung und der Präferenz des Patienten.“ Diese Definition von David Sackett, nachzulesen im „British Medical Journal“ 1996; 312: 71–2, ist die einzige und korrekte Definition der evidenzbasierten Medizin.

Der Begriff der „besten vorhandenen Daten“ suggeriert dem einen oder anderen, dass dort, wo keine auch im wissenschaftlichen Sinne besten Daten aus doppelblind-randomisierten Studien vorhanden sind, jegliche Entscheidungsgrundlage fehlt. Dies ist nicht nur ein Irrtum, sondern im Sinne der Patientenversorgung grob fahrlässig und gefährlich.

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Diese Definition auf ein Drittel seines Inhaltes zu kürzen – wie in diesem Artikel geschehen – ist sinnentstellend.

Die EbM erhebt für sich den Anspruch, die uns aus unterschiedlichen Quellen gelieferte „Evidenz“ nach klaren methodischen Grundlagen – die international und national völlig unstrittig sind – zu sichten und zu bewerten und beispielsweise in Form von höchstwertigen Leitlinien klinisch tätigen Ärztinnen und Ärzten die bestmöglichen „Wissenszutaten“ für eine im Einzelfall klar begründete Entscheidung zu liefern. Die Präferenz des Patienten, neulateinisch „Shared decision mak-ing“, ist dabei nicht nur explizierter Kernbaustein, sondern auch die Grundlage dafür, dass tatsächlich evidenzbasiert arbeitende Ärztinnen und Ärzte in der Lage sind, jederzeit Rechenschaft über die durch ihr Tun beim Patienten erzielten Ergebnisse abzugeben . . .

In dem grundlegenden Werk „Freiheit und Ethos des Arztes“ haben die Medizinethiker Prof. Urban Wiesing und Prof. Georg Marckmann profund dargelegt, dass der Einfluss der Ökonomie der ärztlichen Ethik widerspricht, der Einfluss der Technik und Tugend der EbM jedoch genau diese ärztliche Ethik aktiv unterstützt.

Dr. med. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin, 10969 Berlin

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