ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2016Demografischer Wandel: „Sie kommen nicht mehr zurück“

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Demografischer Wandel: „Sie kommen nicht mehr zurück“

Dtsch Arztebl 2016; 113(5): A-164 / B-144 / C-144

Osterloh, Falk

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Die Binnenwanderung in Ostdeutschland ist erheblich. Die Städte wachsen, kleine Gemeinde bluten aus. Mit neuen Konzepten muss sich die medizinische Versorgung der veränderten Situation anpassen.

Leerstand – Aus vielen kleinen Orten Ostdeutschlands ziehen die Menschen fort. Foto: picture alliance
Leerstand – Aus vielen kleinen Orten Ostdeutschlands ziehen die Menschen fort. Foto: picture alliance

Deutschland bewegt sich. Jedes Jahr verlassen Hunderttausende Deutsche ihren Wohnsitz, um sich an einem anderen Ort niederzulassen. Nach und nach verschieben sich auf diese Weise die Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens und mit ihnen die Grundlagen der medizinischen Versorgung.

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Prof. Dr. rer. pol. Walter Ried von der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald beschäftigt sich mit den Folgen dieser Entwicklung. „Wir haben in Deutschland nicht nur einen demografischen, sondern einen geo-demografischen Wandel“, erklärte er auf dem Spreestadt-Forum Ende Januar in Berlin. „Das bedeutet, der Wandel vollzieht sich in verschiedenen Gebieten unterschiedlich schnell.“ Während einige regionale Räume in Mecklenburg-Vorpommern in geringem Umfang wüchsen, nehme die Bevölkerung in vielen Gebieten ab. Oft steige in diesen Regionen auch das durchschnittliche Alter der Bevölkerung an, weil insbesondere junge Menschen abwanderten. „Das wirft Probleme für die Gewährleistung der Gesundheitsversorgung auf“, so Ried.

Detailliert hat die Binnenwanderung in Ostdeutschland das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung untersucht. Fazit: Es ist einiges in Bewegung. Und: Die jahrzehntelange Abwanderung aus den ostdeutschen Bundesländern ist beendet. Denn erstmals seit der Wende zogen im Jahr 2013 mehr Menschen in die ostdeutschen Bundesländer (ohne Berlin), als aus ihnen abwanderten. „Seit 80 Jahren hat der Osten nur Einwohner verloren: insgesamt 1,8 Millionen Menschen. Jetzt gibt es eine Trendwende“, betonte der Leiter des Berlin-Instituts, Dr. Reiner Klingholz, bei der Vorstellung der Studie „Im Osten auf Wanderschaft“ Ende Januar in Berlin. „Wenn es so weitergegangen wäre, wäre der Osten irgendwann komplett ausgeblutet.“

Filialpraxen und Telemedizin

Die Zuzüge in die ostdeutschen Bundesländer fallen jedoch regional sehr unterschiedlich aus. So profitierten lediglich 15 Prozent der ostdeutschen Gemeinden von dieser Entwicklung. Aus 85 Prozent der Gemeinden zogen weiterhin mehr Menschen fort als zuzogen. „Das Gefälle zwischen den Wachstums- und den Schrumpfregionen wird damit immer größer“, so Klingholz.

Am stärksten macht sich der geo-demografische Wandel in Sachsen-Anhalt bemerkbar. Seit 1991 verlor das Bundesland jeden fünften seiner Einwohner. „Diesen Wandel kann man sehr gut in der Altmark beobachten“, berichtete Ralf Dralle, Vorstand der AOK Sachsen-Anhalt, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. „Diese Region im nördlichen Sachsen-Anhalt dünnt sich immer stärker aus.“ Wie haben die Partner der Selbstverwaltung auf diese Entwicklung reagiert?

Zusammen mit dem Land und der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Sachsen-Anhalt hat die AOK in einem Modellvorhaben Filialpraxen gegründet, in denen fachübergreifend abwechselnd mehrere Vertragsärzte tätig waren, erklärte Dralle. Diese Praxen lagen an Orten, „in denen das wirtschaftliche Betreiben einer normalen Praxis nicht möglich ist, die Menschen aber dringend medizinische Versorgung brauchen“. Die Ärzte kamen dabei aus Praxen oder Krankenhäusern der Umgebung. Teilweise kehrten sie aus dem Ruhestand zurück. Nach Abschluss des Projekts werden die Filialpraxen heute entweder von der KV oder von einzelnen Ärzten geführt. „Dieses Modell hat sich bewährt“, resümierte Dralle. „Die Anzahl dieser Praxen ist in den letzten Jahren gestiegen.“

Zudem finanzieren die Krankenkassen des Landes zusammen mit der KV ein Stipendienprogramm, bei dem sich die Stipendiaten verpflichten, zwei bis drei Jahre in einer unterversorgten Region zu arbeiten. Darüber hinaus sieht Dralle Chancen in der Digitalisierung des Gesundheitswesens: „Damit lässt sich sicherlich einiges kompensieren. So ist beispielsweise eine Zweitmeinung viel schneller eingeholt als bisher.“

Mehr geriatrische Zentren

Auch im stationären Bereich hat sich in Sachsen-Anhalt seit der Wende einiges getan. Der sinkenden Zahl an Patienten folgend, wurde die Anzahl der Krankenhäuser im Land von 72 im Jahr 1991 auf heute 48 reduziert, wie Dr. rer. pol. Gösta Heelemann, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Sachsen-Anhalt, dem Ärzteblatt berichtete. Heute gibt es im Land 32 Krankenhäuser der Grundversorgung sowie 16 Krankenhäuser, die eine spezielle medizinische Versorgung anbieten wie psychiatrische Krankenhäuser oder Lungenkliniken.

„Eine Studie der Landeskrankenhausgesellschaft und des Instituts für Strukturpolitik und Wirtschaftsförderung Halle aus dem Jahr 2013 belegt, dass diese 48 Krankenhäuser für die Umsetzung des Versorgungsauftrages notwendig sind“, so Heelemann weiter. Nachdem durch den Fortzug von 20 Prozent der Bevölkerung der Versorgungsbedarf gesunken ist, steigt er nun zum Beispiel durch eine zunehmende Nachfrage in der Altersmedizin wieder an. Konkret steigt der Bedarf Heelemann zufolge „um ein mittleres Krankenhaus“. Auf diese spezielle Nachfrage hätten sich die Krankenhäuser eingestellt, ergänzte Dralle. So gebe es an den Krankenhäusern in allen Landkreisen und kreisfreien Städten bereits geriatrische Zentren.

Dass die Telemedizin dazu beitragen kann, die Versorgungsprobleme zu lösen, glaubt auch Walter Ried von der Universität Greifswald. Allerdings seien die technischen Voraussetzungen dafür in Mecklenburg-Vorpommern mancherorts noch nicht gegeben, weil eine Breitbandversorgung für die Datenübertragung fehle.

Auch dem Hausarzt komme bei der künftigen Versorgung in ländlichen Regionen eine besondere Rolle zu, betonte Ried. Eine qualitativ hochwertige stationäre Versorgung, wie sie die Bundesregierung derzeit zum Beispiel mit der Einführung von Mindestmengen befördern will, sei im ländlichen Raum hingegen viel schwieriger zu realisieren. In diesem Zusammenhang betonte Ried, dass man nicht in allen regionalen Teilräumen gleiche Lebensverhältnisse anstreben müsse. „Die Lebensverhältnisse dürfen in unterschiedlichen Regionen ruhig unterschiedlich sein“, sagte er. Eine gute gesundheitliche Versorgung sei als politisches Ziel jedoch hervorzuheben, da sie eine Teilhabe am Leben erst ermögliche.

Die Anzahl der Regionen, die dünn besiedelt sind, werde im Osten wie im Westen zunehmen, prognostizierte Ried. „Die Versorgungsprobleme, die es dort heute schon gibt, werden dadurch größer werden.“ Allerdings sei die Lage heute nicht so ernst, wie es in der Vergangenheit erwartet worden sei. „Ich erinnere mich an eine Prognose aus dem Jahr 2004, bei der für das Jahr 2020 ein sehr düsteres Bild der Gesundheitsversorgung in Mecklenburg-Vorpommern gezeichnet worden war“, sagte Ried. „Wir haben das Jahr 2020 zwar noch nicht erreicht, aber man kann sagen, dass die prognostizierte Entwicklung so nicht eingetreten ist.“

Das Berlin-Institut hat in seiner Studie auch die Städte benannt, die von der Binnenwanderung profitieren: neben Leipzig und Dresden sind dies Jena, Erfurt und Potsdam. Diese Städte sind vor allem für junge Menschen interessant, die einen Ausbildungs- oder Studienplatz suchen. Viele von ihnen bleiben auch nach der Ausbildung. „Die größeren Städte sind massiv aufgewertet worden. Hier zeigen sich die Früchte des Aufbaus Ost“, meinte Klingholz. „Sie haben heute nicht nur eine schöne Fassade, sondern bieten auch gute Arbeitsplätze.“ Zudem zögen sie auch Studenten aus dem Westen an, weil es sich hier billiger leben lasse.

Nettozuwanderung im Jahr 2013
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Nettozuwanderung im Jahr 2013

Jeder Zehnte zieht weg

Während die großen Städte profitieren, bluten die kleinen Orte langsam aus. „Die Menschen ziehen vor allem aus kleinen Gemeinden in hohem Maße weg: pro Jahr etwa jeder zehnte“, erklärte Institutsmitarbeiter Manuel Slupina. „Diese Menschen kommen mehrheitlich auch nicht mehr zurück.“

Wenn Familien umziehen, ziehen sie eher von den Städten aufs Land, vor allem allerdings in die Speckgürtel der Städte. Dieser Zuzug wiegt die Verluste der kleineren Gemeinden bei den übrigen Altersgruppen jedoch nicht auf. „Damit sie nicht weiter in die Abwärtsspirale aus Bevölkerungsrückgang und schwindender Infrastruktur geraten, sind neue, am Bedarf vor Ort orientierte Versorgungsformen notwendig“, betonte Klingholz.

Ältere Menschen, die ihren Wohnort verlassen, ziehen häufig aus kleineren Orten in die Mittel- und Oberzentren ihrer Gemeinden, weil es dort bessere Versorgungsmöglichkeiten gibt. „Einige mittelgroße Städte können sich also als lokale Versorgungszentren stabilisieren, indem sie kurze Wege zu Ärzten, Apotheken, Geschäften, Restaurants oder kulturellen Einrichtungen bieten“, sagte Slupina. „Die Städte sollten sich dabei nicht scheuen, ihr altersfreundliches Umfeld nach außen zu vermarkten.“

Falk Osterloh

Nettozuwanderung im Jahr 2013
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Nettozuwanderung im Jahr 2013

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