ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2016Krebs in der Schwangerschaft: Vorsichtiger Optimismus für ein therapeutisches Dilemma

MEDIZINREPORT

Krebs in der Schwangerschaft: Vorsichtiger Optimismus für ein therapeutisches Dilemma

Dtsch Arztebl 2016; 113(5): A-184 / B-160 / C-160

Eckert, Nadine

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Eine Krebstherapie bei Schwangeren führt zwar häufiger zur Frühgeburt, Entwicklungsschäden der Kinder waren in einer Studie jedoch nicht erkennbar.

Die Diagnose von Krebserkrankungen in der Schwangerschaft ist mit einer Inzidenz von etwa 1 : 1 000 sehr selten. Ob Gynäkologe, Onkologe oder Pädiater, die meisten Mediziner finden sich auf unbekanntem Terrain wieder, wenn bei einer schwangeren Frau eine Krebserkrankung festgestellt wird. Die Literatur ist nicht immer eine Hilfe: „Es stehen nur sehr eingeschränkt Daten zur Sicherheit von Krebstherapien in der Schwangerschaft zur Verfügung“, schreiben belgische Wissenschaftler. Im New England Journal of Medicine stellen sie neue Daten vor, die vorsichtigen Optimismus erlauben (1).

Der gynäkologische Onkologe Dr. Frédéric Amant und seine Kollegen vom Universitätsklinikum Löwen berichten über den Vergleich von 129 Kindern (darunter vier Zwillingspaare), deren Mütter in der Schwangerschaft an Krebs erkrankten (pränatal exponierte Gruppe), und ebenso vielen Kindern, deren Mütter in der Schwangerschaft nicht krebskrank waren (Kontrollgruppe). 96 Kinder (74,4 Prozent) waren pränatal einer Chemotherapie ausgesetzt (allein oder in Kombination mit anderen Therapien), elf (8,5 Prozent) einer Strahlentherapie (allein oder in Kombination), 13 (10,1 Prozent) einer Operation und zwei (1,6 Prozent) einer anderen medikamentösen Behandlung. Die Mütter von 14 (10,9 Prozent) Kindern waren zwar an Krebs erkrankt, es fand aber während der Schwangerschaft keine Therapie statt.

Kinder, die pränatal exponiert waren, kamen signifikant häufiger vorzeitig zur Welt (61,2 Prozent) als andere Kinder in ihren Heimatländern (6,8–8,0 Prozent). Die Häufigkeit von Geburtsgewichten unter dem 10. Perzentil (Definition für „small for gestational age [SGA]“) war in der pränatal exponierten Gruppe leicht erhöht (22 Prozent verglichen mit 15,2 Prozent in der Kontrollgruppe), auch wenn der Unterschied statistisch nicht signifikant war (p = 0,16).

Ein SGA-Geburtsgewicht trat bei 25 Prozent der gegenüber Chemotherapie exponierten Kinder und 36 Prozent der gegenüber Strahlentherapie exponierten Kinder auf. Die Zahl und die Art von angeborenen Fehlbildungen unterschieden sich dagegen nicht zwischen den beiden Gruppen.

Kognitive Entwicklung und kardiale Outcomes

Als die Kinder im Alter von median 22 Monaten getestet wurden, zeigte ein pädiatrischer Entwicklungstest (Bayley Scales of Infant Development) hinsichtlich der kognitiven Entwicklung keine Unterschiede zwischen exponierten und nicht exponierten Kindern. Beobachtet wurden nur die zu erwartenden Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen sowie hinsichtlich des Gestationsalters bei Geburt. Pro zusätzlicher Woche im Mutterleib lag der Bayley-Score um 2,9 Punkte höher (2,8 in der pränatal exponierten Gruppe und 3,1 in der Kontrollgruppe) (95-Prozent-Konfidenzintervall [KI] 2,2–3,7; p < 0,001).

47 Kinder in der pränatal exponierten Gruppe und nach Alter und Geschlecht gematchte Kinder der Kontrollgruppe wurden im Alter von drei Jahren kardial untersucht (EKG, Herz-Ultraschall). Weder bei der Größe der Herzkammern, der Wanddicke, der Ejektionsfraktion noch beim Fractional Shortening zeigten die Untersuchungen Unterschiede zwischen den Gruppen. Einen kleinen Unterschied fanden Amand und Kollegen beim Gewebe-Doppler des basalen Teils des interventrikulären Septums, die Gewebegeschwindigkeit war in der Kontrollgruppe etwas günstiger. Doch die Werte hätten alle noch im normalen Bereich gelegen, betonen die Autoren.

„Beruhigende Daten“ für Frauen und ihre Familien

„Unsere Daten legen nahe, dass die Diagnose Krebs in der Schwangerschaft keinesfalls eine Indikation zum Schwangerschaftsabbruch ist“, betonen Amant und Kollegen. Und in einem begleitenden Editorial kommentiert Dr. Michael F. Greene vom Department of Obstetrics and Gynecology am Massachusetts General Hospital in Boston: „Insgesamt sollten diese Daten für Frauen und ihre Familien, die sich während der Schwangerschaft einer Krebsdiagnose stellen müssen, beruhigend sein“ (2). Es sei davon auszugehen, dass diese Frauen häufiger eine Frühgeburt haben werden, doch die kognitive Entwicklung werde sich nicht von anderen, ebenfalls zu früh geborenen Kindern unterscheiden, deren Mütter nicht an Krebs erkrankt waren.

Entscheidend für eine positive Entwicklung des Kindes könnte sein, wann die Krebstherapie verabreicht wird: „Alle Chemotherapiezyklen in unserer Studie wurden nach dem erstem. Trimester, in dem die Organogenese stattfindet, verabreicht“, schreiben Amant und Koautoren.

Nadine Eckert

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0516
oder über QR-Code.

1.
Amant F, et al.: Pediatric outcome after maternal cancer diagnosed during pregnancy. N Engl J Med 2015; 373: 1824–34 CrossRef MEDLINE
2.
Greene MF, et al.: Cautious optimism for offspring of women with cancer during pregnancy. N Engl J Med 2015; 373: 1875–6. CrossRef MEDLINE
1. Amant F, et al.: Pediatric outcome after maternal cancer diagnosed during pregnancy. N Engl J Med 2015; 373: 1824–34 CrossRef MEDLINE
2.Greene MF, et al.: Cautious optimism for offspring of women with cancer during pregnancy. N Engl J Med 2015; 373: 1875–6. CrossRef MEDLINE

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