ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2016„Prinzessinnen“: Beispielloser Lebensmut

KULTUR

„Prinzessinnen“: Beispielloser Lebensmut

PP 15, Ausgabe Februar 2016, Seite 85

Donhuijsen, Konrad

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Mit der Schönheit des menschlichen Körpers, seinen Proportionen sowie seiner Bedrohung durch Krankheit und Schicksal beschäftigt sich eine Berliner Ausstellung.

Die Ausstellung „Prinzessinnen. Johann Gottfried Schadow – Anna Franziska Schwarzbach“ ist bis zum 20. März im Seitenflügel des Schadowhauses, Schadowstraße 12–13, Berlin, zu sehen. Informationen: www.kunst-im-bundestag.de Foto: Deutscher Bundestag/junophoto
Die Ausstellung „Prinzessinnen. Johann Gottfried Schadow – Anna Franziska Schwarzbach“ ist bis zum 20. März im Seitenflügel des Schadowhauses, Schadowstraße 12–13, Berlin, zu sehen. Informationen: www.kunst-im-bundestag.de Foto: Deutscher Bundestag/junophoto

Prinzessinnen kennen wir alle. Sie sind uns Märchenfigur, Schönheitsideal, Traumbild und Trendsetter, immer noch und immer wieder. Begegnen können wir ihnen im Haus des königlichen Hofbildhauers Johann Gottfried Schadow (1764–1850), Berlin-Mitte, eines im Jahr 1805 in klassizistischem Stil gebauten großbürgerlichen Hauses, das als Eigentum des Deutschen Bundestages kürzlich für 17 Millionen Euro restauriert wurde. Dort zeigen sich die jungen Damen in antikisierender Manier, gekleidet „in griechischer Draperie“ (Friedrich J. Bertuch 1795). Die engelhaften Wesen wirken vollendet, überirdisch in Ausdruck und Form. Das Halstuch, das eine Schwellung verdecken sollte, wurde seinerzeit zu dem Modeaccessoire schlechthin.

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Diese Schönheit hat einen Grund – ihren Schöpfer. Der bedeutendste Bildhauer des Klassizismus, Johann G. Schadow, schuf diese viel beachteten, oft kopierten Skulpturen 1794 und 1797. Das Geheimnis der Schönheit verrät uns die Ausstellung anhand Schadows autografisch präsentierter Kunsttheorie: Schönheit ist Proportion. Schadows Zugang zum Ideal lässt sich anhand detaillierter Messprotokolle zu den Größenverhältnissen des Körpers und seiner Bestandteile studieren. Ihr analytisch-objektivierender Charakter reflektiert zweifellos die aufkommende Industrialisierung und Wissenschaftsgläubigkeit des späten 18. Jahrhunderts. Die Schönheit ist demnach berechenbar und machbar, eine Auffassung, die unserer Zeit nicht fremd ist.

Beherrscht aber wird der Raum von anderem: Zahlreiche, wiederum in Weiß gehaltene Figuren dominieren die Bühne. Sie sind klein, merkwürdig gedrungen, mit zu großem Kopf, oft fehlendem Hals sowie kurzen, plumpen Armen und Beinen, manchmal kaum vom Leib abgesetzt. Die etwa einen Meter hohen, lebensgroßen Figuren sind überwiegend aus Pappmaschee und Gips geformt, selten aus Holz geschnitten. Eine verhaltene Bemalung pointiert Gesichtszüge, deutet Kleidung an und unterstreicht ihre Bewegung.

Was auf den ersten Blick wie eine künstlerische Übersteigerung anmutet, ist allerdings kein Ausdruck kreativer Fantasie, sondern es ist eine Laune der Natur. Es ist das Ergebnis einer genetischen Störung, ein familiärer Kleinwuchs in ungewöhnlicher Vielzahl, den Mediziner als Pseudoachondrodysplasie kennen. Auch darüber hinaus bleibt die Medizin im Spiel, lässt uns nun aber den Schrecken in die Glieder fahren. Der Rabbiner Shimshon Issac Ovitz (1868– 1923), ein kleinwüchsiger Rumäne, zeugte zehn Kinder, von denen jedoch sieben kleinwüchsig blieben. Im Mai 1944 wurde die Familie nach Auschwitz deportiert. Dort fielen sie dem KZ-Arzt Josef Mengele auf. Dieser missbrauchte sie für wissenschaftliche Experimente. Befreit von der russischen Armee, überlebten alle das Inferno.

Anna Franziska Schwarzbach ließ ihr Schicksal nicht los. 2003 hörte sie erstmals von der Geschichte der Familie Ovitz. 1949 wurde sie als älteste Tochter des Bildhauers Hans Brockhage im Erzgebirge geboren. Nach einer Lehre konnte die junge Frau Architektur studieren und fand Ende der 70er Jahre ihren Weg in der Bildhauerei. In den 80ern machte sie sich einen Namen als Porträtkünstlerin und Medailleurin. In kritischer Auseinandersetzung mit der NS-Zeit verfolgte Schwarzbach hartnäckig das Projekt eines Mahnmals für die kindlichen Euthanasieopfer der Hirnforschung. Belehren will sie nicht. Sie stellt den Menschen mit Leib und Seele dar, in Umbruch- und Entscheidungssituationen, als Kind, Narziss oder gereifte Person, zumeist verhalten in der Bewegung, expressiv im Ausdruck. Die dichte räumliche Installation der ausdruckstarken Skulpturen der Familie Ovitz zeigt einen beispiellosen Lebensmut.

Prof. Dr. med. Konrad Donhuijsen

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