ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2016Zwangsarbeit 1939–1945: Von der Ausbeutung der Kinder

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Zwangsarbeit 1939–1945: Von der Ausbeutung der Kinder

Jachertz, Norbert

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Eine Tagung über Kriegskinder. Wer nützlich war, hatte eine Überlebenschance. Wer überlebte, trägt schwer an der Erinnerung.

Foto: MDR/UFA Fiction
Foto: MDR/UFA Fiction

Das Jahrhundert des Kindes hatte für Millionen Kinder eine ganz spezielle Bedeutung. Sie erlebten nicht Schutz und Förderung, die wohlmeinende Pädagogen zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Kindern zugedacht hatten, sondern Gewalt und Ausbeutung. Und das gilt bis heute. Man denke nur an Kindersoldaten in Afrika, minderjährige Textilarbeiter in Südostasien oder Kinder in den Flüchtlingsströmen aus Nahost, die nicht wissen, zu wem sie gehören.

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Der „Kindheit im Zweiten Weltkrieg“ widmete sich eine Tagung in der Bibliotheca Albertina in Leipzig. Dieser Artikel behandelt nur einige, auch unseren Leserkreis berührende Aspekte. Er konzentriert sich auf zwei der Tagungsthemen, das Schicksal von Kindern aus den besetzten Ostgebieten und das Überleben von Kindern in Konzentrationslagern. Sämtliche Referate sollen in einem Tagungsband veröffentlicht werden; er erscheint voraussichtlich 2017. Veranstalter der Tagung waren das Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (geleitet von Prof. Dr. phil. Günter Heydemann) zusammen mit der Professur für Geschichtsdidaktik am Historischen Seminar der Universität Leipzig (Prof. Dr. phil. Alfons Kenkmann). Was von den Wissenschaftlern/-innen, darunter einige vielversprechende junge, nüchtern und quellenkritisch vorgetragen wurde, machte bei näherem Hinsehen fassungslos.

Auf etwa zwei Millionen schätzt Prof. Dr. phil. Johannes-Dieter Steinert (University of Wolverhampton) die Zahl der jugendlichen Zwangsarbeiter, die aus den besetzten Ostgebieten nach Deutschland deportiert wurden. Steinert hat zu dem Thema 2013 eine beachtliche Monografie veröffentlicht (1). Damals rechnete er noch mit 1,5 Millionen jugendlicher Zwangsarbeiter. Doch, so Steinert in Leipzig, die zwischenzeitliche Forschung lege weitaus höhere Zahlen nahe. Deportiert wurden Jugendliche, die den Rassekriterien der Nationalsozialisten nicht genügten. „Eindeutschungsfähige“ Jugendliche verblieben hingegen im Lande und dienten als billige Arbeitskräfte in Beschäftigungsverhältnissen, die sich von Zwangsarbeit nur wenig unterschieden. Insgesamt nämlich rangierten Kinder aus den östlichen Besatzungsgebieten am unteren Ende der deutschen rassistischen Hierarchie, konstatierte Steinert. Ein besonderes Schutzbedürfnis wurde ihnen nicht zuerkannt. Je länger der Krieg dauerte, desto jünger waren die zwangsverpflichteten Jugendlichen, anfangs 18, dann 14, dann zwölf, schließlich zehn und bei Ernteeinsätzen auch sieben Jahre jung. Der Jugendschutz war ab 1941 aufgehoben.

Harte Arbeit, Schläge und schlechtes Essen

Kinderzwangsarbeiter erinnern sich an harte Arbeit, Schläge, schlechtes Essen und permanente Angst. Die Deportierten zudem an Heimweh und die Tränen abends in der Baracke, „denn wir waren doch noch kleine Kinder“, erinnert eine von Steinerts Zeitzeuginnen. Die zu Hause gebliebenen jugendlichen Zwangsarbeiter wiederum drückte die Last, für die Restfamilie, die Männer waren eingezogen oder tot, verantwortlich zu sein. Nach dem Krieg traf es die jungen Zwangsarbeiter noch einmal: Sie waren zu Hause oft nicht willkommen, in der ehemaligen Sowjetunion galten sie, ähnlich wie Soldaten der Roten Armee, die in Kriegsgefangenschaft geraten waren, als Verräter, die für den Feind gearbeitet hatten. Entschädigt wurden ehemalige Zwangsarbeiter spät – ab dem Jahr 2000 – und bescheiden mittels einer Stiftung, in die der deutsche Staat und deutsche Unternehmen eingezahlt hatten (2).

Angst ist das beherrschende Thema unter Zeitzeugen

Die alten Leute, die sich heute an diese ihre Jugend erinnern, berichten immer wieder von Razzien – der Angst vor einer Razzia und dem Erleben der Razzia, bei der sie eingefangen, von Familie und Freunden getrennt und verschleppt wurden. Die Angst scheint tief zu sitzen. Sie ist jedenfalls ein beherrschendes Thema unter den Zeitzeugen. Eingefangen und in Kinderdörfern konzentriert wurden auch elternlose Jugendliche, die sich hinter der Front durchschlugen, in den Augen der Militärs als Partisanen. Von solchen „Jugendbanden“ aus Weißrussland berichtete in Leipzig Dr. phil. Yuliya von Saal (Institut für Zeitgeschichte, München). Sie bewegt sich auf bisher wenig erforschtem und in Deutschland kaum bekanntem Terrain und versucht nun „diesem dunklen Aspekt deutscher Besatzung im Rahmen eines geplanten Forschungsprojekts nachzugehen.“

In Leipzig referierte von Saal über die Lager Skobrovka und Krasnyj Bereg, zwei von insgesamt fünf Lagern südöstlich von Minsk, in denen – so die Zeugenaussagen und die öffentliche Erinnerung in Weißrussland – Kinder und Jugendliche unter anderem als Blutspender für deutsche Soldaten dienten, um nicht zu sagen: gehalten wurden. Eine unglaubliche Geschichte? In Krasnyj Bereg („Rotes Ufer“) erinnert eine aufwendige Gedenkstätte seit 2007 an die finstere Zeit. Hier seien insgesamt fast 2 000 Kinder gefangen gehalten worden (3).

Noch 2008 äußerte ein Mitarbeiter des damaligen militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Potsdam, es gebe dazu keine einschlägigen Quellen, auch sei die Inanspruchnahme von Kindern unwahrscheinlich; es habe ein großes Reservoir ziviler Blutspender gegeben. Von Saal verweist (auf Nachfrage) indes auf Zeugenaussagen, die von den Blutabnahmen berichten (nicht nur in Belarus, sondern auch in Sokolniki und Velika Lepeticha in der Ukraine, in Potulice und Konstantynow im heutigen Polen sowie in Salaspils in Lettland) (4). Auch gebe es Indizien, unter anderem aus der Wehrmedizin, die die Historizität solcher Vorgänge plausibel erscheinen lassen und zumindest nach einer weiteren Recherche verlangten. Den Verweis auf ein Reservoir ziviler erwachsener Blutspender lässt von Saal nicht gelten. In ihren bisherigen Recherchen sei sie zu einem entgegengesetzten Bild gekommen: Der Blutspendedienst sei so schlecht organisiert gewesen, dass Blutspender dem Sanitätsdienst der Wehrmacht nur in begrenzter Zahl und zum Ende des Krieges an der Ostfront kaum noch zur Verfügung gestanden hätten.

Die Gedenkstätte im weißrussischen Krasnyj Bereg, südöstlich von Minsk, erinnert an die finstere Zeit, als hier fast 2 000 Kinder gefangen gehalten wurden. Foto: mynativebelarus
Die Gedenkstätte im weißrussischen Krasnyj Bereg, südöstlich von Minsk, erinnert an die finstere Zeit, als hier fast 2 000 Kinder gefangen gehalten wurden. Foto: mynativebelarus

Jüdische Kinder überlebten in den Konzentrations- und den Vernichtungslagern in der Regel nicht. Die Lager waren ohnehin nicht auf Kinder eingerichtet. Wenn sie mit ihren Müttern oder Vätern kamen, wurden sie notgedrungen aufgenommen und selektiert. Die Älteren (ab etwa zwölf Jahren) wurden zur Arbeit gezwungen, bis sie auch dafür nicht mehr taugten. An den kleinen Kindern hatte die SS überhaupt kein Interesse, sie überlebten eine Weile bei den Müttern, solange diese ihre Kinder noch schützen konnten, manchmal wurden sie versteckt oder als älter ausgegeben, um sie arbeiten zu lassen und dadurch vor der Ermordung zu schützen. Je jünger die Kinder waren, desto chancenloser waren sie. Im Frauenlager Ravensbrück zum Beispiel, dessen Geburtenbuch 522 Geburten verzeichnet, verfügte die SS, alle Neugeborenen gleich nach der Geburt zu töten, berichtete Wiebke Hiemesch. M.A. (Institut für Sozial- und Organisationspädagogik, Universität Hildesheim), die in Leipzig insbesondere zu Kindern im KZ Ravensbrück referierte (5). Größere Kinder, denen es gelang, sich durchzuschlagen und den Übergriffen und Ermordungsaktionen des Wachpersonals zu entgehen, alterten schnell: „Wir waren keine Kinder. Wir waren kleine Greise noch bevor wir älter wurden“, zitierte Hiemesch eine ihrer Interviewpartnerinnen aus dem KZ Ravensbrück.

Insgesamt sollen über eine Million jüdischer Kinder ermordet worden sein. Eine „vage Schätzung“ (Hiemesch). Ganz eindeutig ist allerdings die ideologische Zielvorgabe der Nationalsozialisten. Heinrich Himmler formulierte sie in einer Rede am 6. Oktober 1943 vor Reichs- und Gauleitern in Posen so: „Es trat an mich die Frage heran: Wie ist es mit den Frauen und Kindern? Ich habe mich entschlossen, auch hier eine ganz klare Lösung zu finden. Ich hielt mich nämlich nicht für berechtigt, die Männer auszurotten – sprich also, umzubringen oder umbringen zu lassen – und die Rächer in Gestalt der Kinder für unsere Enkel und Söhne groß werden zu lassen. Es musste der schwere Entschluss gefasst werden, dieses Volk von der Erde verschwinden zu lassen.“

Identitätswechsel um zu überleben

Eine Möglichkeit als jüdisches Kind in Polen zu überleben, war der Identitätswechsel: Kinder veränderten mithilfe der Eltern ihr Äußeres, ließen sich taufen, nahmen katholische Gebräuche an und lebten bei christlichen Familien oder in Klöstern. Der Identitätswechsel wurde oft derart gründlich gelebt, dass sich Kinder ihrer Identität schließlich nicht mehr sicher waren. Viele verbargen auch nach dem Krieg noch ihre wahre Identität, um nicht aufzufallen. Zu diesem, auch psychologisch spannenden Thema promoviert Marta Ansilewska-Lehnstaedt M.A. (HU Berlin). In Leipzig referierte sie zu der gleichfalls psychologisch orientierten Frage, wie jüdische Kinder ihre Eltern während des Holocaust wahrnahmen. Waren das wirklich „starke Mütter, schwache Väter“, wie die Referentin nahelegte (und es sogleich bezweifelte)? Wahrgenommen wurde zumindest, dass die Mütter anwesend und die Väter abwesend waren. Doch die „starken“ Mütter erwiesen sich oft als ratlos, doch immerhin, sie „taten“ etwas, während der Vater allenfalls als Legende „anwesend“ war. Manchmal durchaus wirksam, wie eine Überlebende des Warschauer Ghettos, deren Mutter und Bruder 1942 ermordet worden waren, bekundet: „Dieser Gedanke (an den Vater) hat mich während der Versteckzeit am Leben erhalten.“

Die kindlichen Opfer des Holocaust seien lange nicht als Opfer im engeren Sinne angesehen worden, bedauert Ansilewska-Lehnstaedt und sprach damit ein Problem an, das für viele dieser Kriegskinder aus dem Osten, die in der Leipziger Tagung zitiert wurden, gelten könnte. Die von Ansilewska-Lehnstaedt befragten Überlebenden, die in Krieg und Holocaust noch Kinder waren, seien alle „irgendwie gestört“, hat sie beobachtet. Die Kinder, deren Eltern ermordet wurden, hätten nach dem Krieg große Schwierigkeiten gehabt, normale soziale Beziehungen anzuknüpfen.

Kriegskinderforschung mit fachübergreifendem Denken

Die Forschung zu den Kriegskindern stützt sich ganz erheblich auf Interviews mit Zeitzeugen. Wie aber steht es um die Erinnerung der alt gewordenen Kinder? Kinder erinnern anders, vermerkte Professor Steinert. Erinnern aber auch Erwachsene, die sich in ihre Kindheit versetzen, „anders“ oder gemäß ihrer Lebenserfahrung nach der Kindheit? Solche Fragen gehören zum täglichen Geschäft von Psychotherapeuten und -analytikern. Historiker und Sozialwissenschaftler tun daher gut daran, sich mit diesen hin und wieder zusammenzusetzen. Die Referate auf der Leipziger Tagung ließen immerhin erkennen, dass die Kriegskinderforschung zu fachübergreifendem Denken anregt und den analytischen Sinn der Forscher geschärft hat. In diesem Sinne setzte sich zum Beispiel Hiemesch mit der Vorgehensweise des Interviewers bei sozialwissenschaftlichen Interviews auseinander. Sie empfahl, sich der Grenze zwischen Erfahrbarkeit und Nicht-Erfahrbarkeit in Interviews mit traumatisierten Opfern selbstkritisch bewusst zu sein und hierfür „zwischen dem dargestellten erlebten Ereignis und der Art und Weise dieser Darstellung“ zu unterscheiden. Auf beiden Ebenen zeige sich der Versuch, die erinnerten Erlebnisse, deren überwältigende Kraft noch immer vorhält, in einen Zusammenhang zubringen, um sie dem Gegenüber darzustellen.

Historiker haben natürlich auch ihre bewährten Instrumente zur Hand: Steinert verlangte, dass Selbstzeugnissen als historischen Quellen mit der gleichen „rigiden Quellenkritik“ zu begegnen sei wie offiziellen Dokumenten. Aussagen von Zeitzeugen können dabei mit Quellen aus den Archiven abgeglichen werden. Falls diese Quellen fließen. Das ist bei der Kriegskinderforschung nicht immer gegeben. Insbesondere nicht, was die besetzten Gebiete im Osten angeht. Die Archivsituation für das deutsche Sanitätswesen wie auch die Wehrmacht in der Phase ihres Rückzugs sei „äußerst dürftig,“ bemerkt Yuliya von Saal. Recherchen auch in den Archiven ehemaliger GUS-Staaten seien sicher unumgänglich.

Norbert Jachertz

1.
Johannes-Dieter Steinert: „Deportation und Zwangsarbeit. Polnische und sowjetische Kinder im nationalsozialistischen Deutschland und im besetzten Osteuropa 1939–1945“. Essen (Klartext) 2013.
2.
www.zwangsarbeit-archiv.de
3.
Vgl. auch „Kriegskinder“, Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge. Allgemeine Reihe, Band 18: 107ff.
4.
Vgl. zum Beispiel Erinnerungen von 17 Zeitzeugen, in: Projektgruppe Belarus (Hrsg.): „Dann kam die deutsche Macht. Weißrussische Kinderhäftlinge in deutschen Konzentrationslagern 1941–1945“, Köln 1999, sowie Wladimir Rudyuk: „Sowjetische Kinder als Blutspender für die deutsche Wehrmacht“, in: Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte. April 2003; Nr. 41/42: 285–95.
5.
Dazu auch: Wiebke Hiemesch: „Kinder in nationalsozialistischen Zwangslagern“, in: „Fremde Heimat“, herausgegeben von Julia Berlit-Jackstien et al. Hannover: Verlag Hahnsche Buchhandlung 2015.
1.Johannes-Dieter Steinert: „Deportation und Zwangsarbeit. Polnische und sowjetische Kinder im nationalsozialistischen Deutschland und im besetzten Osteuropa 1939–1945“. Essen (Klartext) 2013.
2.www.zwangsarbeit-archiv.de
3. Vgl. auch „Kriegskinder“, Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge. Allgemeine Reihe, Band 18: 107ff.
4. Vgl. zum Beispiel Erinnerungen von 17 Zeitzeugen, in: Projektgruppe Belarus (Hrsg.): „Dann kam die deutsche Macht. Weißrussische Kinderhäftlinge in deutschen Konzentrationslagern 1941–1945“, Köln 1999, sowie Wladimir Rudyuk: „Sowjetische Kinder als Blutspender für die deutsche Wehrmacht“, in: Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte. April 2003; Nr. 41/42: 285–95.
5.Dazu auch: Wiebke Hiemesch: „Kinder in nationalsozialistischen Zwangslagern“, in: „Fremde Heimat“, herausgegeben von Julia Berlit-Jackstien et al. Hannover: Verlag Hahnsche Buchhandlung 2015.

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