ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2016Neue Arzneimittel: Die Preispolitik soll sich ändern

POLITIK

Neue Arzneimittel: Die Preispolitik soll sich ändern

Dtsch Arztebl 2016; 113(6): A-210 / B-182 / C-182

Osterloh, Falk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Nach vielstimmiger Kritik will die Bundesregierung das AMNOG-Verfahren umgestalten. Von den geplanten Änderungen wären auch Ärzte betroffen.

Foto: Fotolia/Kaesler Media
Foto: Fotolia/Kaesler Media

Ein gesundheitspolitisches Gesetzgebungsverfahren jagte in dieser Legislaturperiode das nächste. Allein im Arzneimittelbereich blieb es ruhig. Man wolle erst das Ende des Pharmadialogs abwarten, hieß es aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium. Seit Ende des Jahres 2014 trafen sich dabei Politiker mit Vertretern der Pharmabranche und der Wissenschaft hinter verschlossenen Türen, um „den Standort Deutschland für Forschung und Produktion zu stärken“. Der Pharmadialog ist nun beendet. Und es verdichten sich die Hinweise, dass der Gesetzgeber in dieser Legislaturperiode noch Neuregelungen im Arzneimittelbereich beschließen wird – konkret am Verfahren gemäß Arznei­mittel­markt­neuordnungs­gesetz (AMNOG).

Anzeige

Zu hohe Preise

Seit 2011 müssen Pharmafirmen Dossiers für neue Arzneimittel erstellen, auf deren Grundlage der Gemeinsame Bundes­aus­schuss eine frühe Nutzenbewertung durchführt. Im Anschluss verhandelt der Hersteller mit dem GKV-Spitzenverband den Betrag, den die Krankenkassen ab dem zweiten Jahr nach Markteintritt bezahlen. Im ersten Jahr gilt der vom Hersteller selbst festgelegte Preis.

Eben diese Regelung ist den Krankenkassen ein Dorn im Auge. Viel zu hoch seien die Preise im ersten Jahr, kritisieren sie und fordern, dass der ausgehandelte Erstattungsbetrag rückwirkend ab dem Markteintritt gilt. Die Pharmaindustrie ist aus anderen Gründen unzufrieden. Denn der Erstattungsbetrag wird in der sogenannten Lauer-Taxe veröffentlicht, und zahlreiche Länder nutzen ihn, um den Preis im eigenen Land festzulegen. Ist der Preis in Deutschland niedrig, ist er es auch in diesen Ländern. Viele Hersteller bringen ihr Medikament aus diesem Grund in Deutschland gar nicht erst auf den Markt.

Auch die Ärzteschaft übt Kritik am AMNOG-Verfahren. Sie beanstandet, dass der Zusatznutzen von Arzneimitteln gegen seltene Krankheiten, den Orphan Drugs, bereits mit der Zulassung als nachgewiesen gilt – zumindest bei Medikamenten, deren Jahresumsatz 50 Millionen Euro nicht übersteigt. Diese Regelung sei falsch, sagt zum Beispiel der Vorsitzende der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig. Denn unter den Orphan Drugs befänden sich auch Arzneimittel, deren Zusatznutzen gegenüber verfügbaren Vergleichstherapien keinesfalls nachgewiesen sei.

Die gesammelte Kritik hat die Bundesregierung veranlasst, das Verfahren nachzujustieren. Dabei will sie auch die Forderungen der Ärzteschaft berücksichtigen. Der GKV-Spitzenverband habe vor kurzem nachgewiesen, dass Orphan Drugs häufig nur einen geringen oder keinen Zusatznutzen aufweisen, erklärte die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Hilde Mattheis, und forderte: Wenn überteuerte Produkte angeboten würden, müssten Rückerstattungen an die Krankenkassen möglich sein.

Angst vor Regressen

Der CDU-Bundestagsabgeordnete und Arzneimittelexperte Michael Hennrich brachte zudem eine Lockerung der Vorgaben bei neuen Arzneimitteln ohne Zusatznutzen ins Gespräch. Derzeit dürfen diese Medikamente nicht teurer sein als die Standardtherapie, mit der das Medikament bei der Nutzenbewertung verglichen wurde. Das sind häufig Generika. Gibt es mehrere Vergleichstherapien, darf das neue Mittel nicht teurer sein als die „wirtschaftlichste“ unter ihnen. Es könne sein, dass diese Regelung geändert wird, meinte Hennrich Mitte Januar auf einem Symposium der Gesellschaft für Recht und Politik im Gesundheitswesen in Berlin.

Um die „unglaubliche Entwicklung“ in der Onkologie auf Dauer finanzieren zu können, stelle sich zudem die Frage, ob die Versorgung mit neuen hochpreisigen Onkologika nur in speziellen Zentren erfolgen solle. Ein weiteres Problem sei, dass manche Ärzte neue Arzneimittel mit Zusatznutzen aus Angst vor Regressen nicht verordneten. Hennrich sprach sich dafür aus, „dass die Praxissoftware dem Arzt künftig anzeigt, ob ein neues Arzneimittel wirtschaftlich ist oder nicht“.

Falk Osterloh

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.