SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Im Restaurant

Dtsch Arztebl 2016; 113(6): [56]

Böhmeke, Thomas

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Unterwegs in Bayern lasse ich mir in einem heimeligen Braustüberl eine landestypische Haxe schmecken, gekrönt von einem Glas Weißbier. Das Lokal ist überaus gut frequentiert, neben mir sitzt ein älteres Paar, dessen männlicher Anteil, die verbale Kommunikation betreffend, offensichtlich den Part des ewigen Rezipienten übernommen hat, vulgo: Er hält konsequent seine Klappe.

„Das kannst du dir nicht vorstellen“, so seine graumelierte weibliche Begleitung, „also so eine Prozedur, da kann ich nur jedem raten, die niemals mitzumachen! Erst musste ich diese Flüssigkeit trinken, die schmeckt wie Seife in Spülwasser, bis hinten nur noch so eine trübe gelbe Flüssigkeit ’rauskam!“ Kontemplativ schaue ich in mein Weißbierglas und beschließe, mir meine kleinen kulinarischen Freuden nicht durch aufkeimende Assoziationen vermiesen zu lassen, die mir lautstark vom Nachbartisch oktroyiert werden. „Was habe ich da durchgemacht! Vom ständigen Putzen mit dem Papier war ich ganz wund gescheuert, da war alles puterrot!“ Bedächtig gleitet mein Messer durch die schmackhafte Kruste und legt leckeres Haxenfleisch frei, das mutmaßlich eine ähnliche farbliche Gestaltung aufweist wie die lauthals beklagten dermalen Sekundärveränderungen meiner Mitesserin am Nachbartisch.

Für einen kurzen Moment ertappe ich mich bei dem Gedanken, mit welch akrobatischen Verrenkungen besagte Dame die beklagten Hautläsionen in Augenschein genommen hat. „Dann haben die diesen Schlauch eingeführt, da wo vorne die Kamera drauf ist, das kannst du dir nicht vorstellen, wie dick der ist!“ Kurz meldet sich das Protestzentrum in meinem Gehirn, verlangt nach Einmischung in die benachbarte Konversation, um über die technischen Einzelheiten fiberoptischer Systeme aufzuklären. Mein Komplikationszentrum mahnt jedoch, sich tunlichst nicht als Sachkundiger zu outen und sich lieber hingebungsvoll der Haxe zu widmen. „Und wie lang der ist! Ich habe immer gedacht, mein Darm sei ganz kurz, weil ich immer Verstopfung habe!“

Ich schaue mich um und stelle fest, dass auch an anderen Tischen die Einzelheiten der Durchführung einer Koloskopie nicht mit gleicher Begeisterung wie die dargebotenen Speisen goutiert werden; ich meine sogar in den Augen anderer Mitesser den Wunsch abzulesen, dass besagte Dame doch für einen kurzen Moment eine Durchblutungsstörung des Sprachzentrums ereilen möge, verwerfe jedoch diese schändliche Verdachtsdiagnose sofort wieder. „Dass die keine Knoten reinmachen, wenn die das reinstopfen! Nicht auszudenken, wie das wäre, wenn die diesen schwarzen Schlauch mit Gewalt aus mir rausziehen müssten!“ Meine endoskopischen Aktivitäten liegen zwar schon etliche Jahre zurück, aber schon damals schien es mir unmöglich zu sein, mit Endoskopen einen festen Knoten zu knüpfen. „Die würden dann einfach meinen Darm mit ’rausziehen! Kannst du dir eigentlich vorstellen, wie ich dann aussehen würde?!“

Offenbar folgt ihr bislang sprachloser Gesprächspartner der unerbittlich an ihn herangetragenen Aufforderung, diese eigentlich unmögliche Komplikation zu visualisieren. Er tut dies offensichtlich ziemlich gründlich, weil er zunehmend blass wird und dann ganz langsam zur Seite kippt. „Ein Arzt! Ein Arzt!“ kreischt die Graumelierte. Mist. Jetzt bin ich gefordert, jetzt kann ich mich nicht mehr ’raushalten. Und ich habe ein Problem: Der Mann wird schnell wieder ansprechbar sein, aber wie kriege ich die Dame zum Schweigen?!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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