ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2016Globaler Gesundheitsnotstand: WHO – Mal zu spät, mal zu früh?

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Globaler Gesundheitsnotstand: WHO – Mal zu spät, mal zu früh?

Dtsch Arztebl 2016; 113(6): A-203 / B-175 / C-175

Zylka-Menhorn, Vera

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Dr. med. Vera Zylka-Menhorn, Ressortleiterin Medizinreport
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn, Ressortleiterin Medizinreport

Die Zeitabstände, in denen die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) den globalen Gesundheitsnotstand ausruft, werden kürzer. 2009 war die „Schweinegrippe“ Auslöser für diese Maßnahme, 2014 die Ebola-Epidemie in Westafrika und am 1. Februar das in Lateinamerika grassierende Zikavirus. Im Fall von Ebola warfen Kritiker der WHO vor, viel zu spät gehandelt zu haben. Massives Versagen lautete wieder einmal die Diagnose. Die jüngste Entscheidung erachtet die Öffentlichkeit hingegen als übereilt oder sogar überzogen, da beide Infektionskrankheiten in der allgemeinen Wahrnehmung nicht vergleichbar sind: Krankheiten wie Ebola, bei denen die meisten Patienten innerhalb von wenigen Tagen sterben, werden als massive Bedrohung empfunden. Das Zikavirus mit milden Infektionsverläufen erscheint demgegenüber eher banal. Nur eine von fünf infizierten Personen entwickelt für wenige Tage einen Hautausschlag, Fieber, Gelenkschmerzen und/oder Konjunktivitis.

Dennoch besteht nicht nur aus Sicht der WHO, sondern auch vieler Infektiologen akuter Handlungsbedarf für ein international konzertiertes Vorgehen. In Brasilien werden ungewöhnlich viele Kinder mit Mikrozephalie geboren; derzeit sind 4 200 Verdachtsfälle gemeldet. Der Zusammenhang mit dem Zikavirus, das über Tiger-Mücken übertragen wird, liegt nahe, bedarf aber eines wissenschaftlichen Beweises. Brasilien hat aber nur ein Referenzzentrum, das eine Zikavirus-Infektion serologisch diagnostizieren kann.

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Ein weiteres Problem ist eine bestehende Kreuzreaktivität mit Antikörpern, die gegen das Denguevirus gerichtet sind. Es könnte also sein, dass sich hinter vielen vermeintlichen Denguevirus-Infektionen das Zikavirus verbirgt. Sein direkter Nachweis ist zwar Standard, doch Zika ist ein „flüchtiges“ Virus, das bei Erkrankten nur kurz und schwach nachweisbar ist.

Nachdem nun auch noch belegt wurde, dass das Zikavirus – 1947 in Uganda entdeckt und über Zwischenstationen in Südostasien und Französisch-Polynesien auf dem südamerikanischen Kontinent gelandet – durch ungeschützten Geschlechtsverkehr übertragen werden kann, ist seine weitere rapide Ausbreitung sehr wahrscheinlich.

Um eine Pandemie zu vermeiden und die vielen ungeklärten medizinischen Fragen zu klären, bedarf es eines international koordinierten Vorgehens. Dafür liefert der „globale Gesundheitsnotstand“ die entsprechenden Voraussetzungen und die Legitimation. Er ist (sinngemäß) definiert als eine Situation, die ernst, ungewöhnlich oder unerwartet ist, Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit mehrerer Staaten hat und eine sofortige internationale Aktion erforderlich macht.

Nun mag man kritisieren, dass die Definition sehr weit gefasst ist und Vor- oder Zwischenstufen fehlen. Nach Angaben von Dr. med. Mathias B. Bonk, Global Health Consultant, wurden diese zwar kürzlich vom WHO-Executive Board diskutiert. Sie können aber frühestens bei der World Health Assembly im Mai in Kraft gesetzt werden.

Unter Berücksichtigung der Faktenlage ist das jetzige Handeln der WHO angemessen. Wahrscheinlich wird der nächste globale Gesundheitsnotstand nicht lange auf sich warten lassen. Denn Klimawandel, Welthandel und Tourismus begünstigen die Ausbreitung von von vektorübertragenen Infektionskrankheiten in einem nicht gekannten Ausmaß.

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Ressortleiterin Medizinreport

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Avatar #697854
Dr.Bayerl
am Sonntag, 21. Februar 2016, 23:09

ach nee, der Klimawandel?

ich warte immer noch auf die versprochenen Palmen in Helgoland.
Avatar #110206
kairoprax
am Sonntag, 21. Februar 2016, 19:09

Sind Fehlbildungen bei Säuglingen durch Zika-Viren oder Insektengift augelöst worden?


Seitdem die WHO den "weltweiten Gesundheutsnotfalls" ausgerufen hat, wird so getan, als sei sicher, daß die Mikroenzephalien in Brasilien durch Zika-Viren ausgelöst wurden.

Wie die New York Times am 3.Februar schrieb, waren nach den Analysen des brasilianischen Ge­sund­heits­mi­nis­teriums aber nur 17 der bis dahin untersuchten 404 Fällen von Mikrozephalien Zika-positiv waren.

Argentinische Ärzte (www.REDUAS.com.ar) haben alternativ zu Zika das Insektengift Pyriproxyfen ins Spiel gebracht. Pyriproxyfen ist ein Pflanzengift des japanischen Herstellers Sumitomo, der ein Partner von Monsanto sein soll.

Warum schreibt das Deutsche Ärztebnlatt nicht darüber, daß die brasilianische Lokal-Regierung in Rio Grande do Sul bereits vor 1 Woche (13.2.2016) beschlossen hat, die Verwendung von Pyriproxyfen vorerst zu beenden?

Am 16.2. lief hierzu ein Bericht in SWR1:

http://www.swr.de/swr1/bw/ratgeber/fehlbildungen-bei-saeuglingen-wer-hat-schuld-zika-virus-oder-insektengift/-/id=446380/did=16960124/nid=446380/4o0qdf/index.html

Es dürfte damit an der Zeit sein, diese anhaltende Debatte, ob Zika über den Geschlechtsakt übertragen werden kann, und warum es noch keinen Impfstoff gegen Zika gibt zu erweitern um die Frage, was tatsächlich die Ursache der Mikroenzephalien sein kann.

Das Deutsche Ärzteblatt kann sich nicht erlauben, niocht eines der ersten zu sein, die auf mögliche Schäden hinzuweisen. Die WHO und das deutsche Amt für Risikobewertung bekleckern sich nicht eben mit Ruhm, wenn es um die kritische Betrachtung der möglichen Schäden durch Pflanzen- und Insektengifte geht.

Dr. Karlheinz Bayer
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 13. Februar 2016, 14:10

WHO - Abschied von einer "Gesundheits"-Definition zwingend!

Spätestens hier wird klar, dass die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) s e l b s t sich endlich von ihren völlig irregeleiteten Gesundheits- und Krankheits-Begrifflichkeiten verabschieden muss:

„Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“ [„Health is a state of complete physical, mental and social wellbeing and not merely the absence of disease or infirmity.”]

Diese Definition scheint mir angesichts demografisch zunehmender, globaler Krankheiten, chronischer Leiden, Krebs, Infektionen mit Epidemien, Endemien und Multiresistenzen, Morbidität und Sterblichkeit, aber auch in Anbetracht von Kriegen, Terrorismus, Fundamentalismus, Umweltgefährdung und -zerstörung, Bedrohungen, Verkehrskollaps, Ressourcenverbrauch, Migration und Flucht bzw. Naturkatastrophen, Unterernährung und Armuts-Elend eher einem die Realität verleugnenden Katechismus von "Gesundbetern" entlehnt.

Mit der Realität von Krankheitsbewältigungs-Strategien ("coping"), Versorgung, Forschung und Entwicklung, Sterblichkeit, Armut, Not, Behinderung und Mangelzuständen hat diese WHO-Definition nicht mehr das Geringste zu tun.

Beim Krankheits-Alarmismus will die WHO allerdings paradoxerweise immer in der ersten Reihe stehen: Ob „Vogelgrippe“, „Schweinegrippe“, Ebola-Epidemie in Westafrika und jetzt das Zikavirus in Lateinamerika, plötzlich ist eine eher verträumte „Gesundheitsorganisation“ von echten Krankheitsverläufen scheinbar tief betroffen: O h n e jemals auf die vergleichbar qualitativ und quantitativ viel dramatischeren Multimorbiditäten bzw. exogen und endogen bedingte Sterblichkeitsverläufe zu achten. Zigtausende Menschen ertrinken auf der Flucht im Mittelmeer, erfüllen aber kurz zuvor noch viele wesentliche „Gesundheitskriterien“ der WHO.
Ich bedaure sehr, hierzu keinen freundlicheren Kommentar schreiben zu können!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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