ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2016Ende der Ebola-Epidemie: Jetzt herrscht der normale Mangel

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Ende der Ebola-Epidemie: Jetzt herrscht der normale Mangel

Mohme, Martin

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11 000 Menschen fielen in Westafrika der Ebola-Epidemie zum Opfer, 3 900 allein in Sierra Leone. Viele weitere starben und sterben, weil es eine normale medizinische Versorgung nicht gibt.

Ausbildung am OP-Tisch: Die German Doctors qualifizieren einheimisches Personal. In Sierra Leone kommt ein Chirurg auf 630 000 Einwohner. Fotos: Martin Mohme
Ausbildung am OP-Tisch: Die German Doctors qualifizieren einheimisches Personal. In Sierra Leone kommt ein Chirurg auf 630 000 Einwohner. Fotos: Martin Mohme

In Serabu regnete es am 7. November 2015 in Strömen. Es war der Tag, an dem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Sierra Leone für ebolafrei erklärte. Die internationalen Hilfsorganisationen hatten ihre Teams schon weitgehend abgezogen. Die Kamerateams und Journalisten waren längst verschwunden, als die Krankenhausleitung des Serabu Community Hospital im Südwesten des Landes der Belegschaft das Ende der Epidemie verkündete und die Änderungen der Sicherheitsmaßnahmen erklärte.

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Die Gefahrenzulage fällt weg

Der Jubel blieb aus. Vom Gefühl der Menschen hier im Distrikt von Bo, in dem Serabu liegt, war Ebola schon länger vorbei. Der letzte Erkrankungsfall war 200 Tage zuvor aufgetreten. Aber jetzt fiel mit dem offiziellen Ende der Epidemie für die Mitarbeiter die Gefahrenzulage weg. Und das angesichts steigender Preise für Reis, das Hauptnahrungsmittel in Sierra Leone. Denn wegen der Ausgangssperren während der Epidemie durften die Wanderarbeiter, die den Reis pflanzen, nicht reisen. So war 2015 deutlich weniger Reis angebaut worden als in den Jahren zuvor. Eine geringere Ernte würde zugleich bedeuten, dass die Reispreise steigen in diesem Land, in dem 77 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze von einem Dollar pro Tag leben.

Die Mitarbeiter des Serabu Community Hospital waren ein wenig müde und ein wenig stolz. Das Krankenhaus war das einzige in Sierra Leone, das während der Epidemie nicht geschlossen werden musste – dank ihrer Klugheit, Umsicht, Disziplin und nicht zuletzt auch dank ihrer Risikobereitschaft.

1957 von irischen Ordensfrauen gegründet, wurde das Krankenhaus im Bürgerkrieg (1991 bis 2002) von den Rebellen der Revolutionary United Front (RUF) bis auf die Grundmauern niedergebrannt. An allen, die nicht schnell genug fliehen konnten, verübte die RUF grausame Verbrechen. Von 2006 bis 2008 wurde das Hospital mit Geld der Europäischen Union wieder aufgebaut und 2009 eröffnet. Damals arbeitete dort ein siebzigjähriger, sehbehinderter sierra-leonischer Arzt, der den Krieg überlebt hatte und tat, was er konnte. Seit 2010 leistet die Hilfsorganisation German Doctors dort Hilfe.

Patienten von überall

Das Serabu Community Hospital hat heute 150 Betten und 92 Mitarbeiter, behandelt pro Monat rund 300 Patienten stationär und 1 200 ambulant. Offiziell versorgt Serabu die 50 000 Einwohner des Chiefdoms Bumpeh Ngao im Distrikt Bo. Aber da in den Nachbarbezirken Bonthe und Moyamba die medizinische Versorgung brachliegt, kommen die Menschen auch von dort. Patienten kommen auch von den der Mangrovenküste vorgelagerten Inseln, sind dafür manchmal bei katastrophalen Verkehrsbedingungen zwei Tage unterwegs. Andere kommen aus der Provinzhauptstadt Bo, wo es eigentlich ein staatliches Krankenhaus gibt, oder sogar aus der Hauptstadt Freetown, wo es mehrere große Krankenhäuser gibt, weil sie dort nicht die medizinische Hilfe finden, die sie benötigen.

Etwa ein Drittel der Patienten in Serabu sind Kinder. Unterernährung, Malaria und Durchfallerkrankungen, oft in Kombination, sind die häufigsten Erkrankungen. Die Kindersterblichkeit in Sierra Leone ist mit 120 Todesfällen pro 1 000 Lebendgeborenen (Deutschland: 4 Todesfälle/1 000 Lebendgeborene) eine der höchsten der Welt. Im Hospital sterben trotz intensiver Bemühungen ein bis zwei Kinder pro Tag. Die Behandlung der unter Fünfjährigen ist kostenlos.

Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt im Krankenhaus ist die Geburtshilfe. Sierra Leone hat mit 890 Todesfällen pro 10 0000 Lebendgeborenen (Deutschland 4/10 0000) auch eine der höchsten Müttersterblichkeiten der Welt. Dabei ist auch die Behandlung der Schwangeren und Mütter kostenfrei. Um die Schwangerenvorsorge zu verbessern, werden Dorfgesundheitshelfer ausgebildet, die vor Ort in Gesundheitsstationen arbeiten. Doch wie vermittelt man die Prinzipien der Schwangerenvorsorge angesichts einer Analphabetenrate zwischen 60 und 70 Prozent? Ganz einfach: in Form traditioneller Tänze und Gesänge in ihrer Muttersprache Mende.

Aufgrund der Armut, der langen Wege und traditioneller Krankheitsvorstellungen kommen die Patienten oft nach abenteuerlichen Odysseen mit weit fortgeschrittenen Erkrankungen, wie man sie in Europa nicht sieht, ins Hospital: der über sieben Tage alten diffusen putriden Peritonitis durch Magenperforation, der inkarzerierten Skrotalhernie mit über zwei Metern vital gefährdetem Dünndarm. Wie geht man damit um, wenn man keine Möglichkeit der Intensivüberwachung, der Beatmung oder der parenteralen Ernährung hat? Wie geht man unter diesen Bedingungen mit einer massiven, diffusen hämorrhagisch-fibrinösen Peritonitis durch Perforation eines Ascaris lumbricoides in die freie Bauchhöhle um?

Voller Tatendrang: Joseph Senese, Augusta Palmer, Ibrahim Sesay und Michael Morlai Kamara (v. l.) durchlaufen ihre chirurgische Fortbildung mit der norwegischen Organisation Capacare.
Voller Tatendrang: Joseph Senese, Augusta Palmer, Ibrahim Sesay und Michael Morlai Kamara (v. l.) durchlaufen ihre chirurgische Fortbildung mit der norwegischen Organisation Capacare.

Zurzeit müssen die Patienten zum Röntgen von Serabu nach Bo gebracht werden. Das bedeutet bei den katastrophalen Straßenverhältnissen einen Tag Reise und für Patienten mit Frakturen Folter. Darum ist die Anschaffung eines Röntgengerätes geplant. Dann wäre eine Frakturbehandlung mit Extension oder Fixateur externe möglich. Unter den gegenwärtigen Bedingungen gehen viele Menschen mit Knochenbrüchen zum traditionellen Heiler, der Kräuterpackungen appliziert. Ins Krankenhaus kommen sie erst, wenn die offene Fraktur infiziert ist. Da steht der Chirurg dann vor einem septischen Fünfzehnjährigen mit einer drittgradig offenen, infizierten Unterarmmehrfragmentfraktur. Soll er amputieren oder versuchen, den Arm zu erhalten?

Sierra Leone, auf Platz 181 von 188 des Human-Development-Index, hat bei einer Bevölkerung von 6,3 Millionen einhundert einheimische Ärzte, von denen 50 im Gesundheitsministerium in der Verwaltung arbeiten. Eine Medizinerausbildung ist kostspielig, und diejenigen, die zum Studium ins Ausland geschickt werden, kommen meist nicht zurück. Darum hat das Land vor einigen Jahren begonnen, in einer dreijährigen Ausbildung Communtity Health Officer (CHO) zu qualifizieren, die de facto ärztliche Tätigkeit ausüben. Solche CHO arbeiten auch im Serabu Community Hospital und werden dort aus- und fortgebildet.

Serabu ist Lehrkrankenhaus

In Sierra Leone kommt ein Chirurg auf 630 000 Einwohner. Darum führt die norwegische Organisation Capacare in Abstimmung mit dem Gesundheitsministerium ein dreijähriges Weiterbildungsprogramm für CHO in Chirurgie und Gynäkologie durch. Serabu nimmt als Lehrkrankenhaus an diesem landesweiten Ausbildungsprogramm teil. Für mich war die Zusammenarbeit mit den jungen Leuten, die im Rahmen dieses Kurses voller Optimismus und Tatendrang in Serabu arbeiteten, der Höhepunkt meines siebenwöchigen Einsatzes als Chirurg im Oktober und November letzten Jahres (www.german-doctors.de; bewerbung@german-doctors.de).

Während die Klimaanlage im OP bei 35 Grad im Schatten nicht immer funktioniert, gibt es fast immer flotte westafrikanische Rhythmen aus dem Radio zu hören. Wir operieren gerade eine Leistenhernie in Spinalanästhesie. Da höre ich jemanden singen. Ich gucke über das Tuch am Kopfende. Der Patient, ein junger Mann, singt. Ist doch schön, dass Radio Bo gerade jetzt, während er operiert wird, seine Lieblingshits spielt.

Dr. med. Martin Mohme

Expertengruppe einsatzbereit

Die von der Bundesregierung in Folge der Ebola-Epidemie in Westafrika angekündigte „Schnell einsetzbare Expertengruppe bei Gesundheitsgefährdungen“ (SEEG) ist einsatzbereit. Seit Januar steht ständig ein fünf Mitglieder umfassendes Kernteam bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit bereit. Darüber hinaus soll es eine größere Expertengruppe mit etwa 40 Mitgliedern für Einsätze geben.

Die deutsche Initiative fügt sich in die Bemühungen auf internationaler Ebene ein, die Prävention sowie das Management von potenziellen Gesundheitsgefährdungen zu verbessern. Die SEEG ist Teil des ebenfalls neu aufgebauten European Medical Corps. Beide unterstehen der Global Health Emergency Workforce, über die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) künftig die internationale Seuchenbekämpfung koordinieren soll, heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen (Drucksache 18/6864) von Dezember 2015. Die Bundesregierung habe sich außerdem für die Einrichtung eines WHO-Notfallfonds eingesetzt und bereits eine Million Euro eingezahlt. HK

Kommentare

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Dr.Wolfgang Otter
am Mittwoch, 24. Februar 2016, 13:25

Ausbildung im Community Hospital Serabu/Sierra Leone

Zum sehr informativen Übersichtsartikel von Dr. Martin Mohme, German Doctors e.V., muss eine Ergänzung gemacht werden.
Bis 2012 arbeitete im Hospital von Serabu ein "Nurse Anaesthetist", der aus Al
tersgründen (75J!) ausschied. Ausgebildete Nachfolger gab es keine.
Seit 2013 arbeiten deutsche Anästhesistinnen und Anästhesisten ehrenamtlich in Serabu und bilden CHOs aus. Der erste legte sein Examen in Theorie und Praxis vor dem Prüfungsausschuss in Freetown mit Erfolg ab.
In den Zeiten von Ebola hat dieser CHO die Anästhesien selbständig und eigenverantwortlich durchgeführt. Dadurch war die Versorgung von Notfällen, insbesondere von Kaiserschnittentbindungen, gewährleistet.
Der Wunsch nach Training, theoretischem Unterricht und Supervision ist bei allen CHOs sehr groß!
Ich habe 2013 für zehn Wochen im Hospital in Serabu gearbeitet und ausgebildet.
Unter schwierigen Bedingungen - Infrastruktur, Klima, Kultur - war in dem abgelegenen Hospital neben dem täglichen OP-Betrieb gemeinsam mit dem CHO auch eine chirurgische Station zu versorgen.
Nach wie vor werden Fachärztinnen und Fachärzte aus der Anästhesiologie gesucht die bereit sind, für einige Wochen im Hospital von Serabu zu arbeiten und zu unterrichten.

Kontakt: Einsatzplanung u. -organisation
Löbestraße 1a, 53173 Bonn (Bad Godesberg)
Tel. +49 (0)228 387597-12
E-Mail: info@german-doctors.de

Dr. med. Wolfgang Otter
Carlo-Mierendorff-Sir. 1 / 55268 Nieder-Olm / otterfamilie@hotmail.com
Tel. +49 (0) 151 27129781
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