ArchivDeutsches Ärzteblatt22/1999Diabetes-Forschung: In Zukunft Tablette statt Insulinspritze

SPEKTRUM: Akut

Diabetes-Forschung: In Zukunft Tablette statt Insulinspritze

Dtsch Arztebl 1999; 96(22): A-1452 / B-1234 / C-1107

Koch, Klaus

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LNSLNS Für die Gentechnikbranche ist es möglicherweise eine schlechte Nachricht, für insulinabhängige Diabetiker aber eine gute: Nach jahrzehntelanger Suche hat eine internationale Forschergruppe nun eine Substanz entdeckt, die die Insulin-Injektionen ablösen könnte. Wenn Mäuse den Wirkstoff schluckten, fiel der Glucosespiegel ähnlich wie bei Injektionen des Hormons. Dies beschreiben Forscher des Pharmakonzerns Merck und vom Karolinska Institut in Stockholm jetzt in "Science" (1999; 284, 974,). Der neuentdeckte Stoff stammt aus der Apotheke der Natur. Mehr als 50 000 Substanzen hatten die Forscher ausprobiert, bis sie in Labortests auf den vielversprechenden Extrakt eines Pilzes stießen. Diesen hatte eine Expedition des Konzerns auf einem Blatt mitgebracht, das sie in den Regenwäldern des Kongo eingesammelt hatte.


Die Entdeckung hat Optimismus ausgelöst. Sie zeigt, daß es zumindest nicht unmöglich ist, die täglich bis zu vier Insulin-Spritzen, die Diabetiker brauchen, durch eine "Pille" zu ersetzen. Allerdings steht bis zur praktischen Umsetzung noch viel Arbeit an. Derzeit erproben die Merck-Chemiker, ob sich die entdeckte Leitsubstanz selbst als Medikament eignet oder ob chemische Varianten noch wirksamer sind. Selbst wenn die Tests zur Sicherheit und Wirksamkeit eines Kandidaten reibungslos verlaufen sollten, kann es bis zur Marktreife eines "Pillen-Insulins" noch sieben bis zehn Jahre dauern. Die weitere Entwicklung wird wohl auch die Gentechnikbranche sehr genau mitverfolgen. Rekombinantes Insulin ist das meistverkaufte Produkt der Branche.


Einige Firmen arbeiten zur Zeit an veränderten Insulinen. Für diese Projekte würde ein "orales Insulin" ernsthafte Konkurrenz bedeuten. Die Entdeckung, daß Insulin prinzipiell durch eine niedermolekulare Substanz ersetzt werden könnte, mag auch für andere hormonbasierte Therapien wichtig sein. Nach den Studien imitiert die Substanz die Wirkung des Insulins, weil sie den Insulin-Rezeptor aktiviert, ohne dabei jedoch die Bindestelle des Hormons zu benutzen. Das macht die Substanz zu einem wissenschaftlichen Werkzeug, mit dem weitere wichtige Schaltstellen des Rezeptors charakterisiert werden können. Dieses Wissen könnte Hinweis für die Suche nach weiteren niedermolekularen Ersatzstoffen für Hormone liefern. Etwa 100 weitere HormonRezeptoren des Menschen sind ähnlich aufgebaut wie der Insulinrezeptor. Klaus Koch

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