ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2016Arznei­mittel­therapie­sicherheit: Förderung für Medikationspläne

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Arznei­mittel­therapie­sicherheit: Förderung für Medikationspläne

Osterloh, Falk

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Mit Mitteln aus dem Innovationsfonds sollen in Kürze Projekte zur Einrichtung eines Medikationsplans gefördert werden. Das Ziel: Mehr Sicherheit und niedrigere Ausgaben

Das Problem ist seit langem bekannt: Je mehr Arzneimittel ein Patient einnimmt, desto höher ist die Gefahr unerwünschter Arzneimittelwirkungen, kurz UAW. „6,5 Prozent aller Krankenhauseinweisungen sind darauf zurückzuführen. Zwei Prozent davon enden tödlich“, erklärte Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach, Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, Anfang Februar auf einer Veranstaltung der Techniker Krankenkasse (TK) in Berlin. Die Kosten dafür beliefen sich in Deutschland auf 400 Millionen Euro pro Jahr. 50 Prozent der UAW gelten jedoch als vermeidbar.

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Der Weg ist steinig

Das Problem wächst mit der steigenden Anzahl älterer multimorbider Menschen in der Gesellschaft kontinuierlich an. Deshalb beschäftigen sich viele Experten schon seit langem damit, die Arznei­mittel­therapie­sicherheit in Deutschland zu verbessern. Das angestrebte Ziel ist schnell umrissen: In einem Medikationsplan sollen alle Arzneimittel aufgelistet werden, die ein multimorbider Patient einnimmt. Kommt ein neues Medikament hinzu, können Wechselwirkungen erkannt werden. Der Weg dorthin hat sich hingegen als steinig erwiesen.

Ursprünglich sollte ein Medikationsplan ab dem Jahr 2006 auf der elektronischen Gesundheitskarte eingerichtet werden. Aktuell ist dafür das Jahr 2018 anvisiert. Zugleich wird in verschiedenen Modellprojekten an einem Medikationsplan gearbeitet, zum Beispiel in dem Projekt Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen (ARMIN) oder in dem von der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft koordinierten „Aktionsplan für die Verbesserung der Arznei­mittel­therapie­sicherheit in Deutschland“.

In Kürze werden weitere Modellprojekte hinzukommen – finanziert mit Geldern aus dem Innovationsfonds. Dessen Einrichtung hatte die Bundesregierung im vergangenen Jahr mit dem Versorgungsstärkungsgesetz bestimmt. Mit 225 Millionen Euro sollen in den Jahren 2016 bis 2019 neue Versorgungsformen finanziell gefördert werden. Welche Projekte Geld erhalten, wird der neu eingerichtete Innovationsausschuss in Kürze entscheiden.

„Auf der Agenda des Innovationsausschusses steht die Arznei­mittel­therapie­sicherheit an erster Stelle“, betonte der unparteiische Vorsitzende des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses, Josef Hecken, auf der TK-Veranstaltung. Ziel müsse es sein, dass derjenige einen Überblick über die Medikation eines Patienten erhält, der ein neues Arzneimittel verordnet. Hecken sprach sich dabei gegen Modelle aus, bei denen der Hausarzt oder die Stammapotheke eines Patienten den Überblick über den Medikationsplan hat. Denn es sei nicht gewährleistet, dass der Patient seinen Hausarzt oder seinen Apotheker stets über die Einnahme neuer Medikamente informiere.

Stattdessen befürwortete Hecken, dass die entsprechenden Informationen direkt elektronisch an einem Ort zusammengeführt werden, zum Beispiel bei der Krankenkasse. Die könne dann umgehend kontrollieren, ob unerwünschte Arzneimittelwirkungen zu erwarten sind. „Dabei geht es nicht darum, dass die Kasse den Arzt kontrolliert“, betonte Hecken. Um dies zu verhindern, könnten die Daten des Arztes auch anonymisiert werden.

In diesem Zusammenhang forderte er, dass die Patienten eine Zusammenführung ihrer Daten nicht verweigern dürften. Wer sich auf die Solidargemeinschaft verlasse, müsse auch alles in seiner Macht Stehende tun, um unnötige Erkrankungen abzuwenden.

Es geht um Milliardenbeträge

Es ist Heckens erklärtes Ziel, dass eines der geförderten Modellprojekte am Ende in die Regelversorgung überführt wird. Nicht zuletzt spare das Geld. „Heute sind wir glücklich, wenn wir irgendwo noch 300 Millionen Euro aus dem System herausquetschen, ohne die Versorgung zu verschlechtern“, so Hecken. „Aber hier geht es um Milliardenbeträge, die wir sparen können, indem wir Einweisungen in Krankenhäuser oder in Pflegeheime vermeiden.“

Falk Osterloh

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