THEMEN DER ZEIT

Demenzerkrankungen: „Die Zeit des Nihilismus ist vorbei“

Dtsch Arztebl 2016; 113(6): A-224 / B-192 / C-191

Bühring, Petra

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Neurologen und Psychiater haben die überarbeitete S3-Leitlinie „Demenzen“ vorgestellt. Wissenschaftlich belegte Therapieoptionen sollten stärker genutzt und gleichzeitig weniger sinnvolle Maßnahmen unterbunden werden.

Demenzerkrankungen sind in der Medizin ein relatives Stiefkind und werden in der Hälfte der Fälle in der Versorgung nicht erkannt“, sagte Prof. Dr. med. Wolfgang Maier, Bonn, stellvertretend für die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). „Viele Ärzte haben auch Vorurteile in dem Sinne, dass die Erkrankung nicht behandelt werden kann.“ Mit der Veröffentlichung der überarbeiteten S3-Leitlinie „Demenzen“ will die Fachgesellschaft zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) die Botschaft senden, dass Alzheimer-Demenz, die zwei Drittel der Fälle ausmacht, und andere Demenzformen zwar nicht heilbar, aber gut zu diagnostizieren und zu verbessern seien.

Früherkennung ist möglich

„Die Zeit des therapeutischen und diagnostischen Nihilismus ist vorbei“, sagte Prof. Dr. med. Jörg Schulz, Aachen, stellvertretend für die DGN. „Wenn die fachlich richtigen Methoden gewählt werden, können Alzheimer-Erkrankungen mit einer Vorhersagestärke von 85 bis 90 Prozent prognostiziert werden.“ Es gebe Marker, die mit neuropsychologischen Untersuchungen gefunden werden könnten. Jeder Patient mit sicher diagnostizierten klinischen Vorzeichen, einer sogenannten „Mild Cognitive Impairment“, sollte über die Möglichkeiten einer Frühdiagnostik aufgeklärt werden. „Frühe präventive Maßnahmen können die Chance erhöhen, den Fortschritt der Erkrankung zu bremsen“, so Schulz.

Umgekehrt raten die Experten der Leitlinie von einem Screening mit kognitiven Tests bei Menschen ohne Beschwerden und Symptome – einzig mit dem Ziel, eine mögliche Demenzerkrankung auszuschließen – eindeutig ab.

Risiken mindern

„Es gibt wahrscheinlich Möglichkeiten, das Risiko für eine Demenz zu mindern“, sagte Prof. Dr. med. Frank Jessen, Köln, und Leitlinienkoordinator der DGPPN. „Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Hypertonie und Übergewicht sind Risikofaktoren für Demenz, denen man frühzeitig medizinisch entgegenwirken kann.“ Regelmäßige körperliche Aktivität und eine mediterrane Ernährung seien zudem präventive Faktoren. Für den Nutzen zusätzlicher Vitaminpräparate gebe es hingegen keine Evidenz. Rauchen gilt, ebenso wie Alkoholkonsum, als Risikofaktor für Demenz.

Hinsichtlich der medikamentösen Therapie von Alzheimer-Demenz gibt es wenig Neues. „Wir haben zwar nur ein kleines Arsenal an nachweislich wirksamen Substanzen, diese können wir aber gezielt und individuell einsetzen“, sagte Prof. Dr. med. Richard Dodel, Marburg. Acetylcholinesterase-Hemmer förderten die Fähigkeit der Patienten, ihre Alltagsaktivitäten zu verrichten und stabilisierten die kognitive Funktion bei einer leichten bis mittelschweren Alzheimer-Demenz. Memantin verbessere die Alltagsfunktion und den klinischen Gesamteindruck bei Patienten mit moderater bis schwerer Alzheimer-Demenz. „Neu ist, dass Ginkgo biloba bei Patienten mit leichter bis mittelgradiger Alzheimer-Demenz oder vaskulärer Demenz, die zusätzlich unter Verhaltensänderungen wie Depression oder Antriebsstörungen leiden, Hinweise auf eine positive Wirkung zeigt“, betonte Dodel.

Neuroleptika, die Demenz-Patienten gegeben werden, die zusätzlich an Psychosen oder aggressiven Verhaltensänderungen leiden, bewertete Dodel hingeben als „Hoch-Risiko-Medikamente“. „Der Einsatz führt zu erhöhter Mortalität, Schlaganfallrisiko und sollte nur sehr eng gestellt und nicht länger als drei Monate verordnet werden“, warnte der Neurologe.

Psychosoziale Interventionen

Neben der pharmakologischen Therapie spielen die psychosozialen Interventionen eine wesentliche Rolle: „Das Gehirn ist auch bei fortscheitender Demenz noch lernfähig; krankheitsbedingte Einschränkungen können mit kognitiver Stimulation und Ergotherapie kompensiert werden“, betonte Maier. Psychosoziale Interventionen wirkten so gut wie Medikamente und seien gleichrangige Bausteine im Gesamtbehandlungsplan. „Die Anwendung solcher Verfahren sollte möglichst zu Hause erfolgen. Damit werden nicht nur Lebensqualität und Fähigkeiten der Demenz-Patienten gefördert, sondern auch die Pflegenden entlastet“, sagte der Psychiater.

Intensive Angehörigentrainings sollten zudem eingesetzt werden, um Belastungsfolgen wie Depressionen oder Burn-out bei Pflegenden zu vermeiden. Auch Remineszenzverfahren und gezielte körperliche Aktivitäten werden in der S3-Leitlinie empfohlen. Für multisensorische Verfahren, wie Snoezelen oder Musiktherapie, gibt es hingegen kaum Evidenz. „Verbesserungen sind jedoch häufig nur vorübergehend und die Reichweite ist begrenzt“, schränkte Maier ein.

Petra Bühring

@Langfassung der S3-Leitlinie
„Demenzen“:
http://d.aerzteblatt.de/FG48

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