POLITIK

Gesundheit von Kindern: Soziale Unterschiede sichtbar

Dtsch Arztebl 2016; 113(7): A-264 / B-228 / C-228

Richter-Kuhlmann, Eva

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Eine WHO-Studie zeigt: Bereits bei Kindern gibt es ein sowohl individuell als auch regional unterschiedliches Gesundheitsverhalten. Dies kann später zu Unterschieden in der Herzgesundheit führen.

Die gesundheitliche Ungleichheit bei Kindern und Jugendlichen wächst. Zu diesem Schluss kommen Forscher aus 44 Ländern in Europa und Nordamerika. Gemeinsam untersuchen sie unter der Schirmherrschaft der Welt­gesund­heits­organi­sation seit 1982 mit der internationalen Health Behaviour in School-aged Children (HBSC)-Studie Ungleichheiten in der Bildung und dem Wohlstand von Familien sowie die damit einhergehenden gesundheitlichen Unterschiede bei den Kindern. Die aktuellen Ergebnisse werden im März von der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) veröffentlicht.

Herzbericht wird untermauert

Dr. med. Simone Heinemann-Meerz, Präsidentin der Ärztekammer Sachsen-Anhalt, sieht mit der Studie ihre Analyse des kürzlich vorgelegten Deutschen Herzberichts bestätigt. Sachsen-Anhalt schneidet dort im Bundesvergleich schlecht ab (DÄ, Heft 5/2016). Nach Vorlage des Berichts hatte sie davor gewarnt, den Ärztinnen und Ärzten in ihrem Land die Schuld für die Probleme zuzuweisen. Gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt verweist sie auf die sozialen Determinanten und die Risikofaktoren, die sowohl in der HBSC-Studie als auch im Herzbericht benannt werden. „Sie zeigen ein schlechteres Gesundheitsverhalten, auch schon der Kinder und Jugendlichen. Hier müssen wir unsere Präventionsbemühungen weiter verstärken.“ Einige Projekte bestünden schon, erläutert die Präsidentin, wie „Gesund macht Schule“, ein Präventionsprogramm für Schulkinder, das in Kooperation mit der Lan­des­ärz­te­kam­mer durchgeführt wird.

Dies deckt sich mit der Einschätzung von Prof. Dr. Matthias Richter: „Die steigende Einkommensungleichheit in Europa und Nordamerika führt zu immer größeren Ungleichheiten in der psychischen und physischen Gesundheit der Elf- bis 15-Jährigen“, erklärt der Soziologe vom Institut für Medizinische Soziologie der Universität Halle.

Soziale Struktur hat Einfluss

Erstmals wurden für die nun vorliegenden Ergebnisse Daten aus allen 16 deutschen Bundesländern erhoben. Der sozioökonomische Status habe nicht nur auf Individualebene Einfluss auf die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen, erläutert Richter, der seit 2015 den deutschen Studienverbund für die WHO-Studie koordiniert. „Die soziale Struktur des jeweiligen Landes wirkt potenzierend auf die gesundheitlichen Ungleichheiten.“

Bisher war allerdings wenig darüber bekannt, wie sich gesundheitliche Ungleichheiten im Kindes- und Jugendalter entwickeln. „Die neuen Forschungserkenntnisse lassen keine positive Prognose über die künftige gesundheitliche Chancengleichheit zu“, sagt Richter. Ungleichheiten zwischen den sozialen Gruppen konnten im Rahmen der HBSC-Studie beim Ernährungsverhalten, der körperlichen Aktivität, dem Fernsehkonsum sowie der mentalen und körperlichen Gesundheit festgestellt werden. „Es zeigen sich Symptome einer wachsenden Kluft zwischen wohlhabenden und benachteiligten Jugendlichen“, erklärt der Soziologe. Er fordert daher, dass der Zusammenhang verstärkt in das Blickfeld der Gesundheitspolitik gerückt werden müsse. Wichtig sei es, die ungleichen sozialen Bedingungen des Aufwachsens in den Fokus zu rücken

Foto: Ärztekammer Sachsen-Anhalt
Foto: Ärztekammer Sachsen-Anhalt
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

3 Fragen an . . .

Dr. med. Simone Heinemann-Meerz, Präsidentin der Ärztekammer Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalt ist bundesweit Schlusslicht bezüglich der Herzgesundheit und eines gesunden Lebensstils. Wie erklären Sie sich das?

Heinemann-Meerz: Eines vorweg: Ich warne davor, unseren Haus- und Fachärzten die Schuld für die Probleme zu geben. Wie der Deutsche Herzbericht und jetzt auch die Studie der Welt­gesund­heits­organi­sation zum Lebensstil von Kindern und Jugendlichen zeigen, spielen da viele soziale Faktoren eine Rolle. Dazu gehören beispielsweise ein niedrigerer Bildungsgrad oder eine hohe Arbeitslosigkeit, die Einfluss auf die Lebensstilfaktoren und diese wiederum auf die biometrischen und die kardiovaskulären Risikofaktoren haben.

Die existierenden Präventionsprojekte reichen offensichtlich nicht aus...

Heinemann-Meerz: Nein, da gibt es noch erheblichen Nachholbedarf. Aber Projekte allein werden die Probleme auch nicht lösen können. Wir haben im Bundesdurchschnitt die geringste Arztdichte in Sachsen-Anhalt. Es mangelt an Haus- und Fachärzten. Wir versorgen in unserem Land viel mehr Patienten als in allen anderen Bundesländern. Trotz dieser hohen Arbeitsverdichtung leisten wir in unseren Praxen Tag für Tag eine qualitativ hochwertige Medizin.

Könnten sich die Hausärzte noch mehr engagieren?

Heinemann-Meerz: Die Hausärzte in Sachsen-Anhalt betreuen ihre Patienten bereits umfassend und leisten trotz schwieriger Rahmenbedingungen hervorragende Arbeit. Dafür gebührt ihnen Dank, Respekt und Anerkennung. Es ist schon schwierig genug, die meist multimorbiden Patienten sensibel auf die Notwendigkeit einer Weitervermittlung zum Facharzt zu filtern. Die im Bundesvergleich zu geringe Facharztdichte in Sachsen-Anhalt darf nun aber nicht dazu führen, dass unsere Hausärzte noch mehr beansprucht werden – die Schmerzgrenze ist längst erreicht.

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