ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2016Fitness-Tracker: Der Datenhunger wächst

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Fitness-Tracker: Der Datenhunger wächst

Dtsch Arztebl 2016; 113(7): A-257 / B-219 / C-219

Schmedt, Michael

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Die digitale Selbstvermessung ist im Trend. Rund ein Drittel der Bevölkerung zeichnet seine Gesundheitsdaten auf. Die Krankenkassen wollen mitspielen.

Foto: dpa
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Der Mensch ist keine Maschine war ein Ergebnis des „Stressreport Deutschland“ vor ein paar Jahren. Mit dem Trend zum Gebrauch von Fitness-Trackern könnte man eher zur gegenteiligen Einschätzung kommen. Denn die Deutschen messen und sammeln Daten zu ihrem Körper, wetteifern mit Gleichgesinnten, wie man es sonst nur vom Vergleich der Leistungsdaten aus Autotests kennt. Schlafdauer, Bewegung, Herzfrequenz, Kalorienverbrauch oder Blutdruck: Smartphones, Wearables oder Computeruhren machen es einfach, eine „Gesundheitsdatenakte“ für den Nutzer dieser technischen Helferlein anzulegen.

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Jeder Fünfte nutzt Wearables

Rund ein Drittel der Bevölkerung zeichnet Gesundheitsdaten auf, wie eine repräsentative Umfrage des IT-Branchenverbands Bitkom ergab. Dabei setzen 18 Prozent auf Fitness-Armbänder, 13 Prozent auf Smartphones mit entsprechenden Apps und sechs Prozent auf Computeruhren. „Die Zahlen sind schon bemerkenswert“, sagte der Hauptgeschäftsführer des IT-Branchenverbands Bitkom, Bernhard Rohleder. Schließlich seien die Geräte erst wenige Jahre auf dem Markt. Für Jens Baas, Vorstand der Techniker Krankenkasse (TK), ist klar: „In ein paar Jahren wird jeder von uns so ein Gerät haben“, sagte er der Süddeutschen Zeitung. Für ihn werde es dann spannend, wenn man künftig die gesammelten Biodaten zusammenführen kann. Darum plädiert er für die schnelle Einführung der elektronischen Patientenakte. „Die soll klassische medizinische Daten enthalten, und in sie sollen auch Daten einfließen, die zum Beispiel über einen Fitness-Tracker erhoben werden“, sagte der TK-Chef. Dem widerspricht Dr. med. Franz-Joseph Bartmann, Vorsitzender des Telematikausschusses der Bundes­ärzte­kammer: „Fitness-Tracker mögen für den Privatgebrauch sinnvoll sein, in der Patientenakte haben deren Daten nichts zu suchen“, sagte er dem Deutschen Ärzteblatt. Denn für Diagnose und Therapie im Krankheitsfall brauche man verlässliche Messwerte. „Die können nur mit Geräten erhoben werden, die die strengen Kriterien des Medizinproduktegesetzes erfüllen“, erläuterte Bartmann.

Biodaten gegen Prämie

Viele der fleißigen Datensammler in der Bevölkerung könnten sich vorstellen, ihre Messwerte an Ärzte oder Krankenkassen weiterzugeben. So wären drei Viertel aller Befragten im Krankheitsfall bereit, ihre per Tracker gemessenen Werte an ihren Arzt zu übermitteln. Unter chronisch Kranken sind es sogar 93 Prozent. Ein Drittel der Befragten aus der Bitkom-Studie sei auch bereit, die Daten an Krankenkassen zu geben, etwa um im Gegenzug Prämien zu bekommen.

Der Versicherungskonzern Generali kündigte schon Ende 2014 an, mit einem sogenannten Telemetrie-Tarif bei seiner Kran­ken­ver­siche­rung („Vitaly-Programm“) Daten über Fitness und Lebensstil sammeln zu wollen. Kunden, die ihr gesundes Leben per App dokumentierten, würden im Gegenzug Gutscheine und Rabatte bei Prämien erhalten. Auch die AOK-Nordost bezuschusst „Quantified-Self-Hardware“ wie Pulsmesser, Self-Tracker bis hin zur Apple-Watch. Zudem bieten sowohl die AOK mit „FitMit“, als auch die Barmer GEK mit „Fit2Go“ eine eigene App an, mit der die Versicherten Bonuspunkte sammeln können. Das Programm der Barmer lief allerdings Ende 2015 aus.

Sorge um falsche Messwerte

Vielen Verbrauchern sind die Risiken dieser Geräte durchaus bewusst. Einer Umfrage im Auftrag des Bundesjustizministeriums zufolge befürchten 32 Prozent der Befragten falsche Messwerte, 31 Prozent falsche Ratschläge und 39 Prozent sehen die Verwendung der Daten durch Dritte als Problem. Die Stiftung Warentest bestätigt diese Zweifel. Sie untersuchte kürzlich zwölf Fitness-Armbänder, etwa von Fitbit, Jawbone oder Xiaomi. Aber nur zwei Modelle – beide von Garmin – erhielten das Urteil „gut“.

Die Bedenken um den Datenschutz sind ein zentrales Thema, wenn es um die Verwendung der Gesundheitsdaten geht, auch wenn viele Bundesbürger beim Online-Einkauf bereitwillig ihre Daten preisgeben, um Vergünstigungen zu bekommen. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) will darum prüfen lassen, die Verwendung bestimmter Gesundheitsdaten auf Grundlage der neuen EU-Datenschutzgrundverordnung einzuschränken. „Es darf nicht sein, dass Informationen über individuelle körperliche oder seelische Schwächen auf dem Datenmarkt die Runde machen.“ Versicherte dürften bei Kran­ken­ver­siche­rungen keine Nachteile haben, weil sie ihre Gesundheitsdaten nicht zur Verfügung stellen, betonte Maas. Eine Prämienzahlung gegen Gesundheitsdaten hält auch TK-Chef Jens Baas nicht für sinnvoll. Kurzfristig könne man schnell Kunden gewinnen, langfristig würde man aber das Misstrauen der Kassenmitglieder schüren, glaubt Baas. Gleichwohl ist er davon überzeugt, dass die von ihm präferierte elektronische Patientenakte mit den Fitnessdaten in die Hände der Kassen gehört. „Wir können über das Risiko einer Erkrankung informieren, wenn wir die Krankheiten, den Puls, das Ausmaß der Bewegung und so weiter zusammen analysieren“, argumentierte Baas in der Süddeutschen Zeitung.

Für Bartmann gehören die Patientendaten dagegen eindeutig in die Verfügungsgewalt der Patienten. Die elektronische Patientenakte sei als verbindliche Anwendung der elektronischen Gesundheitskarte wie im E-Health-Gesetz definiert, dafür notwendig. Keinesfalls dürfe aber der Datenhunger von Krankenkassen dazu führen, dass Patienten dazu gedrängt würden, ihre Fitness-Tracker-Daten in der elektronischen Patientenakte abzulegen. „Das dient wohl am ehesten den Marketingstrategen bei der Akquise dieser umworbenen Klientel, nämlich gesunder und leistungsfähiger Versicherter“, kommentiert Bartmann.

Standards unabdingbar

Bitkom-Geschäftsführer Rohleder betonte den hohen Nutzen der Gesundheits-Apps für „gesunde Menschen, länger gesund zu bleiben, für Kranke, schneller gesund zu werden“. Bei Arzneimitteln könnten die Apps mit einer Erinnerungsfunktion oder bei der Verträglichkeitsprüfung helfen.

Die Medikamenteneinnahme dürfe man nicht einer App überlassen, die irgendwelche Programmierer entwickelt hätten, hält Klaus Müller, Vorstand der Verbraucherzentrale Bundesverband, dagegen. „Gesundheits-Apps können das Leben von Patienten verbessern, aber auch Schaden anrichten.“ Er sei Aufgabe der Politik, Standards für Qualität, Datenschutz und Datensicherheit zu entwickeln, fordert Müller.

Michael Schmedt

Kommentar

Michael Schmedt, Deutsches Ärzteblatt

Persönliche Daten sind inzwischen die Währung im Internet. Kaum ein Angebot im Web, das nicht eine Registrierung mit persönlichen Daten verlangt. Erst recht, wenn kostenfreie Angebote im Spiel sind. Daher verwundert es nicht, dass rund 75 Prozent der Bevölkerung sich vorstellen könnten, auch ihre persönlichen Fitnessdaten an die Krankenkassen weiterzugeben – wenn sie dafür einen Bonus bekämen. Zudem gelten die Kassen als vertrauenswürdige Partner, die bei Krankheit helfen und sich um die Gesundheit ihrer Mitglieder sorgen. Kann man also TK-Chef Jens Baas vertrauen, der meint, die Fitnessdaten seien in der elektronischen Gesundheitsakte gut aufgehoben, die am besten auch noch in den Händen der Kasse liegt? Die Gegenfrage muss lauten: Was will man mit Daten von unterschiedlichen Geräten, die keinen (Mess-)Standard haben und bei denen man nicht sicher sein kann, welche Daten aufgezeichnet werden? Ein Fitnessarmband kann schließlich auch einmal dem sportlichen Partner „ausgeliehen“ werden. Von der Datensicherheit ganz zu schweigen. Darüber hinaus betreiben die Krankenkassen – insbesondere diejenigen, die dafür Prämien zahlen – eine Risikoselektion. Denn vor allem die gesunden und aktiven Mitglieder werden sich solch ein Gerät zulegen. So fallen Ältere, die vielleicht nicht so technik-affin sind, aus dem Solidarsystem, das die gesetzlichen Krankenkassen ja ausmacht.

Dennoch: Die Chancen, die „Big Data“ in der medizinischen Forschung bietet, müssen genutzt werden. Aber bitte nur streng anonymisiert, mit validen Daten und hohem Datenschutz und nicht als Marketingstrategie einer Kasse, um neue Versicherte zu gewinnen.

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