ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2016Medizinisches Cannabis: Ärzte gegen Cannabisblüten

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Medizinisches Cannabis: Ärzte gegen Cannabisblüten

Bühring, Petra

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Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium will die Versorgung chronisch Kranker mit cannabinoidhaltigen Arzneimitteln und Medizinalhanf erleichtern. Die Ärzteschaft kritisiert die Pläne des Gesetzentwurfs als nicht ausgereift.

Beim Gebrauch von Cannabisblüten ist keine genaue Dosierung der medizinisch wirksamen Komponenten möglich. Foto: Fotolia/Atomazul
Beim Gebrauch von Cannabisblüten ist keine genaue Dosierung der medizinisch wirksamen Komponenten möglich. Foto: Fotolia/Atomazul

So vehement sich die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler (CSU) immer gegen die Freigabe von Cannabis als Freizeitdroge ausgesprochen hat, so eindeutig ist sie in ihrer Haltung für den Einsatz von medizinischem Cannabis für schwer chronisch kranke Patienten. „Diejenigen, die Cannabis als Medikament nachweislich brauchen, sollen es erhalten, und die Kassen sollen die Kosten übernehmen“, sagte sie im vergangenen Jahr. Die Regelungen dazu hat das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) jetzt vorgelegt.

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Der Referentenentwurf eines „Gesetzes zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften“ ist allerdings deutlicher Kritik aus der Ärzteschaft ausgesetzt. Grundsätzlich soll das Gesetz dazu dienen, die Verkehrs- und Verschreibungsfähigkeit von weiteren Arzneimitteln auf Cannabisbasis sowie Medizinalhanf (Cannabisblüten und -extrakte) herzustellen, um Patienten nach ärztlicher Indikation in pharmazeutischer Qualität durch Abgabe in Apotheken den Zugang zu ermöglichen. Eine beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) angesiedelte „staatliche Stelle“ soll sich um Anbau und Vertrieb kümmern.

Darüber hinaus sieht der Gesetzentwurf vor, dass gesetzlich Krankenversicherte bei therapeutischer Notwendigkeit Medizinalhanf und cannabinoidhaltige Arzeimittel (Nabilon, Dronabinol) erstattet bekommen. Derzeit besitzen 527 Patienten in Deutschland eine Ausnahmeerlaubnis des BfArM zum Bezug von Medizinalhanf. Bisher müssen sie die Kosten von bis zu 1 800 Euro monatlich selbst tragen. Nicht alle nutzen deshalb die Ausnahmeerlaubnis, sondern bauen Cannabis selbst an oder erwerben es illegal.

Das Vorhaben, eine erweiterte Verordnungsfähigkeit cannabinoidhaltiger Arzneimittel zu schaffen, wird von der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) in einer Stellungnahme grundsätzlich begrüßt. Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) bewertet in einer eigenen Stellungnahme die Intention, über die Verordnungsfähigkeit die Versorgungssituation der Betroffenen zu verbessern, als „nachvollziehbar“.

Cannabis in Form von getrockneten Blüten oder Extrakten zulasten der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung zu verordnen, lehnen BÄK und AkdÄ indes eindeutig ab. Für ihren Einsatz fehle es an ausreichender wissenschaftlicher Evidenz, während es einen gewissen Nutzen für den therapeutischen Einsatz von Rezeptur- und Fertig-arzneien gebe. Zudem sei zu berücksichtigen, dass der Gebrauch von Cannabisblüten keine genaue Dosierung der medizinisch wirksamen Komponenten erlaube und dessen Gebrauch als Joint mit den gesundheitlichen Gefahren des Tabakrauchens verbunden sei, heißt es in der Stellungnahme.

Auch die KBV sieht den Einsatz von Medizinalhanf „in Bezug auf ihre Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit kritisch“. Bei Fertig-arzneimitteln erfolge die Überprüfung im Rahmen der arzneimittelrechtlichen Zulassung. Bei Stoffen und Rezepturen fehle diese Überprüfung. „Es stellt sich die Frage, warum für Cannabis eine Sonderregelung getroffen werden soll, die hinsichtlich der zu erfüllenden Anforderungen niedriger liegt“, schreibt die KBV.

BÄK und AkdÄ kritisieren schließlich die Regelung, die betroffenen Patienten zur Begleitforschung zu verpflichten, wie es der Referentenentwurf vorsieht. Dies sei im SGB V ein Novum und: „Eine Kostenerstattung durch die GKV an die verpflichtende Teilnahme an entsprechenden Studien zu koppeln, ist abzulehnen.“ Zudem könne die geplante kurzzeitige Begleitforschung „keine belastbare Evidenz generieren“, schreibt die KBV. Die Organisationen halten es für indes für sinnvoll, die Anwendung cannabinoidhaltiger Arzneimittel weiterhin wissenschaftlich zu begleiten.

Petra Bühring

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