ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2016Krebsfrüherkennung: In der Sache erfolgreich

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Krebsfrüherkennung: In der Sache erfolgreich

Dtsch Arztebl 2016; 113(7): A-249 / B-213 / C-213

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Man nannte es Angelina-Jolie-Effekt: Der war im Jahr 2013 Ursache dafür, dass die Nachfrage nach Gentests zur Feststellung von Brustkrebs-Dispositionen plötzlich sprunghaft anstieg. Das öffentliche Geständnis der Schauspielerin, die sich nach einem Gentest präventiv für eine Amputation entschieden hatte, war populistisch-boulevardesker Höhepunkt einer nach wie vor anhaltenden öffentlichen Diskussion um das Für und Wider einzelner Konsequenzen aus den Krebsfrüherkennungs-Untersuchungen.

Die Diversität in der Diskussion ist geblieben, immer wieder bereichert um aktuelle Entwicklungen und Erkenntnisse, immer wieder gekrönt durch die offensive Aussage in den Publikumsmedien, „der Krebs“ sei in absehbarer Zukunft besiegt. All das zeigt: Aufklärung und Versachlichung bleiben ein berechtigtes und kontinuierlich zu verfolgendes Petitum.

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Dabei wird das Pro und Contra einzelner Maßnahmen in der Vorsorge inzwischen zunehmend rationalisiert. Sicher, die Klärung einer optimalen Grenzziehung zwischen „zu viel“ und „zu wenig“ in der Prävention ist nach wie vor virulent. Sie reicht von der Warnung vor den psychischen Folgen der Mammakarzinom-Vorsorge eines Gerd Gigerenzer, der als Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts in den vergangenen Jahren eine die individuellen Konsequenzen beachtende Bewertung des Mammographie-Screenings befürwortete, bis hin zur rigorosen Ausschaltung von Risiken durch Amputation à la Angelina Jolie.

Aber Forschung und medizinische Möglichkeiten schreiten voran. Studienergebnisse zur Vorsorgekoloskopie zeigen – wie in der vorliegenden Ausgabe dargestellt – auf, dass hier ein richtiger Weg beschritten wurde. Inzidenz und Mortalität von Darmkrebs sind merklich zurückgegangen, um 20,8 Prozent bei Männern, um 26,5 Prozent bei Frauen (Zeitraum 2002 bis 2012). Die in Deutschland seit 2002 ab dem 56. Lebensjahr gesetzlich mögliche Früherkennung wirkt. Hier kann durch konzeptionelles geplantes Handeln Leben gerettet werden.

Ohnehin tut sich in Deutschland in dieser Hinsicht einiges. Der 2007 mit viel Enthusiasmus verabschiedete Nationale Krebsplan und das darauf aufbauende Krebsfrüherkennungs- und -registergesetz (KFRG) haben die Richtung vorgegeben, wie präventive Maßnahmen gegen die Krebskrankheiten in den kommenden Jahren implementiert werden können. Dennoch erhoffen sich die Onkologen jetzt eine intensivere Unterstützung von Politik und Krankenkassen.

Denn in Deutschland gibt es im internationalen Vergleich durchaus noch Nachholbedarf. Wie der zum Heftschwerpunkt Krebsfrüherkennung zählende Artikel „Paradigmenwechsel - Vom Insistieren zum Informieren“ als Disputationsbeitrag darstellt, liegt zum Beispiel hierzulande die Impfrate von Mädchen und jungen Frauen gegen humane Papillomviren (HPV) nur bei 40 Prozent. In Großbritannien und Australien, wo flächendeckende Impfungen in Schulen stattfinden, ist die Rate doppelt so hoch. Ein flankierender Schritt in die richtige Richtung soll das ab 2018 in Deutschland avisierte flächendeckende HPV-Screening werden. Was auf gutem Weg ist, kann noch besser werden.

Neue Wege geht hier auch das Deutsche Ärzteblatt: Mit Schwerpunkten wie diesem wird die Redaktion vermehrt Diskussionsgrundlagen, Hintergrundwissen und Orientierungshilfe zu relevanten Themen und Entwicklungen im Gesundheitswesen bieten.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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Avatar #552406
Jürgen-Tacke
am Samstag, 20. Februar 2016, 14:31

Hautkrebs-Screening ohne Nutzen

Wenn der Chefredakteur des DÄ bei der Krebsfrüherkennung zu der Erkenntnis gelangt, diese sei "in der Sache erfolgreich", dann vermittelt er ein Ergebnis, das sich die Öffentlichkeit wünscht. Sein Fazit gilt zumindest nicht für das gesetzliche Hautkrebs-Screening.

Bei keiner anderen Krebsfrüherkennungsmaßnahme ist die Sinnlosigkeit so offensichtlich wie beim Hautkrebs-Screening. Es gibt nicht eine hochwertige Studie, die den Nutzen dieser Maßnahme belegt. Die vom G-BA bei der Einführung des Hautkrebs-Screenings angeführte Studie (1), ist offensichtlich so minderwertig, dass man dort schon beide Augen zudrücken musste (was ja schon mal ganz schlecht für die Entdeckung von Hautkrebs ist), um hier einen Nutzen ableiten zu können. Die offizielle Überprüfung des Hautkrebs-Screenings nach fünf Jahren war von beschämender wissenschaftlicher Qualität und zeigt ein desaströses Bild dieser Früherkennungsmaßnahme. Es wundert daher nicht, dass die Mortalität am Melanom in Deutschland in den letzten Jahren weiter angestiegen ist.

Das richtige Fazit lautet also beim Hautkrebs-Screening:
In der Sache erfolglos.

Die richtige Forderung: Bewahrt die Bevölkerung vor unnötigen Ängsten und gebt das gesparte Geld für die tatsächlich Erkrankten aus!

Dr. med. Jürgen Tacke, M.P.H.(USA)
Hautarzt in Köln




(1) Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention. Abschlussbericht zur Phase III („Pilotphase“) des Projektes Weiterentwicklung der Hautkrebsfrüherkennung im Rahmen der gesetzlichen Krebsfrüherkennungsuntersuchung (KFU) als Vorbereitung für die flächendeckende Einführung. 2004. Available from: http://www.g-ba.de/downloads/40-268-1748/2007-11-15_HKS-Abschlussbericht_2004.pdf.
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 20. Februar 2016, 14:15

Früherkennung, Prävention und Vorsorgeuntersuchungen

Im DÄ-Titel auf SEITE EINS "Krebsfrüherkennung: In der Sache erfolgreich" ist eigentlich noch alles klar. Es kommt darauf an, Krebserkrankungen und seine Vorstufen so früh wie möglich zu detektieren, um die betroffenen Patientinnen und Patienten zu einer Risiko -adäquaten Therapie zu motivieren.

Vorsorge und Prävention beziehen sich dagegen auf exogen und endogen hereditär, idiopathisch oder auch iatrogen identifizierbare Risikofaktoren, Lebensstile, Dispositionen in Umwelt, Gesellschaft und Individuum.

Aber dann geht es los mit "das Pro und Contra einzelner Maßnahmen in der Vorsorge", also n i c h t mehr mit "Früherkennung", sondern mit einem ganz anderen Thema. Auch "die offensive Aussage - nicht nur - in den Publikumsmedien, „der Krebs“ sei in absehbarer Zukunft besiegt", ist ebenso abwegig wie gefährlich irreführend.

Den Medizin-bildungsfremden und Versorgungs-fernen Prof. Gerd Gigerenzer, der als Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in den vergangenen Jahren die Begriffe Früherkennung, Screening, Vorsorge und Prävention nicht mehr richtig trennen will, kann man nicht ernst nehmen. Vor den psychischen Folgen der Mammakarzinom-Vorsorge zu warnen, ist unlogisch, weil z. B. die Mammographie auch als Screening eine reine Krebs-Früherkennung und gar keine eigentliche Vorsorge ist. Bei unauffälligen Befunden erübrigen sich sogar alle weiteren Gigerenzer-Erörterungen

Die Vorsorgekoloskopie ist nur ohne pathologischen Befund eine echte Vorsorge. Mit suspekten Polypen oder Carcinoma in situ, die in derselben Koloskopie kurativ behandelt werden können, hat eine erfolgreiche Krebs -Früherkennung und -Therapie stattgefunden.

Impfungen von Mädchen und jungen Frauen gegen humane Papillomviren (HPV) sind dagegen rein präventive Krebs-Vorsorge-Maßnahmen und gehören n i c h t zum Themenschwerpunkt Krebsfrüherkennung.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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