ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenSUPPLEMENT: Pneumologie & Allergologie 1/2016Verdacht auf Schlafapnoe: Wann Überweisung in ein Schlaflabor?

SUPPLEMENT: Perspektiven der Pneumologie & Allergologie

Verdacht auf Schlafapnoe: Wann Überweisung in ein Schlaflabor?

Dtsch Arztebl 2016; 113(8): [14]; DOI: 10.3238/PersPneumo.2016.02.26.03

Storre, Jan Hendrik

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Die verschiedenen Formen der schlafbezogenen Atemstörungen erfordern unterschiedliche Diagnostik und Therapien.

Die Polysomnographie beinhaltet die Aufzeichnung von Hirnströmen, Augenund Muskelbewegungen, Atemparametern und Herzaktivität. Sie dient zur Beurteilung der individuellen Schlafqualität. Foto: picture alliance
Die Polysomnographie beinhaltet die Aufzeichnung von Hirnströmen, Augenund Muskelbewegungen, Atemparametern und Herzaktivität. Sie dient zur Beurteilung der individuellen Schlafqualität. Foto: picture alliance

Die therapiebedürftigen schlafbezogenen Atemstörungen (SBAS) besitzen eine sehr hohe Prävalenz und kommen bei etwa drei bis 14 Prozent aller männlichen und zwei bis sieben Prozent aller weiblichen Erwachsenen in der Allgemeinbevölkerung vor. Das obstruktive Schlafapnoe-Syndrom (OSAS) ist dabei die bedeutendste Erkrankung unter den SBAS und stellt einen unabhängigen Risikofaktor dar unter anderem für:

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  • arteriellen Hypertonus,
  • Herzinsuffizienz,
  • Vorhofflimmern,
  • Schlaganfall,
  • Diabetes mellitus und
  • metabolisches Syndrom.

Gerade bei diesen Patientengruppen wird die Prävalenz eines mittelgradigen oder sogar schweren Schlafapnoe-Syndroms mit 20–50 Prozent noch deutlich häufiger angenommen.

SBAS führen zu beträchtlichen Störungen der Schlafqualität, was eine erhöhte Tagesmüdigkeit und reduzierte Aufmerksamkeit am Tag nach sich zieht. In der Folge kommt es zu einer deutlichen Einschränkung in der Lebensqualität sowie einer deutlich erhöhten Unfallrate im Straßenverkehr sowie am Arbeitsplatz. Als therapeutische Option steht in erster Linie die Anwendung eines positiven Überdruckes CPAP (continuous positive airway pressure) zur Verfügung, die in den meisten Fällen zu einer Stabilisierung der nächtlichen Atemstörungen führt und die erlebten Symptome suffizient behandelt. Ebenso ist durch die CPAP-Therapie ein positiver therapeutischer Effekt mit Senkung des arteriellen Hypertonus belegt und führt bei effektiver Behandlung zu einer Senkung der Morbidität und Mortalität betroffener Patienten.

In ausgewählten Patientengruppen kann auch therapeutisch die Anwendung einer Unterkieferprotrusionsschiene erfolgen. Ein HNO-ärztlicher operativer Eingriff sollte in Einzelfällen evaluiert werden, wobei eine langfristige Heilung hierdurch nur in besonderen Konstellationen möglich wird.

Aufgrund der eingangs erwähnten hohen Prävalenz der SBAS ist es sehr anspruchsvoll, eine flächendeckende, hochqualifizierte und gleichzeitig wirtschaftliche Versorgung in Deutschland sicherzustellen. Daher wurde im Jahr 2014 ein gemeinsames Positionspapier der pneumologischen und schlafmedizinischen Fachgesellschaften und Organisationen erstellt mit dem Ziel, auf dem Boden der aktuellen Versorgungsstruktur die wesentlichen Aspekte der Diagnostik und Therapie schlafbezogener Atmungsstörungen zu diskutieren und konkrete Vorschläge hinsichtlich des Vorgehens abzubilden.

Diagnostik bei Verdacht auf nächtliche Atemstörungen

Die Diagnostik einer SBAS erfolgt zunächst nicht-apparativ durch eine genaue Anamnese sowie den Einsatz von speziellen Fragebögen (zum Beispiel Epworth Sleepiness Scala). Eine apparative Diagnostik mittels Polygraphie und Polysomnographie (PSG) wird erst im Anschluss durchgeführt, um diese gezielt einsetzen zu können.

In Tabelle 1 sind klassische Symptome und Beschwerden eines OSAS aufgeführt, welche durch die Betroffenen selbst oder auch durch die Bettpartner berichtet werden. Aus diesem Grund nimmt insbesondere die Fremdanamnese eine entscheidende Rolle ein.

Klassische Symptome des obstruktiven Schlafapnoe-Syndroms
Tabelle 1
Klassische Symptome des obstruktiven Schlafapnoe-Syndroms

Durch die Analyse der in Tabelle 1 dargelegten Symptome und Beschwerden sowie begleitender Erkrankungen lässt sich Vorfeld bereits eine Vortestwahrscheinlichkeit ermitteln (Tabelle 2), welche für die Einleitung der weiteren Diagnostik wichtig ist. Der Begriff einer Vortestwahrscheinlichkeit beschreibt dabei, mit welcher Wahrscheinlichkeit bereits vor der Durchführung eines apparativen Tests vom Vorliegen einer bestimmten Erkrankung, wie hier dem OSAS oder unkompliziertem Schnarchen, ausgegangen werden kann.

Vortestwahrscheinlichkeit für das Vorliegen eines obstruktiven Schlafapnoe-Syndroms (OSAS) oder einem unkomplizierten Schnarchen nach Randerath WJ et al
Tabelle 2
Vortestwahrscheinlichkeit für das Vorliegen eines obstruktiven Schlafapnoe-Syndroms (OSAS) oder einem unkomplizierten Schnarchen nach Randerath WJ et al

Der Hausarzt spielt dabei eine entscheidende Rolle in der Diagnostik der SBAS, da er in der Regel der erste ist, an den sich die betroffenen Patienten wenden. Durch die erwähnten einfachen nicht-apparativen Mittel ist er in der Lage, die Vortestwahrscheinlichkeit für das Vorliegen einer obstruktiven schlafbezogenen Atmungsstörung zu ermitteln, Tabelle 2.

Im Anschluss erfolgt dann eine weitere spezifische apparative Diagnostik, (Grafik) welche neben den in Tabelle 2 bereits aufgeführten Vortestwahrscheinlichkeiten für ein OSAS (Gruppe A) oder unkompliziertes Schnarchen (Gruppe D) auch die Patienten berücksichtigt, welche die eingangs erwähnten positiven Risikofaktoren ohne Symptome zeigen (Gruppe C) als auch Patienten mit unklarer Differenzialdiagnose (Gruppe B).

Algorithmus zur Diagnostik und Primärtherapie obstruktiver schlafbezogener Atmungsstörungen
Grafik
Algorithmus zur Diagnostik und Primärtherapie obstruktiver schlafbezogener Atmungsstörungen

Eine einfache Screening-Untersuchung (1- oder 2-Kanal) sollte nur bei asymptomatischen Patienten mit Risikofaktoren eingesetzt werden. Diese kann von geschulten Hausärzten oder Fachärzten erfolgen.

Sollte dieser Befund auffällig sein, so ist eine diagnostische Polysomnographie indiziert, um die hier möglichen unterschiedlichen Subtypen der SBAS genau zu definieren, bevor weitere therapeutische Strategien erwogen werden. Eine Polygraphie oder auch die im Anschluss notwendigen Polysomnographien sollten unbedingt von Ärzten mit der Qualifikation Somnologe, einem Arzt mit Zusatzbezeichnung Schlafmedizin oder Ärzten mit Genehmigung zur Durchführung der Polygraphie/Polysomnografie durch die kassenärztliche Vereinigung erfolgen.

Hierbei ist es essenziell, dass der Befund anhand der Analyse der Originalkurven gestellt wird und die Diagnose nicht auf dem Boden einer automatisch generierten Analyse erfolgt. Die Auswertung einer Polygraphie oder Polysomnographie kann jedoch durch ein qualifiziertes nicht ärztliches Personal vorbereitet werden, der Arzt muss diese jedoch überprüfen.

Bei den anderen Patientengruppen (Gruppe A, B, D) ist als erster diagnostischer Schritt eine Polygraphie mit sechs kardiorespiratorischen Kanälen zu empfehlen. Die Polygraphie ist in der Lage, die Diagnose eines OSAS zu bestätigen, und kann somit eine diagnostische Polysomnographie bei eindeutiger Befundkonstellation ersetzen.

Bei unklarem Befund hinsichtlich der Subtypen der SBAS, dem Schweregrad oder auch einer ausgeprägter Symptomatik trotz unauffälligen Befunds in der Polygraphie muss jedoch zur sicheren Diagnostik eine Polysomnographie erfolgen.

Empfehlungen zur Therapie und Nachsorge

  • Die primäre Therapieeinleitung muss dann in einem Schlaflabor unter einer polysomnographischen Überwachung und ärztlicher Verantwortung des schlafmedizinisch qualifizierten Arztes nach kassenärztlicher Vereinigung, des Arztes mit Zusatzbezeichnung Schlafmedizin oder des Somnologen (DGSM) durchgeführt werden.
  • Für einen langfristigen Therapieerfolg ist die
    Weiterbetreuung der Patienten durch schlafmedizinisch qualifizierte Ärzte sehr wichtig.
  • Der den Patienten mit Hilfsmitteln versorgende Arzt beziehungsweise das Schlaflabor sollte den Betroffenen ausführlich bezüglich Anwendung und Handhabungs-Schwierigkeiten einweisen sowie Adressen für Hilfestellungen bereitstellen.
  • Wünschenswert ist eine Kontrolle des Therapieerfolges zum Beispiel bei Hilfsmittelversorgung wie einer CPAP-Therapie zwei bis sechs Wochen nach Therapieeinleitung mittels einer Polygraphie.
  • In der Nachsorge spielt natürlich der Hausarzt eine entscheidende Rolle, da er erneut auftretende Symptome erkennen und den Kontakt zu den schlafmedizinisch spezialisierten Ärzten herstellen kann.

DOI: 10.3238/PersPneumo.2016.02.26.03

Priv.-Doz. Dr. med. Jan Hendrik Storre

Lungenklinik Köln-Merheim, Kliniken der Stadt Köln

Klinik für Pneumologie, Universitätsklinikum Freiburg im Breisgau

Interessenkonflikt: Der Autor erhielt Vortragshonorare beziehungsweise Reiseunterstützung für die Teilnahme an nationalen und internationalen Fachkongressen von den folgenden Firmen: AB, Breas Medical AB, Philips Respironics Inc., ResMed Germany, Heinen und Löwenstein, Werner und Müller Medizintechnik, Keller Medical GmbH, Radiometer Medical Aps, Sen Tec AG, VitalAire, Vivisol Deutschland, Linde Deutschland, Santis GmbH, Weinmann GmbH.

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/0816

1.
Randerath WJ, Hein H, Arzt M, et al.: Konsensuspapier zur Diagnostik und Therapie schlafbezogener Atmungsstörungen bei
Erwachsenen. Pneumologie 2014; 68: 106–23 CrossRef MEDLINE
2.
Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). S3-Leitlinie: Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen. 2009
3.
Praxis der Schlafmedizin. 2. Auflage. Hrsg: Stuck, Mauere, Schredl, Weeß. Springer Verlag Berlin Heidelberg 2009, 2013.
Algorithmus zur Diagnostik und Primärtherapie obstruktiver schlafbezogener Atmungsstörungen
Grafik
Algorithmus zur Diagnostik und Primärtherapie obstruktiver schlafbezogener Atmungsstörungen
Klassische Symptome des obstruktiven Schlafapnoe-Syndroms
Tabelle 1
Klassische Symptome des obstruktiven Schlafapnoe-Syndroms
Vortestwahrscheinlichkeit für das Vorliegen eines obstruktiven Schlafapnoe-Syndroms (OSAS) oder einem unkomplizierten Schnarchen nach Randerath WJ et al
Tabelle 2
Vortestwahrscheinlichkeit für das Vorliegen eines obstruktiven Schlafapnoe-Syndroms (OSAS) oder einem unkomplizierten Schnarchen nach Randerath WJ et al
1.Randerath WJ, Hein H, Arzt M, et al.: Konsensuspapier zur Diagnostik und Therapie schlafbezogener Atmungsstörungen bei
Erwachsenen. Pneumologie 2014; 68: 106–23 CrossRef MEDLINE
2.Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). S3-Leitlinie: Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen. 2009
3.Praxis der Schlafmedizin. 2. Auflage. Hrsg: Stuck, Mauere, Schredl, Weeß. Springer Verlag Berlin Heidelberg 2009, 2013.

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