ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2016Diabetisches Fußsyndrom: Zu viele Amputationen

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Diabetisches Fußsyndrom: Zu viele Amputationen

Dtsch Arztebl 2016; 113(8): A-332 / B-280 / C-280

EB

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Diabetologen fordern ein Zweitmeinungsverfahren und bessere Anreize für die Fußrettung.

Die diabetische Fußerkrankung ist die komplexeste Diabetes-assoziierte Folgeerkrankung. In Deutschland ist davon auszugehen, dass pro Jahr rund 250 000 Patienten ein Diabetisches Fußsyndrom entwickeln – damit ist es der häufigste Grund für eine Amputation. Um die Amputationszahlen zu senken, fordert die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) ein obligatorisches Zweitmeinungsverfahren vor einem solchen Eingriff. Zugleich sind andere Vergütungsstrukturen notwendig, erklärten Experten auf der Jahrespressekonferenz der DDG. Für den Erhalt der Extremitäten müsse es einen Bonus geben, da eine solche Behandlung mit längeren Liegezeiten und mehr Aufwand als bei einer Amputation verbunden ist.

Etwa 50 000 Füße werden jährlich in Deutschland als Folge einer Diabeteserkrankung amputiert, wovon etwa die Hälfte oberhalb des Sprunggelenks (Major-Amputation) erfolgt. „Diese Zahl ist – auch im internationalen Vergleich – viel zu hoch“, stellt Prof. Dr. med. Ralf Lobmann fest, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Diabetischer Fuß der DDG. Auch nach abgeheiltem Ulcus bleibt die Rezidivrate hoch: etwa 34 Prozent nach einem Jahr, 70 Prozent nach fünf Jahren.

Die Häufigkeit ist vor allem auf zwei Faktoren zurückzuführen. „Zum einen kommen viele Patienten mit schlecht heilenden chronischen Fußwunden zu spät in zertifizierte Zentren, oft erst nach zwölf Wochen und später“, so Lobmann. Zahlen belegten dies. Die Komplexität der Erkrankung erfordere die Betreuung durch ein multidisziplinäres Team aus Diabetologen, Gefäßchirurgen und Orthopäden sowie die Integration der nichtärztlichen Assistenzberufe (Diabetesberater, Podologen, orthopädische Schuhmachermeister).

Aktuell sind 201 ambulante und 78 stationäre Einrichtungen zertifiziert. „Während die Rate von Major-amputationen in Zentren bei 3,1 Prozent liegt, beläuft sich die Quote in der Allgemeinversorgung auf zehn bis zwanzig Prozent“, erläutert Lobmann.

Eine Majoramputation zu vermeiden, ist jedoch oberstes Gebot bei der Behandlung des diabetischen Fußsyndroms. Denn das Ausmaß der Extremitäten-Entfernung hat Auswirkungen auf die Lebenserwartung – nur ein Viertel der Patienten überlebt nach einer Major-amputation fünf Jahre, bei der Minoramputation unterhalb des Knöchels sind es dagegen 80 Prozent.

„Daher fordern wir vor einer Amputation das obligatorische Einholen einer qualifizierten Zweitmeinung“, betont der DDG-Experte. Ähnliche Regelungen gibt es etwa auch in Holland, wo Diabetes-patienten mit schlecht heilenden Wunden, die länger als fünf Wochen bestehen, in spezialisierten Zentren behandelt werden müssen.

Finanzielle Fehlanreize müssen beseitig werden

Eine weitere Ursache für die hohe Amputationsrate in der Bundesrepublik liegt nach Ansicht der Fachgesellschaft im derzeitigen Vergütungssystem begründet. „Hier bestehen finanzielle Fehlanreize, die wir beseitigen möchten“, erläutert Prof. Dr. med. Baptist Gallwitz, Präsident der DDG. Eine Amputa-tion ist vergleichsweise auskömmlich finanziert. Doch Behandlungen, die dem Erhalt der Extremität dienen, sind häufig langwierig und mit Klinikaufenthalten von bis zu 40 Tagen verbunden. „Dieser Aufwand bildet sich in der Vergütung bisher nicht ab“, kritisiert Gallwitz. „Wir schlagen daher einen Bonus für die Rettung des Fußes vor.“ EB

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