ArchivDeutsches Ärzteblatt22/1999„Bündnis Gesundheit 2000„: Allianz der Heilberufe gegen die Gesundheitsreform

POLITIK: Leitartikel

„Bündnis Gesundheit 2000„: Allianz der Heilberufe gegen die Gesundheitsreform

Dtsch Arztebl 1999; 96(22): A-1463 / B-1245 / C-1168

Korzilius, Heike; Gerst, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Gemeinsam wollen die Verbände der Heilberufe die Bevölkerung über die
aus ihrer Sicht verheerenden Folgen der Gesundheitsreform aufklären.


Dagegen, daß die bisherige Qualität der medizinischen Versorgung in einem "weiteren chaotischen Gesetzgebungsverfahren" aufs Spiel gesetzt wird, wendet sich das "Bündnis Gesundheit 2000". In dieser Allianz der Heilberufe haben sich unter anderem Vertreter der Pflegeberufe, Ärzte, Apotheker, Arzthelferinnen, Assistenzberufe und Heilmittelerbringer zusammengeschlossen, um - wie Bundes­ärzte­kammerpräsident Karsten Vilmar es formulierte - die Bevölkerung über die Folgen der "völlig übereilten und systemverändernden Gesundheitsreform 2000 aufzuklären".
Einigkeit im Protest
Am Tag nach der Vorstellung des Referentenentwurfs zur Gesundheitsreform (siehe auch Seite eins in diesem Heft) demonstrierten die Gesundheitsberufe Einigkeit im Protest. Werden die Pläne von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer realisiert, führt dies nach Ansicht des Bündnisses geradewegs in die Rationierung. Unter einem Globalbudget, das sich an der Entwicklung der beitragspflichtigen Einnahmen orientiert, lasse sich eine bedarfsgerechte medizinische Versorgung der Patienten nicht aufrechterhalten. Vor dem Hintergrund der demographischen und medizin-technischen Entwicklung müßten sich die zur Verfügung stehenden Mittel am Versorgungsbedarf der Bevölkerung ausrichten. Und: "Die Krankenkassen als AlleinVerfügungsgewaltige des Globalbudgets werden im Wettbewerb zwangsläufig um leistungsstarke gesunde Beitragszahler konkurrieren - auf der Strecke bleibt der Kranke", führt Vilmar das Szenario weiter aus.
Daneben treibt die Heilberufler auch die Angst um die eigenen Arbeitsplätze um. Immerhin zählt das Gesundheitswesen derzeit rund 4,2 Millionen direkt und indirekt Beschäftigte. Der Regierung wirft das Bündnis vor, sie verkenne, daß es sich beim Gesundheitswesen um einen Wachstumsmarkt der Zukunft handelt. "Die von Ministerin Fischer angekündigte Dialogbereitschaft im Hinblick auf die Gesundheitsreform haben wir vermißt", sagt Vilmar. Eine Kritik, die alle Bündnispartner teilen. In ebensolcher Einigkeit signalisieren alle weiterhin, daß sie für konstruktive Gespräche zur Verfügung stehen, um endlich sachgerechte Lösungen für die Probleme im Gesundheitswesen erarbeiten zu können. Das Bündnis hat sich zumindest vorgenommen, die Bürger- und Patienteninformation so lange fortzusetzen, bis die Regierung begreift, daß eine sinnvolle Weiterentwicklung des Gesundheitswesens nur im Konsens mit den Beteiligten erreicht werden kann.
Eine eigene Informationskampagne hatte zuvor die Kassenärztliche Bundesvereinigung ins Leben gerufen. Sie plante unter dem Motto "Heile Welt bald nur noch im Fernsehen" eine Kampagne in Presse, Rundfunk und Fernsehen über die Folgen der geplanten Gesundheitsreform. Allerdings haben sich mittlerweile einige Sendeanstalten wegen rechtlicher Bedenken geweigert, die KBV-Spots auszustrahlen. Dazu der Erste Vorsitzende der KBV, Winfried Schorre: "Wir wollten Aufklärungsarbeit betreiben. Dieses Recht, zu informieren, wird uns auf völlig absurde Weise verweigert."
Fischer fordert Mitarbeit
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Fischer zeigt sich derweil unbeeindruckt von den massiven Protesten. Sie will in jedem Fall an den Grundzügen ihrer Reform festhalten, über Details könne man jedoch reden. Sie hält die derzeitige "Panikmache" für völlig unangemessen. Auch das Arbeitsplatzargument der Heilberufler weist sie zurück: Arbeitsplätze würden verlagert, gingen aber nicht verloren. "Alle Beteiligten müssen zu Veränderungen bereit sein", vertritt die Ministerin ihren Standpunkt. Falls dies nicht der Fall sein sollte, hat sie ein passendes Rezept: "Wir erwarten, daß die Vorgaben eingehalten werden", ansonsten gibt sie sich entschlossen, hart durchzugreifen. Der Rückendeckung aus dem Bundeskabinett ist sie sich sicher.
Thomas Gerst/Heike Korzilius

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema